Vereinigte Staaten

Amerika gedenkt der Anschläge vom 11. September

Am Ground Zero weht die Flagge auf halbmast

Am Ground Zero weht die Flagge auf halbmast

11. September 2006 Menschen in aller Welt haben am Montag der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 gedacht. Die Vereinigten Staaten hielten um 8.46 Uhr Ostküstenortszeit, dem Zeitpunkt des Einschlags des ersten Flugzeugs in den Nordturm des World Trade Centers, zu einer Schweigeminute inne. In Erinnerung an den verheerendsten Angriff auf dem Boden der Vereinigten Staaten wehten die Flaggen im ganzen Land auf halbmast. Präsident Bush und seine Frau Laura verbrachten die Schweigeminute in einer Feuerwehrwache an der Lower East Side gemeinsam mit Feuerwehrleuten und Rettungshelfern, die vor fünf Jahren 343 Kollegen verloren hatten.

Zu einer bewegenden Trauerfeier am „Ground Zero“ im Süden Manhattans, wo die Zwillingstürme des World Trade Centers in sich zusammengestürzt waren, kamen am Montag Tausende Hinterbliebene der Opfer zusammen. Zum Klang von Glockenschlägen verharrten die Angehörigen sowie zahlreiche Politiker - unter ihnen der Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, und dessen Vorgänger Rudy Giuliani - zu einer weiteren Schweigeminute um 9.03 Uhr, als vor fünf Jahren das zweite Flugzeug in den Südturm raste.

2749 Tote

Angehörige der Opfer verlasen die Namen der 2749 Toten, Blumen wurden in zwei Wasserbecken gelegt, die am Fundament der beiden Türme aufgebaut waren. An der Gedenkveranstaltung am „Ground Zero“ nahmen auch Präsident Bush und seine Frau Laura teil, die zu Beginn der Trauerfeierlichkeiten im ganzen Land in der Nacht zum Montag zwei Kränze in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau am Fundament der Zwillingstürme niedergelegt und an einem Gottesdienst teilgenommen hatten.

Nach der Trauerfeier in New York, die von zahlreichen Fernsehsendern direkt übertragen wurde, reisten Bush und seine Frau weiter zur Absturzstelle des vierten entführten Flugzeuges in Shanksville im Bundesstaat Pennsylvania sowie zum Pentagon in Washington, dessen Westflügel am 11. September 2001 beim Einschlag des dritten Flugzeuges teilweise einstürzte. Am Abend wollte sich der Präsident in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung wenden.

„Dort draußen steht immer noch ein Feind“

In New York sagte Bush zum Auftakt der Trauerfeierlichkeiten, er habe nach den Anschlägen von vor fünf Jahren ein Gelöbnis abgelegt, die Lektion jenes Tages niemals zu vergessen. „Dort draußen steht immer noch ein Feind, der uns weiter schweren Schaden zufügen will“, sagte Bush. Deshalb sei der 11. September 2006 auch ein Tag, die Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus zu bekräftigen. Für Menschen, die nicht in den Vereinigten Staaten lebten, sei der 11. September nur ein „schlechter Tag“ gewesen. „Bei uns hat sich die ganze Haltung geändert“, sagte Bush am Montag dem Fernsehsender NBC. Seine Sicht der Welt habe sich an diesem Tag dramatisch verändert.

Der Präsident verteidigte noch einmal die geheimen CIA-Gefängnisse im Ausland. Es gebe Menschen, die sie abschaffen wollten, sagte Bush. „Das hat überhaupt keinen Sinn.“ Man könne von ihm und seiner Regierung nicht erwarten, alles zum Schutz der Familien zu tun, wenn er nicht die dafür notwendigen Mittel bekomme. Man müsse Anschlagspläne vereiteln, bevor sie ausgeführt würden.

Cheney: Nehmen Anschläge persönlich

Vor dem Pentagon nahmen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Vizepräsident Dick Cheney an einer Zeremonie teil. Die Terroranschläge seien „persönlich“ gemeint gewesen, sagte Cheney. „Wir nehmen sie auch weiter persönlich.“ Cheney und Außenministerin Condoleezza Rice betonten am Sonntag nochmals Verbindungen zwischen dem Irak und Al Qaida. (Siehe auch: 11. September: Amerika streitet über den Irak-Krieg)

Politiker aus aller Welt bekundeten ihre Solidarität mit den Vereinigten Staaten, äußerten aber auch Kritik am Vorgehen der amerikanischen Regierung im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Bush sagte in einem am Montag ausgestrahlten Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender NBC, der Kampf gegen den Terrorismus dürfe sich nicht auf militärische Mittel beschränken, sondern müsse im Nahen Osten neue Regierungen hervorbringen. „Langfristig müssen wir die Ideologie des Hasses durch die Ideologie der Hoffnung niederringen.“

Unterdessen drohte Aiman al Zawahiri, neben Usama Bin Ladin der maßgebliche Führer des Terrornetzes Al Qaida, in einer im Internet veröffentlichten Videobotschaft an den Westen, Israel und die Golfregion seien die nächsten Ziele seiner Terrororganisation. (Siehe auch: 11. September: Al Qaida droht mit neuen Anschlägen)

Aufruf zur Rechtsstaatlichkeit

Zum fünften Jahrestag der Terroranschläge von New York und Washington haben in Deutschland Politiker, Parteien und Glaubensgemeinschaften der Opfer gedacht. Zugleich wurde zum Kampf gegen den Terrorismus aufgerufen. Dieser müsse aber, so die einhellige Auffassung, mit zweifelsfrei rechtsstaatlichen Mitteln geführt werden. Innenminister Schäuble (CDU) nahm am Montag an einer Gedenkfeier für die Opfer in der „American Church“ in Berlin teil.

Bundeskanzlerin Merkel rief zur Gemeinsamkeit von Europäischer Union, transatlantischer Allianz und Vereinten Nationen beim Kampf gegen den Terrorismus auf. Um dabei erfolgreich zu sein, müsse man, so gab die Bundeskanzlerin zu bedenken, „die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung in den betroffenen Krisengebieten stärken und den Menschenrechten mehr Achtung verschaffen“. Das Beispiel Afghanistan zeige, daß im Einzelfall militärische Mittel unvermeidbar seien, so Frau Merkel. Es sollten aber „Achtung des Völkerrechts, Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen neben Entschlossenheit und internationaler Geschlossenheit Maximen unseres Handelns sein“.

„Es wird alles nur schwierig“

Sowohl die Bundeskanzlerin als auch Innenminister Schäuble (CDU) hatten am Wochenende das amerikanische Lager Guantánamo auf Kuba kritisiert. Schäuble sagte am Montag im Deutschlandradio Kultur: „Wenn man die fundamentalen Rechtsprinzipien außer Kraft setzt, dann wird nichts besser, sondern es wird alles nur schwierig.“ Zwar müsse mit aller Entschiedenheit gegen das Terrornetz vorgegangen werden, aber die Prinzipien des Rechtsstaates und des Völkerrechts könnten nicht verteidigt werden, indem sie aufgegeben oder teilweise außer Kraft gesetzt werden. „Es ist auch nicht im Interesse der Amerikaner, daß sie das tun.“

Der amerikanische Botschafter Timken vertrat in einem Zeitungsinterview die Auffassung, der Geheimdienst habe „großartige Arbeit geleistet“ und damit „Tausende Menschenleben gerettet“. Auf die Frage der „Hannoverschen Allgemeinen“, ob der Zweck jedes Mittel heilige, antwortete der Botschafter: „Das liegt ganz im Auge des Betrachters. Wir führen unsere Schritte und Maßnahmen durch auf die Art, wie wir eben meinen, daß der Terrorismus am besten bekämpft werden kann. Zugleich verteidigen wir unseren Lebensstil.“ Amerika lebe heute mit dem Wissen, „daß es eine sehr, sehr lange Zeit geben werde, in der wir uns dagegen wehren müssen, daß Islamisten uns ihren Willen aufzwingen. Man wird nicht dafür geliebt, wenn man unangenehme Wahrheiten sagt, aber: Es gibt keine Alternativen.“

„Die Opfer waren Bürger der ganzen Welt“

Das SPD-Präsidium erklärte zum Jahrestag, die Anschläge vom 11. September seien „ein barbarischer, menschenverachtender Gewaltakt“ gewesen, der sich nicht nur gegen die Vereinigten Staaten, sondern „gegen alle friedliebenden Menschen und Völker in der Welt gerichtet hat. Wir bleiben entschlossen, dem Terror entgegenzutreten und ihn zu bekämpfen.“ Für die Sozialdemokraten stehe dabei aber auch fest, daß Sicherheit stets in eine „verhältnismäßige Balance mit den im Grundgesetz verankerten Grund- und Bürgerrechten gebracht werden“ müsse. Eines dürfe nicht übermäßig zu Lasten des anderen gehen. „Die Grundsätze des freiheitlichen Rechtsstaates, das Völkerrecht und die Menschenrechte sind und bleiben daher die unverbrüchlichen Leitlinien unseres politischen Handelns“, heißt es in einer Erklärung des SPD-Präsidiums vom Montag.

Der FDP-Vorsitzende Westerwelle sagte: „Die Opfer der hinterhältigen und menschenverachtenden Anschläge waren Amerikaner und Bürger der ganzen Welt. Dem internationalen Terrorismus von fanatischen Islamisten muß entschlossen, gemeinsam und auf allen Ebenen begegnet werden. Allerdings muß an diesem Jahrestag auch festgehalten werden, daß der Krieg gegen das menschenverachtende Regime von Saddam Hussein fälschlicherweise mit einer Verbindung Iraks zu Al Qaida begründet wurde. Noch immer besteht das Gefangenenlager Guantánamo, ein Schandfleck für unser Verständnis von Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Wir verteidigen unsere Freiheit am besten, indem wir unsere Werte wahren.“

Die im Zentralrat der Muslime zusammengeschlossenen Organisationen wollten am Montag mit einem zentralen Gedenkgebet in Köln an die Opfer vom 11. September 2001 erinnern. „Terror findet im Islam keine Rechtfertigung“, hieß es in einer Erklärung. Der Islam sei vielmehr die Religion des Friedenmachens.

Text: FAZ.NET, rüb./pca./F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

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