Branchen und Märkte

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Branchen und Märkte (145): Fondsgesellschaften

Hoffen auf den Steuerschlussverkauf

Von Steffen Uttich

26. Mai 2008 Die turbulenten Kapitalmärkte haben in den vergangenen Monaten die ohnehin schwächelnde deutsche Fondsbranche zusätzlich getroffen. Seit 2006 lahmt das Neugeschäft mit Privatanlegern - vor allem der Absatz mit Aktien- und Rentenfonds. Die Aktienkursgewinne bis Ende vergangenen Jahres waren höchst willkommen. Denn sie waren ein wesentlicher Wachstumstreiber, da sie das Fondsvolumen erhöhten und die Summe des gleichzeitig von den Anlegern abgezogenen Geldes mehr als ausglichen. Das verwaltete Vermögen ist eine wesentliche Größe im Geschäftsmodell der Fondsgesellschaften, weil sich auf dieser Basis ihre Gebühreneinnahmen bemessen.

Mit den seit Anfang dieses Jahres aufgetretenen Kursverlusten ist ein wesentlicher Wachstumstreiber weggebrochen. Wurden in Wertpapier-Publikumsfonds hierzulande Ende vergangenen Jahres 648 Milliarden Euro verwaltet, waren es drei Monate später nur noch 610 Milliarden Euro - verbunden mit rückläufigen Einnahmen der Fondsanbieter.

Lukratives Geschäft in den kommenden Monaten

Gleichzeitig hat sich der Wettbewerb um das Geld der Privatanleger verschärft. Waren es in der Vergangenheit vor allem die Lebensversicherer und die Zertifikateemittenten, die in dem Revier jagten, zeigen inzwischen auch die Banken wieder reges Interesse am Einlagengeschäft. Im Wettbewerb ziehen Fondsanbieter am Bankschalter nicht selten den Kürzeren, weil sie meistens Tochtergesellschaften ebenjener Banken sind und sich deshalb dem übergeordneten Interesse zu beugen haben. „Privatkunden sind so beliebt wie schon lange nicht mehr“, sagt Peter Schwicht, Deutschland-Chef von JP Morgan Asset Management.

Verzweiflung kommt dennoch nicht auf. Denn es winkt in den kommenden Monaten ein lukratives Geschäft: 2009 wird in Deutschland die Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge eingeführt, wobei der vorgesehene Steuersatz von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag im internationalen Vergleich eher am oberen Ende angesiedelt ist. Kursgewinne werden steuerlich deutlich schlechter gestellt sein. Bankberater und Finanzmakler dürften deshalb gezielt auf ihre Kunden zugehen, um sie mit dem Argument einer langfristigen Abmilderung der Steuerlast zu Umschichtungen zu bewegen.

„2008 wird das Jahr der Vermögensstrukturierung“, gibt der Präsident des Bundesverbandes Investment (BVI), Wolfgang Mansfeld, das Motto vor. Tatsächlich werden Investmentfonds bei den anstehenden Umschichtungen in den Privatkundendepots eine wesentliche Rolle spiele. Sie genießen einen Bestandsschutz. Dies bedeutet, dass Anleger, die beispielsweise einen Aktienfonds vor dem Jahr 2009 kaufen und viele Jahre später verkaufen, wie heute die Wertzuwächse nicht versteuern müssen. Denn für sie gelten die Regeln zum Zeitpunkt des Einstiegs. Zudem bleiben Umschichtungen auf Fondsebene von der Abgeltungsteuer verschont, was Dach- und Mischfonds attraktiv erscheinen lässt.

Gedämpftes Vorgehen

In dem anstehenden Steuerschlussverkauf können die Fondsanbieter sogar ungestört von der lästigen Konkurrenz der Zertifikateanbieter agieren. Weil die im vergangenen Jahr allzu laut über besonders große Steuerschlupflöcher nachgedacht hatten, wurde ihnen der Bestandsschutz vom Gesetzgeber entzogen. Die Fonds haben aus diesem Geschehen wiederum gelernt und gehen in der Öffentlichkeit eher gedämpft zu Werke. Gleichwohl sind die Absatzerwartungen ehrgeizig. „Wenn wir keine Einbrüche an den Märkten erleben, halte ich branchenweit Zuflüsse zwischen 24 und 45 Milliarden Euro für möglich“, sagt Thomas Wiesemann, der für das Deutschland-Geschäft der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors verantwortlich ist. Mit der unteren Grenze spielt er darauf an, dass das Neugeschäft mit Wertpapier-Publikumsfonds über dem Niveau des vergangenen Jahres liegen sollte; die obere Grenze liegt knapp über dem bisherigen Absatzrekord aus dem Jahr 2005.

Im Privatkundengeschäft besteht die hohe Kunst darin, die Verkäufer ihrer Fonds und die Anleger in den Fonds gleichermaßen bei Laune zu halten. Bei den Verkäufern funktioniert dies am besten über hohe Provisionen. Anleger wiederum erwarten eine ordentliche Wertentwicklung. Der scharfe Wettbewerb um die wichtigen Vertriebskanäle wie Banken, Sparkassen und Finanzmakler hat es jedoch mit sich gebracht, dass sich die Waage zunehmend zugunsten der Verkäufer neigt. So haben sich die laufenden jährlichen Gebühren für Aktienfonds seit Mitte der neunziger Jahre teilweise verdreifacht. Der Vertrieb akzeptiert längst nicht mehr nur den einmaligen Ausgabeaufschlag, der für Anleger beim Kauf von Fondsanteilen anfällt, als Vergütung für seine Arbeit. Er will auch seinen Anteil an den laufenden Gebühren.

Im Fachjargon sind das die Bestandsprovisionen, die durchaus die Hälfte der jährlichen Verwaltungsgebühr betragen können, in Einzelfällen sogar noch mehr. Allerdings drücken die laufenden Gebühren die Wertentwicklung für den Anleger, weil sie aus dem Fondsvermögen entnommen werden. Fondsmanagern fällt es deshalb mit den steigenden Gebühren immer schwerer, besser als ein Vergleichsindex wie der Deutsche Aktienindex Dax abzuschneiden - ihren Anlegern also einen Mehrwert zu liefern, der die Kosten rechtfertigt. Mit der Aktienanlage ist dies teilweise möglich, für Rentenfonds mit einem Investitionsschwerpunkt in sicheren Staatsanleihen angesichts der niedrigen Marktzinsen nahezu unmöglich geworden.

Enttäuschte Anleger

Vor diesem Hintergrund wächst die Enttäuschung der Anleger - und vor allem informierte Fondssparer wenden sich verstärkt kostengünstigen Alternativen wie den börsengehandelten Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETF) zu. Dieses junge Marktsegment verzeichnet ein rasantes Wachstum. Einzelne Branchengrößen mit einem Schwerpunkt im kostenträchtigen aktiven Portfoliomanagement nehmen diese Konkurrenz, die ohne größeren Aufwand die Wertentwicklung eines zugrundeliegenden Marktindex nachvollzieht, schon als Bedrohung ihres Geschäftsmodells wahr.

Doch das Fondsgeschäft der klassischen Prägung steckt in einer Zwickmühle. Statt den Kostendruck zu dämpfen, werden sie vom nächsten Jahr an sogar gezwungen sein, die laufenden Kosten weiter zu erhöhen. Mit der Abgeltungsteuer werden die Bankberater im Privatkundengeschäft das bislang übliche häufige Umschichten nach einem Jahr nicht weiter praktizieren können. Bislang ließ sich ein Anleger für diese Vorgehensweise gewinnen, weil ihm der Verkauf mit einem Verweis auf die steuerfreie Vereinnahmung des Veräußerungsgewinns schmackhaft gemacht werden konnte. Diese Argumentation wird hinfällig, weil über die Abgeltungsteuer ein Viertel des Gewinns dann beim Fiskus landet. Weil damit jedoch der Ausgabeaufschlag, der mit jedem Umschichten fällig wird, als Provisionsquelle an Bedeutung verliert, werden die Fondsverkäufer Kompensation für die Einnahmelücke verlangen - und wohl über höhere Bestandsprovisionen auch bekommen.

Branchenkenner wie Karl Matthäus Schmidt, Vorstandssprecher der Quirin Bank, erwarten, dass künftig Erfolgsgebühren eine größere Rolle spielen werden. Dabei wird ein Teil eines Wertzuwachses beziehungsweise eines Mehrwertes gegenüber einem festgelegten Vergleichsindex nachträglich vom Fondsanbieter einbehalten. Für die Gesellschaften hat dieses Gebührenmodell den Vorteil, dass die zusätzliche Kostenbelastung für den Anleger schwieriger nachzuvollziehen ist als der Ausweis des Ausgabeaufschlags und der jährlichen Pauschalgebühren. Es besteht zudem viel Raum, sie unfair zu gestalten - etwa selbst bei Verlusten für den Anleger eine Erfolgsgebühr zu verlangen. Erste Tendenzen in diese Richtung sind schon zu erkennen.

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Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 5.326,63 -1,12
TecDax 573,04 -5,15
DowJones 9.447,11 -5,11
Nasdaq 1.754,88 -5,80
STOXX 50 2.878,82 +0,22
Nikkei 225 10.155,90 -3,03
S&P 500 Zert. 10,50 -1,78
Euro/Dollar 1,36 +0,70
Bund Future 117,28 +0,26
Gold 885,20 +2,73
Öl 85,76 -1,06
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