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Branchen (114): Brauereien

Hopfen und Malz verloren

Von Georg Giersberg

09. Oktober 2007 Auf dem Münchener Oktoberfest müssen die Besucher in diesem Jahr 7,40 Euro für eine Maß Bier, also ein Liter, bezahlen. Im vergangenen Herbst war der Spaß noch für 6,60 Euro zu haben. Was in den vergangenen Jahren nur die Besucher des größten Volksfestes der Welt interessierte, ist in diesem Jahr Gesprächsstoff an allen Stammtischen: Die Bierpreise sind in Bewegung. Und die Brauer signalisieren Schlimmes. Der Präsident der Deutschen Brauer-Bundes Richard Weber, zugleich geschäftsführender Gesellschafter der saarländischen Karlsberg-Brauerei, hält Preisanhebungen von 40 Prozent in den kommenden fünf Jahren für notwendig.

Aber auch seine weniger preishungrigen Kollegen gehen davon aus, dass der Bierpreis im Laufe des kommenden Jahres um 5 bis 10 Prozent steigt, das wären 50 Cent bis zu einem Euro je Kasten. Und diese Spanne wird wohl eher mehr als weniger ausgereizt werden. Für Ulrich Kallmeyer, Chef der Oetker-Getränkegruppe Radeberger, muss die Preiserhöhung „mindestens 1 Euro je Kasten betragen, wenn die ohnehin über die generelle Marktentwicklung betroffene Profitabilität der Branche nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen werden soll. Das bedeutet, dass der Markt 2008 vermehrt Kastenpreise nicht weit unter 15 Euro für 20 Flaschen à 0,5 Liter Bier sehen wird.“

Aktionsware für 10 Euro je Kasten

Es ärgert die Branche daher sehr, wenn der Einzelhandel noch immer Aktionsware für um die 10 Euro je Kasten anbietet. Das gebe dem Verbraucher das falsche Signal und erschwere Preiserhöhungen unnötig. Falsch sei es aber auch, in der öffentlichen Debatte die Schuld an der Kosten- und Preisentwicklung allein den Bauern zu geben, rückt Marc-Oliver Huhnholz, Sprecher des Deutschen Brauereibundes, die Diskussion zurecht, nach der die gestiegenen Preise für landwirtschaftliche Vorprodukte der ausschlaggebende Preistreiber seien.

Zwar ärgerten sich die Brauer, dass immer mehr Bauern mit hohen Subventionen für die Bioenergie in den Anbau von Bioenergiepflanzen getrieben würden. In Deutschland habe die Unterdeckung an Braugerste im vergangenen Jahr erstmals bei 500.000 Tonnen gelegen. Und es sei auch richtig, dass allein die Rohstoffe Gerste und Hopfen Preisverdoppelungen binnen zweier Jahre aufwiesen. Das bedeutet, dass die Brauer dafür statt 420 Millionen Euro noch vor zwei Jahren nun mehr als 900 Millionen Euro aufwenden müssen.

Steigende Energiekosten

Die wichtigsten Rohstoffe Gerste und Hopfen - der Rest des Bieres sind Hefe und Wasser - machen jedoch nur 7 bis 8 Prozent der Gesamtkosten aus. Wesentlich stärker schlagen sich die gestiegenen Energiekosten nieder, weil Brauen ein sehr energieaufwendiger, mit hohen Temperaturen verbundener Prozess ist. Zudem machen die Glaspreise zu schaffen. „Inzwischen ist Glas zu einem knappen Gut geworden“, sagt Huhnholz. Entsprechend hoch seien die Preise.

Ein Ausweichen auf andere Materialien hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Die Blechdose hat der Gesetzgeber über die Verpackungsverordnung - Einführung des Dosenpfands - getötet. Kunststoff wird vom Verbraucher als Bierverpackung nicht akzeptiert. Mithin gibt es zum teuren Glas keine Alternative. Weitere Punkte des steigenden Kostenblocks sind die Personalkosten, vor allem die Lohnnebenkosten, sowie die Transportkosten, die mit steigenden Dieselpreisen einhergehen.

5.000 Sorten Bier im Angebot

Die Kostenlawine trifft die deutschen Brauer in einer Zeit stetig nachlassender Nachfrage. Das vergangene Jahr war eine Ausnahme. Ein Jahrhundertsommer, verbunden mit der Fußballweltmeisterschaft, hat in Deutschland den Konsum auf 116 Liter je Kopf der Bevölkerung steigen lassen. In diesem Jahr herrscht wieder Tristesse für die 1.284 Braustätten, die 5.000 Sorten Bier anbieten.

Die Verbraucher sind auf den Pfad des langjährig sinkenden Verbrauchs je Kopf zurückgekehrt. Zwar sah das erste Halbjahr 2007 noch gut aus. Der sommerliche April ließ den Verbrauch gegenüber dem Vorjahr noch um knapp 2 Prozent zulegen. Aber spätestens der Sommer führte auch die optimistischsten Brauer in die Realität zurück; die da heißt, dass der Bierkonsum langfristig sinkt. Der Brauer-Bund geht davon aus, dass der Verbrauch in diesem Jahr um 2 bis 3 Prozent unter dem Zwischenhoch von 2006 bleiben wird. Kallmeyer erwartet, dass die „3“ gestreift wird und der Verbrauch auf weniger als 114 Liter je Kopf sinkt.

Beliebtheit der Biermischgetränke

Daran ändert die Beliebtheit der Biermischgetränke nichts. Ihr Absatz steigt zwar um 20 Prozent und ist für einige Brauereien auch ein einträgliches Nebengeschäft. Insgesamt machen die Mischgetränke aber nur 5 Prozent des gesamten Biermarktes aus, der nach wie vor vom Pils mit mehr als 60 Prozent Marktanteil dominiert wird. Die Biermischgetränke könnten aber geeignet sein, den politischen und gesellschaftlichen Druck auf die Brauer zu mildern, etwas gegen den extensiven Alkoholkonsum Jugendlicher zu tun. Gerade die Biermischgetränke mit 2,5 Prozent Alkohol wirken den Alkoholorgien entgegen.

Angesichts des auch mittelfristig zu erwartenden Marktdrucks als Folge einer veränderten Bevölkerungsstruktur und Trinkgewohnheiten, des Gastronomiesterbens sowie dem verschärften Kampf gegen Alkohol sagt Kallmeyer für 2008 „ein Jahr der heftigsten Marktauslese“ voraus. Radeberger erwarte dann einen weiteren Marktrückgang von 3 bis 4 Prozent. Dazu trägt der Anstieg der Lebenshaltungskosten bei diversen Lebensmitteln maßgeblich bei. Sie strapazieren das Portemonnaie der Verbraucher. Auf Bier kann man dabei eher einmal verzichten als beispielsweise auf Butter, Milch und Brot. Zudem werden unausweichlich notwendige Preiserhöhungen für Bier im Handel und in der Gastronomie erwartet, die den Verbrauch zusätzlich hemmen dürften.

Turbulentes Jahr 2008

In dieser Gesamtsituation werde, sagt Radeberger-Chef Kallmeyer, der Biermarkt im nächsten Jahr gravierende Turbulenzen erleben. Angesichts der Verteuerungen auf der Beschaffungsseite werde sich im Kampf um Marktanteile die Spreu der gesichtslosen Gattungsprodukte vom Weizen der profilierten Markenbiere trennen. Die Brauereien, die trotz dieser ungewöhnlich dramatischen Kostenzwänge ihre Preise nicht erhöhen könnten, würden entweder Ergebnis verlieren oder vom Markt verschwinden.

Diese Entwicklung erhöhe wiederum die Konsolidierungsgeschwindigkeit des Marktes. Die Nachfrage nach existenzgefährdeten Brauereien werde dabei deutlich abnehmen. „Viele werden nicht mehr - wie früher - als Übernahmekandidaten umworben, sondern diffundieren in die Substanzlosigkeit“, resümiert Kallmeyer. Die Fokussierung des Marktes gewinne damit an Schärfe.

Zersplitterung des deutschen Marktes

Zuletzt war es am Markt für Übernahmen ruhiger geworden. Der weltgrößte belgische Brauereikonzern Inbev hat in Deutschland einerseits die Marke Wolters erworben, andererseits jedoch die Marke Dinkelacker wieder abgegeben. Anfang des Jahres ist die Privatbrauerei Rolinck bei Krombacher gelandet. Vor drei Monaten hat Warsteiner die Brauerei Herforder Pils geschluckt. Absehbar ist, dass sich auch am Biermarkt eine Entwicklung einstellen wird wie in vielen anderen Branchen. Eine Spitzengruppe wird sich absetzen, das Mittelfeld wird ausdünnen und am unteren Ende werden sich viele kleinere Wirtshausbrauereien halten.

Dann werden vielleicht auch die internationalen Brauereien verstärkt in Deutschland aktiv. Alan Clark, Europa-Chef des weltweit zweitgrößten Brauereikonzerns SAB-Miller hat in einem Interview gesagt, dass ihn noch die Zersplitterung des deutschen Marktes von einer Übernahme abhalte. „Vor allem sind die Margen gering in einem Land mit starken Handelsgruppen und vielen Discountern“, beklagte Clark.



Text: F.A.Z., 08.10.2007, Nr. 233 / Seite 25
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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