Derivatemarkt

Kreditderivate lassen Derivatemarkt explodieren

21. Mai 2007 Der Anleihemarkt dümpelt vor sich hin, Fonds muten wie ein Auslaufmodell an und der Boom am Aktienmarkt schafft kaum neue Aktionäre. Grund genug für diejenigen, die es immer schon gewusst haben, zu schlussfolgern, dass die Deutschen eben doch fürchterlich risikoscheu sind und sich nach dem Desaster am Neuen Markt wieder dem Sparbuch und der Lebensversicherung zugewendet haben.

Indes geht dies wohl an den Tatsachen vorbei und das wohl deswegen, weil vielfach immer noch nicht wahrgenommen worden ist, dass sich das Finanzmarktspektrum vieler Anleger erweitert hat bzw. erweitert wurde, indem der Derivatemarkt aus seiner Nischenrolle heraus- und in die Depots der Anleger hineingewachsen ist.

Markt boomt nicht nur in Deutschland

Monat für Monat vermeldet das Derivate-Forum, in dem sich mittlerweile dreizehn Emittenten zu einer Initiative zusammengeschlossen haben, neue Rekordvolumina. Ende Februar betrug es 85,2 Milliarden Euro nach 83,8 Milliarden im Januar. Den Gesamtmarkt schätzt die Initiative mittlerweile auf 121,7 Milliarden Euro. Das würde eine Wachstumsrate von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat bedeuten.

Und der Boom der Derivate beschränkt sich keineswegs auf Deutschland. Auch der Weltmarkt ist im vergangenen Jahr mit dem schnellsten Tempo seit mindestens neun Jahren gewachsen. Nach dem jüngsten Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist das gesamte Nominalvolumen im vergangenen Jahr um 39,5 Prozent auf über 300 Billionen Euro gestiegen. Dies war die höchste Zuwachsrate seit Beginn der Datenerhebung.

Kreditderivate treiben Marktwachstum

Getrieben wurde das Wachstum vor allem von den Kreditderivaten, deren Volumen sich auf 28,8 Billionen Dollar mehr als verdoppelte. Im zweiten Halbjahr wuchs der Markt um 42 Prozent und damit etwas langsamer als in der ersten Hälfte, als das Wachstum 46 Prozent betrug.

Dominiert wird der Markt von Indexprodukten einerseits und von Bankemissionen andererseits. Dabei gesteht die BIZ zu, könnte das Marktvolumen weitaus höher sein als geschätzt. Denn ein Gutteil der Emissionen entfällt auf synthetische und andere strukturierte Produkte, die oftmals mehr absichern, als ihr Nominalwert aussagt.

Das effektiv über Kreditderivate dem Marktrisiko ausgesetzte Kapital stieg der BIZ zufolge im vorigen Jahr um 93 Prozent auf 470 Milliarden Dollar. Am gesamten Derivatemarkt betrug das dem Marktrisiko ausgesetzte Kapital 9,7 Billionen Dollar.

Nur schwache Indizien für „Carry Trades“

Auch Zinsswaps erfreuten sich großer Beliebtheit. Ihr Volumen wuchs im Jahresvergleich um 38 Prozent auf 292 Billionen Dollar, so dass sie weiterhin den größten Teil des Derivatemarkts ausmachen. Indes wuchs das Volumen mit elf Prozent im zweiten Halbjahr gegenüber dem ersten (plus 24 Prozent) vergleichsweise moderat.

Das Volumen der Devisenderivaten nahm im zweiten Halbjahr gar nur noch um fünf Prozent zu, nachdem es im ersten noch um 21 Prozent gewachsen war, und kam so im Gesamtjahr auf ein Plus von 28 Prozent und insgesamt 40,2 Milliarden Dollar.

Damit untermaure das Wachstum das vermutete Wachstum der „Carry Trades“ nicht, so die BIZ. Das Nominalvolumen von Yen-Kontrakten sei im wesentlichen unverändert geblieben. Indes habe dagegen im zweiten Halbjahr das Wachstum an Franken-Kontrakten mit zehn Prozent deutlich über dem des Marktes gelegen. Jedoch will die BIZ diese Schlussfolgerungen selbst nur mit Vorsicht behandelt wissen - die Datengrundlage sei nicht ausreichend.

Konzentration nur schwach ausgeprägt

Ein Spiegelbild der Aktienmärkte sind die Aktienderivate. Während das Volumen von Dollar- und Yen-Kontrakten im zweiten Halbjahr schrumpfte, wuchsen Euro-Kontrakte stark um 18 Prozent.

Auf der Emittentenseite sei zudem eine leichte Zunahme der Konzentration zu beobachten, wobei diese allerdings noch recht gering sei. Gemäß dem als Konzentrationsmaß benutzten Herfindahl-Index bewegen sich die Märkte zumeist unter der Grenze zu oligopolistischen Strukturen - mit einigen Ausnahmen.

So weist der Markt für Zinsoptionen auf kanadische Dollar mit knapp 3.000 Indexpunkten schon seit rund anderthalb Jahren eine deutliche Konzentration auf, und die Konzentration am Schweizer Markt hat in jüngster Zeit deutlich zugenommen. Die höchste Konzentration weist aber der Markt für Yen-Zinstermingeschäfte auf. Davon ist in Euroland nichts zu spüren - die Konzentration liegt hier auf allen Ebenen weltweit am niedrigsten.

Der wunde Punkt

Der Boom der Märkte macht derzeit noch keine Konsolidierung erforderlich. Denn der Handel mit derivativen Finanzprodukten inzwischen auch das profitabelste Geschäft für Investmentbanken. Morgan Stanley erzielte vor allem dank eines Umsatzsprungs bei Kreditderivaten im ersten Vierteljahr den höchsten Quartalsgewinn aller Zeiten. Auch der Deutschen Bank verhalfen diese Produkte im selben Zeitraum zu einem Gewinnanstieg von 30 Prozent.

„Die Investmentbanken machen mittlerweile einen Großteil ihres Gewinns mit Derivaten“, sagte Jerry Del Missier, einer der Präsidenten von Barclays Capital, dem 2006 führenden Emissionshaus am europäischen Anleihemarkt. Er erwartet, dass das Geschäft mit Kreditderivaten noch lange Zeit weiter und stärker als jedes andere Marktsegment wachsen wird.

Indes hängt gerade das Kreditderivategeschäft auch immer noch am Anleihenmarkt, der sich umgekehrt davon ein Stück weit unabhängig gemacht hat. Denn da auf ersterem Markt die Risiken des zweiten gehandelt werden, ist auf dem zweiten die Risikokomponente weniger spürbar. Das drückt die Renditen, weil die Risiken nicht mehr durch den Anleihen-, sondern den Derivatemarkt vergütet werden, so dass die Devise gilt: Geringes Risiko, geringer Ertrag.

Nichtsdestoweniger bestimmen die Anleiherisiken den Derivatemarkt. Und der läuft gut, solange die Ausfallquoten so niedrig bleiben wie in den vergangenen Jahren. Sollten die Quoten wieder steigen, so wird erst offenbar werden, bei wem die Risiken des Marktes tatsächlich lagen. Und da dies derzeit kaum jemand zuverlässig sagen kann, bleibt der boomende Kreditderivatemarkt ein potentiell wunder Punkt im internationalen Finanzsystem.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: Bank für internationalen Zahlungsausgleich

 
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