Derivate

Hebelprodukte - reizvoll, aber hoch riskant

11. Juli 2007 Viele deutsche Privatanleger sind etwas seltsame Wesen. Auf der einen Seite scheuen sie davon zurück, sich profitable Wertpapiere in Form von Aktien ins Depot zu legen. Statt dessen legen sie ihre Gelder lieber aufs Sparbuch, parken sie auf Geldmarktkonten oder kaufen sich intransparente und oft auch teure Kapitallebensversicherungen.

Auf der anderen Seite legen sie sich jedoch auch immer öfter derivative und strukturierte Produkte ins Depot. Fragt sich nur, ob diese weniger riskant sind als konventionelle Produkte. Angesichts des Booms ist jedoch eines sicher: Die Anbieter scheinen gutes Geld damit zu verdienen, denn sonst würden sie das Geschäft nicht so forcieren.

Nur wer ein Produkt versteht, kennt auch seine Chancen und Risiken

Ein genauer Blick auf die Produkte, die Kosten und auch die Handelsmöglichkeiten ist vor dem Kauf unabdingbar. Denn nur wer ein Produkt versteht, kennt auch seine Chancen und Risiken. Das gilt unbedingt für die so genannten Hebelprodukte. Sie haben im Prinzip die gleiche Funktion wie Optionsscheine, reagieren allerdings nur in Grenzbereichen auf die Volatilität. Aus diesem Grund seien sie transparenter und damit berechenbarer, heißt es immer wieder.

Ihr Reiz liegt im so genannten „Leverage“ oder Hebel. Denn solche Papiere lassen die Anleger mit einem vergleichsweise geringen Kapitaleinsatz auf Kursänderungen eines Index, einer Aktie oder anderer Wertpapiere spekulieren. So können sie mit dem Kauf eines MINI Long Zertifikats von ABN Amro mit der Isin NL0000834232 an der Kursentwicklung des Dax-Performance-Index teilhaben.

Das Produkt zeichnet sich durch einen Wandlungspreis von 7.687 Punkte aus und durch eine so genannte Knock-Out-Marke von 7.786 Zählern. Sollte der Index unter diese Marke fallen, würde das Zertifikat wertlos verfallen. Ansonsten berechnet sich der Preis des Produktes durch die Differenz aus aktuellem Indexstand minus Wandlungspreis durch 100, bei einem Verhältnis von 1:100.

Leverage: Große Chancen - hohe Risiken

Liegt der Index bei 7.837 Zählern, so ist ein Zertifikat 1,50 Euro wert. Steigt der Index um 100 Punkte auf 7.887 Zähler, so liegt der Wert des Zertifikates bei zwei Euro. Das Zertifikat hat also bei einem Indexanstieg von gerade einmal 0,64 Prozent um satte 33,3 Prozent zugelegt. Genau das ist der so genannte Leverage - ein deutlicher Performanceunterschied, der vor allem spekulative Anleger anlockt. Denn auf diese Weise können sie überproportionale Kursgewinne realisieren, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Index-Bewegung setzen.

Allerdings wirkt der Hebel in beide Richtungen. Läuft der Index nach unten, so kommt es mit dem Kauf eines solchen Produktes zu überproportionalen Verlusten. Im Extremfall überwindet der Index die genannte Knock-Out-Marke und befördert das Zertifikat ins Aus. In turbulenten Tagen wie den vergangenen ist das reihenweise passiert. Nach massiven Kursverlusten von bis zu mehr als 90 Prozent innerhalb weniger Stunden heißt es dann bei der Kursabfrage für das gewählte Hebelzertifikat plötzlich: „Das Wertpapier ist vom Handel ausgesetzt“. Spätestens dann wird klar, dass die Spekulation schief gelaufen ist und dass das eingesetzte Kapital verloren ist.

Solche Hebelprodukte sind nichts für schwache Nerven. Sie bieten zwar theoretisch die Möglichkeit, rasch viel Geld zu verdienen. Allerdings ist dies mit ebenso hohen Verlustrisiken verbunden. Im Extremfall kommt es schnell zu einem Totalverlust. In diesem Sinne muss jeder wissen was er tut, wenn er sich auf sie einlässt.

Mit einem MINI Long setzt der Anleger auf einen Anstieg des Basiswerts (Index, Aktie oder Rohstoff). Steigt der Basiswert um 10 Punkte, so steigt auch der MINI um 10 Punkte, gegebenenfalls unter Berücksichtigung des Bezugsverhältnisses und der Währung. MINI`s machen eine überproportionale Partizipation an der Entwicklung des jeweiligen Basisinstruments möglich, da sie dessen wertmäßige Veränderung bei gleichzeitig vermindertem Kapitaleinsatz identisch nachbilden, wodurch während der Haltefrist ein konstanter Hebeleffekt entsteht. Allerdings wird bereits beim Berühren - auch im Tagesverlauf - der einige Prozentpunkte über dem Basispreis (Finanzierungslevel) liegenden Knock-Out Schwelle das Zertifikat ausgeknockt und vorzeitig zum Restwert zurückbezahlt. Im Vergleich zu Optionsscheinen haben Faktoren, wie zum Beispiel die Volatilität keinen Einfluss auf den Preis von MINI Zertifikaten. Die Knock-Out Schwelle sorg dafür, dass der Wert des MINI`s niemals negativ werden kann. Am 15. eines jeden Monats setzt ABN Amro die Knock-Out Schwelle auf Basis der dann gültigen Finanzierungslevels fest.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET

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