10. September 2006 Ray Nagin, der Bürgermeister von New Orleans, ist für kontroverse Aussagen bekannt. Als ihn ein Reporter des in New York ansässigen Fernsehsenders CBS jüngst auf flutbeschädigte Autos in den Straßen von New Orleans hinwies, die ein Jahr nach dem Wirbelsturm Katrina immer noch nicht weggeräumt waren, wurde Nagin bissig. Ihr Typen in New York könnt ein Loch im Boden nicht reparieren, und es ist fünf Jahre danach. Seien Sie also fair, schoß Nagin zurück.
Sein Rückzieher ließ nicht lange auf sich warten. Er leistete erst bei einer Polit-Talkshow und später auch bei einer Pressekonferenz in New York Abbitte. Ich werde diesen Platz niemals wieder als Loch bezeichnen, schwor Nagin. Es ist ein heiliger Platz, der sich derzeit in einem nicht entwickelten Zustand befindet.
Die Witwe
Im Kern seiner Aussage hat Nagin jedoch recht. Denn fünf Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2001, die das World Trade Center zerstörten, ist erst ein Gebäude des Hochhauskomplexes wieder aufgebaut - das Haus Nummer 7 auf der Nordseite. Dort, wo früher die Zwillingstürme standen, gähnt weiterhin ein riesiges Loch.
Und auf der Südseite der Baustelle steht als eine Art unfreiwilliges Mahnmal weiter das ehemalige Gebäude der Deutschen Bank, das bei den Anschlägen von herunterstürzenden Stahlstreben schwer beschädigt worden war. Das einundvierzigstöckige Hochhaus ist aus Sicherheitsgründen in ein engmaschiges schwarzes Netz gehüllt, was ihm den Spitznamen die Witwe einbrachte.
Grundsteine gelegt
Aber die vergangenen fünf Jahre sind nicht tatenlos verstrichen. Die provisorische Station der nach New Jersey führenden Path-Bahn bringt schon seit längerem Pendler nach Manhattan. Auch die Grundsteine für das Hauptgebäude des Komplexes, den 540 Meter hohen Freedom Tower, sowie für das Mahnmal und das Museum sind gelegt. Jüngst wurden auch die Pläne für drei weitere Hochhäuser vorgestellt.
Das südliche Manhattan hat sich vom Schock der Anschläge wieder erholt. Die Leerstandsrate bei den Büros im Finanzdistrikt wird nach Schätzungen des Immobilienmaklers Jones Lang LaSalle vor Jahresende erstmals seit den Anschlägen wieder unter 10 Prozent sinken. Nach den Anschlägen waren einige der großen Finanzhäuser aus der Gegend weggezogen.
Jetzt baut die Investmentbank Goldman Sachs ihr neues Hauptquartier in der Nähe von Ground Zero, und deren Konkurrent Morgan Stanley, der seinen Hauptsitz am Times Square in der Mitte der Stadt hat, hat ebenfalls neue Büroflächen in Lower Manhattan angemietet. Das südliche Manhattan bewegt sich an ziemlich allen Fronten vorwärts, sagt Bruce Brodoff, Sprecher des Wirtschaftsförderers Downtown Alliance.
Streit mit Versicherungen
Aber der Wiederaufbau ist keine einfache Angelegenheit. New Yorker sind zwar für zupackendes Handeln, aber auch für vielfältige Meinungen bekannt. Das sorgte für einen holprigen Prozeß bei den öffentlichen Anhörungen um das Design der neuen Gebäude. Zudem ist die Finanzierung ein heikles Thema. Trotz aller Emotionen, die das Thema 11. September aufwühlt, geht es bei dem Wiederaufbau auch um kühles Geschäft. Es ist, emotionslos betrachtet, ein Immobilienprojekt im Volumen von mehreren Milliarden Dollar.
Deswegen streitet der Pächter des World Trade Center, der Immobilienentwickler Larry Silverstein, seit den Anschlägen mit den Versicherungen der Gebäude, darunter der deutschen Allianz. Silverstein, der erst kurz vor den Anschlägen seinen Pachtvertrag erneuert hatte, hatte das World Trade Center für 3,5 Milliarden Dollar versichert.
Er argumentierte allerdings, daß es sich bei dem Terrorangriff versicherungstechnisch um zwei Schadensfälle gehandelt habe, weil zwei Flugzeuge zeitlich versetzt in jeweils einen der Türme geflogen waren. Silverstein forderte daher von der Assekuranz die doppelte Summe - 7 Milliarden Dollar. Ein Teil der insgesamt über 20 Versicherungen hielt dagegen, daß es nur ein Schadensfall gewesen sei, weil es sich beim World Trade Center um einen Gebäudekomplex und beim Angriff um eine koordinierte Attacke gehandelt habe.
Gesamtkosten von 10 Milliarden Dollar
Kompliziert wurde die Angelegenheit zudem, weil in den meisten Fällen nur ein vorläufiger Versicherungsvertrag bestand. Vor Gericht bekamen die Versicherer, die auf einen Schadensfall gepocht hatten, überwiegend recht. Bei einigen Versicherungen erkannten die Geschworenen jedoch auf zwei Schadensfälle. Silverstein kann von den Versicherungen nun maximal 4,6 Milliarden Dollar bekommen. Die Gesamtkosten für den Wiederaufbau werden auf rund 10 Milliarden Dollar beziffert.
Es gibt weitere Streitpunkte. Silverstein, der erst den ganzen Komplex wieder aufbauen sollte, will jetzt einen Teil seiner Wiederaufbaurechte unter politischem Druck an die Hafenbehörde von New York und New Jersey abtreten, der das Gelände gehört. Die Behörde soll dem Plan zufolge den Bau des wichtigsten Projektes Freedom Tower sowie den eines weiteren Gebäudes übernehmen.
Nur sperren sich mehrere Versicherer, darunter die Allianz, in diesem Fall gegen Zahlungen für den Wiederaufbau. Der Grund: Sie hatten ihren Vertrag mit Silverstein und nicht mit der Hafenbehörde geschlossen. Im Fall der Allianz geht es dabei um 550 Millionen Dollar. Die Hafenbehörde ist bei der Allianz nicht für einen Wiederaufbau des World Trade Center versichert, und auf diese Weise bittet Silverstein die Allianz um ein Geschenk im Wert von Hunderten Millionen von Dollar, heißt es bei der Allianz.
Schämt euch
Man erkenne zwar die symbolische und wirtschaftliche Bedeutung des Wiederaufbaus des südlichen Manhattan und stehe zur Erfüllung aller vertraglichen Verpflichtungen. Die Allianz müsse aber auch verantwortlich gegenüber den anderen Versicherungsnehmern, Aktionären und Rückversicherern handeln und ihre Verträge einhalten.
Silverstein und die Hafenbehörde haben die Versicherer mittlerweile verklagt. Das Geld sei unentbehrlich für die geplanten Bauten, und der neue Plan könne keine Entschuldigung für die Versicherer sein, ihren Verpflichtungen auszuweichen. Auch die Versicherer stehen unter politischem Druck. Der New Yorker Kongreßabgeordnete Anthony Weiner fordert hohe Geldstrafen für Versicherer, die die Arbeit am Ground Zero verzögern. Die Versicherungsaufsicht hat bereits Ermittlungen angestrengt, und im Juli hatten sich Bauarbeiter vor dem New Yorker Büro der Allianz eingefunden und Transparente mit der Aufschrift Schämt euch geschwenkt.
Deutsche Bank gegen Allianz und Axa
Auch das Gebäude der Deutschen Bank war Schauplatz eines Disputs zwischen der Bank und ihren Versicherungen Allianz und Axa gewesen. Das Haus war vom asbesthaltigen Staub des einstürzenden World Trade Center stark verseucht worden. Die Versicherungen hatten es im Gegensatz zur Bank aber für sanierbar gehalten. Das wäre nach Ansicht der Versicherer deutlich billiger gekommen als ein Abriß.
Die Deutsche Bank reichte schließlich gegen Allianz und Axa eine Klage ein, um deren Anteile an der Versicherungssumme zu erstreiten. Dabei ging es um Hunderte Millionen Dollar. Anfang 2004 wurde der Wolkenkratzer im Rahmen eines Vergleichs dann von der Regierungsbehörde Lower Manhattan Development Corporation übernommen, die den Wiederaufbau des Geländes koordiniert.
Herrlicher und spektakulärer, als es je gewesen ist
Auch dieser Vergleich kam auf erheblichen politischen Druck zustande, weil das Gelände der Bank in die Wiederaufbaupläne eingebunden ist. Doch auch nach dem Vergleich ging es mit dem geplanten Abriß des kontaminierten Gebäudes nur schleppend voran. Erst zog sich die Genehmigung des Abrißplans durch die Umweltbehörde hin. Jüngst verzögerte sich der Fortgang des Abrisses zeitweise, weil im Haus hohe Konzentrationen von Giftstoffen aufgetreten waren. Angehörige von Opfern forderten zudem genauere Suchmethoden, nachdem menschliche Überreste gefunden worden waren.
Ende Juni, bei der Vorstellung des endgültigen Designs für den Freedom Tower, wagte Larry Silverstein folgende Prognose: Bis 2012 dürften wir ein vollständig wieder aufgebautes World Trade Center haben, herrlicher und spektakulärer, als es je gewesen ist. Aber er machte auch eine Einschränkung: Wenn ab jetzt alles nach Plan läuft.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, dpa/dpaweb
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