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Branchen und Märkte (187): Stromwirtschaft

In dichtem Nebel

Von Werner Sturbeck

20. März 2009 Seit große Betriebe der Metall- und Stahlindustrie, des Fahrzeugbaus und der Chemie kurzarbeiten, wird zwar etwas weniger Strom verkauft. Auch dürften in den nächsten Monaten die Insolvenzen in den Verbrauchssektoren Industrie, Handel, Gewerbe und Dienstleistungen zunehmen, so dass einige Kunden auch ganz ausfallen werden. Aber die privaten Haushalte, die für die höchsten Margen stehen, werden auch in der Krise ihren Verbrauch nicht grundlegend reduzieren.

Deshalb bilden die gut 1.100 Unternehmen mit noch rund 120.000 Arbeitsplätzen, die sich hierzulande mit der Stromversorgung befassen, eine der wenigen Branchen, die die globale Rezession ohne große Blessuren überstehen dürften. Schwergewichtiger als die konjunkturellen Schwierigkeiten ist der Mangel an einem energiepolitischen Konzept. Der Kraftwerkspark in den alten Bundesländern muss dringend erneuert werden. Nur gibt es sehr unterschiedliche Meinungen über die Zusammensetzung der Stromerzeugungskapazität der nächsten 20 oder 30 Jahre.

Ein Vattenfall-Baukontrolleur bei der Inbetriebnahme einer Starkstromleitung

Ein Vattenfall-Baukontrolleur bei der Inbetriebnahme einer Starkstromleitung

Dabei ist die Vorgabe eigentlich klar. Für das Alltagsleben und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft braucht der Industriestaat, braucht die Exportnation Deutschland eine sichere, bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung.

Von Aufbruchsstimmung kann keine Rede sein

Nur dieses energiepolitische Dreieck, das ausgewogen sein soll, wird immer schiefer. Denn seit Jahren erhält der Umweltschutz ein größeres Gewicht. Dabei steht die schnelle Drosselung des Kohlendioxids im Vordergrund. Die Europäische Union hat im vergangenen Dezember ein breites Klima- und Energiepaket verabschiedet, das zum Beispiel in Kraftwerken bis zum Jahr 2020 eine Absenkung der Emissionen gegenüber dem Stand von 2005 um 20 Prozent vorgibt. Es gibt Zielangaben für die Nutzung regenerativer Energiequellen und für die Elektrizitätswirtschaft die klare Ansage, dass die Mitgliedstaaten nach dem Jahr 2012 keine Handelszertifikate für die Kohlendioxidemissionen mehr kostenlos an die Stromproduzenten verteilen dürfen.

Dieses Programm hat gravierende Auswirkungen für die Investitionsplanung der Stromindustrie. In der europäischen Staatengemeinschaft zeichnet sich eine Renaissance der Kernenergie ab. In Westeuropa werden Dutzende großer Windparks vor den Küsten geplant.

Aber von großer Aufbruchstimmung kann in der deutschen Stromindustrie keine Rede sein. Die Elektrizitätswirtschaft gehört zwar seit Mitte des Jahrzehnts wieder zu den bedeutenden Investoren. Von 2006 bis 2008 wurden mehr als 20 Milliarden Euro aufgewendet, davon gut die Hälfte für neue Erzeugungskapazität. Und der größte Stromproduzent, RWE, will bis 2012 in Deutschland 5 Milliarden Euro in den Kraftwerksbau stecken.

Scheue Investitionen

Aber es ist bezeichnend, dass nur die vier großen Verbundkonzerne, neben RWE noch Eon, ENBW und Vattenfall, ihre Investitionsvorhaben fortsetzen. Dieses Quartett allein erzeugt 75 Prozent des hierzulande benötigten Stroms. Die Regionalversorger, Stadtwerkskooperationen und großen Stadtwerke sind dagegen vorsichtiger geworden. Bis weit in das Jahr 2008 hinein waren es vor allem die in wenigen Jahren fast verdoppelten Anlagenkosten, die die Wirtschaftlichkeit neuer Steinkohlekraftwerke beeinträchtigte. Wie auch der steile Anstieg der Primärenergiekosten den Bau neuer Gaskraftwerke verleidete.

Aber nun, da nach den Beschlüssen der EU die Regeln für die mit fossiler Energie befeuerten Kraftwerke benötigten Emissionszertifikate feststehen, sehen kleinere Investoren hier das größte Risiko einer Fehlinvestition.

Zudem ist mit dem Bau von Kohlekraftwerken die ungeklärte Frage verbunden, wie lange diese Kapazität ohne weitgehende Abtrennung des Kohlendioxids überhaupt betrieben werden darf. An diversen Pilotprojekten werden gegenwärtig verschiedene Verfahren erprobt, mit denen Kohlendioxid abgeschieden werden kann. Aber es gibt nur Prognosen, keine Gewissheit, dass bis Ende des nächstens Jahrzehnts wirklich industriell nutzbare, wirtschaftliche Technik zur Verfügung steht.

Am liebsten nur Ökostrom - aber billig

Und wenn dies gelingen sollte, bleibt das Restrisiko einer ungeklärten Entsorgung. Zwar haben sich die Bundesministerien für Wirtschaft und Umwelt gerade auf ein Gesetz zum Abspalten, Transport und Ablagern von Kohlendioxid verständigt.

Aber bei dem wachsenden Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber neuen Chemieleitungen ist gewiss, dass der Bau solcher Transportleitungen zu den Speicherstätten sehr zeitaufwendig werden dürfte. Einer Umfrage des Forsa-Instituts zufolge möchten drei von vier Deutschen am liebsten nur Strom aus regenerativen Quellen beziehen.

Dem entspricht jedoch bei weitem nicht die Bereitschaft, für diese Elektrizität einen Aufschlag zu zahlen. Das belegt die geringe Zahl der Wechsler zu Anbietern von Ökostrom. Die erleben erst einen Aufschwung, seit sich 2007 der allgemeine Strompreis dem für regenerativen Strom angenähert hat.

In der Bevölkerung ist indes die dafür auf alle Stromverbraucher umgelegte Gebühr weitgehend unbekannt. Den Produzenten von Ökostrom wurden für die Einspeisung 2007 fast 8 Milliarden Euro und 2008 bereits knapp 10 Milliarden Euro vergütet. Nach Berücksichtigung der dadurch in herkömmlichen Kraftwerken ersparten Brennstoffe liegen die Mehrkosten bei rund 5 Milliarden Euro im Jahr.

Verdoppelung der erneuerbaren Energien bis 2020?

Der hohen Wertschätzung von Ökostrom in der Gesellschaft folgend, hat die Bundesregierung ein ambitioniertes Ziel zum Ausbau der regenerativen Energie gesteckt. So zeigt das vom Bundesumweltministerium vorgelegte Konzept, wie bis zum Jahr 2020 mindestens 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen werden sollen. Das entspräche einer Verdopplung gegenüber dem Stand von 2008. Der Bundesverband Erneuerbare Energie reagierte mit einer eigenen Studie, die bei gleichem Zeithorizont einen Regenerativen-Anteil von bereits 47 Prozent propagiert.

Solche Ausbaupläne setzen darauf, dass in Deutschland der Ausstieg aus der Kernenergie fortgesetzt wird. Außerdem erfordern sie einen deutlichen Rückgang des Stromverbrauchs und erhebliche Effizienzgewinne. Die Stromindustrie steht den Umbauplänen für den Kraftwerkspark wegen der damit verbundenen Kosten sehr skeptisch gegenüber. Vor allem aber hoffen die vier Verbundkonzerne, dass zeitlich der Druck der Modernisierung etwas gemildert wird. Nach dem Atomgesetz sind bis 2012 in sieben der noch 17 Kernkraftwerksblöcke die Restlaufzeiten erschöpft.

Wenn die Bundesregierung eine Laufzeitenverlängerung beschließen würde, wäre der Neubaubedarf nicht mehr so dringend. Aber darüber wird wohl auch bei der Bundestagswahl im Herbst entschieden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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