09. September 2006 Der Graben zwischen der arabisch-islamischen Welt und dem Westen, vor allen den Vereinigten Staaten, ist in den vergangenen fünf Jahren tiefer und breiter geworden. Die meisten Araber gestehen heute zwar ein, daß Usama Bin Ladin die Anschläge des 11. September 2001 geplant hat, und sie verurteilen sie als Terrorismus.
Aber nicht diese Anschläge haben die arabische Straße weiter radikalisiert, sondern die Reaktion der amerikanischen Regierung darauf. Denn die Araber vom Irak bis Marokko nehmen sich als die Opfer eines Kreuzzugs wahr, als den sie den Krieg gegen den Terror empfinden, den der amerikanische Präsident Bush ausgerufen hat.
Gläubige und Ungläubige
Immer mehr Araber und Muslime glauben an einen Angriff des Westens auf den Islam. Für sie befindet sich ihre Welt im Kriegszustand. Der amerikanische Einmarsch im Irak und der jüngste Krieg Israels im Libanon, den Bush als Teil des Anti-Terror-Kampfs bezeichnet hat, nehmen sie als Bestätigung für diese Sichtweise. Wenig hilfreich war auch, daß der Präsident die Welt aufgeteilt hat in jene, die für uns sind und die gegen uns sind. Nun folgen selbst diejenigen, die den Terrorismus der Al Qaida ablehnen, der polaren Weltsicht Bin Ladins, wonach es nur Gläubige und Ungläubige gibt.
Einig sind sich nahezu alle Regierungen und Bürger der arabischen Welt allerdings darin, daß sie den dschihadistischen Terrorismus in ihren eigenen Ländern entschieden bekämpfen wollen. Die einen fürchten um ihre Macht, die anderen um ihren Wohlstand. Saudi-Arabien etwa erkannte die Gefahr spät, ging dann jedoch entschlossen vor. Zudem nahm das Land die Reform seines stark von der Religion geprägten Bildungssystems in Angriff.
Verlust weicher Macht
Das ändert aber nichts daran, daß die öffentliche Meinung, die arabische Straße, immer radikaler und antiamerikanischer wird. Die Vereinigten Staaten haben im Nahen Osten ihre früher oft gerühmte ideelle Anziehungskraft (soft power) als Vertreter der freien und demokratischen Welt weitgehend eingebüßt. Als Folge des Kriegs gegen den Terror nimmt das arabische Vertrauen in den Westen ab, die Zweifel an seinen guten Absichten steigen. Das stabilisiert autoritäre Regime wie Syrien.
Unmittelbar nach dem 11. September hatte die amerikanische Regierung verkündet, sie wolle den Nahen Osten reformieren und demokratisieren. Die Reformversuche müssen nun jedoch in einem öffentlichen Raum stattfinden, der sich jeden Tag weiter radikalisiert.
Von einer Öffnung der verkrusteten politischen Ordnungen des Nahen Ostens profitieren daher nicht die gemäßigten, säkularen Kräfte, die es immer noch in jedem Land in der Region gibt. Ihr Spielraum wird sogar eingeengt, weil sie nicht selten als Handlanger Amerikas verdächtigt werden.
Demokratisch antiwestlich
Vielmehr öffnen freiere Wahlen den Islamisten, die eine Alternative zum amerikanischen Demokratiemodell anbieten, den Zugang zu den politischen Institutionen. Der radikalen Opposition kommt zudem zugute, daß Washington zwar stets Wahlen fordert, aber in einzelnen Fällen nicht bereit ist, deren Ergebnisse zu akzeptieren. Beispiele gibt es genug: In Iran siegte Ahmadineschad, in Palästina die Hamas, in Ägypten zogen die Muslimbrüder trotz massiver Einschüchterungen mit so viel Abgeordneten ins Parlament wie nie zuvor. Sie alle sprechen von Reformen und Demokratie. Dennoch ist ihr Diskurs entschieden antiwestlich.
Das gilt auch für den Nachrichtensender Al Dschazira. Lange hatte Bin Ladin vorzugsweise ihm seine Videos zugestellt, um das größtmögliche Publikum zu erreichen. Damit kippte im Westen die Beurteilung des 1996 gegründeten ersten freien Nachrichtensenders der arabischen Welt. Aus dem Herold der Meinungsfreiheit wurde der Bote des Terroristenführers. Mit seiner zunehmend panarabischen und panislamischen Weltsicht trug Al Dschazira gewiß zur weiteren Radikalisierung der arabischen Straße bei. Andererseits fängt der an Einschaltquoten interessierte Sender aber auch deren Stimmung auf.
Freiheitsbeschränkungen statt Regimewechsel
Der 11. September und seine Folgen haben den öffentlichen Raum der arabischen Welt radikalisiert. Zugleich wurde aber der politische Diskurs in der Region neu belebt, es wurden mehr Wahlen denn je abgehalten. Institutionell hat sich in den meisten Ländern trotzdem wenig verändert. Dafür sind die Strukturen oft zu autoritär und zu verkrustet.
Am Ende halten es viele arabische Regierungen außerdem doch wieder mit Washington, weil sie nicht auch zu Kandidaten für einen Regimewechsel werden wollen. Das führt paradoxerweise dazu, daß sie unter Hinweis auf die Terrorgefahr die Freiheiten in ihren Ländern wieder einschränken. Am offensichtlichsten geschah das in Ägypten.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance / dpa
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