Branchen und Märkte
RSS
Alle Beiträge Aktuellster Beitrag Beitragsdatum bis

Branchen (4): Pharma

Der Erfolg ist nicht käuflich

Von Carsten Knop

01. August 2005 In der Pharmaindustrie liegen Glück und Pech so eng beieinander wie in keiner anderen großen Industriebranche. Ob sich die aufwendige Forschung für ein Medikament lohnt, stellt sich erst nach jahrelangen Arbeiten heraus. Selbst wenn es ein Präparat über die hohen Zulassungshürden geschafft hat, heißt das noch lange nicht, daß damit der ewige Absatzerfolg garantiert ist.

Das liegt nicht nur daran, daß es jederzeit bessere Konkurrenzpräparate geben kann, was ein Risiko wäre, das es auf anderen Märkten auch gibt. Vielmehr stecken in jedem Medikament Jahre nach seiner Zulassung noch unvorhersehbare Gefahren, die selbst große Pharmaunternehmen in ihrem Nerv treffen können.

Dafür sind die Schwierigkeiten des amerikanischen Pharmakonzerns Merck & Co. mit seinem im vergangenen Jahr vom Markt genommenen Schmerzmittel Vioxx ebenso ein Beispiel wie der Vermarktungsstopp für den Blutfettsenker Lipobay, den der Leverkusener Bayer-Konzern im Jahr 2001 verfügen mußte. Wäre Bayer damals nicht in diese Krise geraten, wäre der nicht börsennotierte Pharmakonzern Boehringer Ingelheim heute nicht der größte deutsche Vertreter der Branche.

Strenge Zulassungsbehörden kontrollieren den Markt

Bekanntere deutsche Unternehmen wie Altana in Bad Homburg und Schering in Berlin sind kleiner; Bayer ist es nun auch. Und der Versuch, wieder an alte Zeiten anzuknüpfen, braucht einen langen Atem: Denn die Erfahrung zeigt, daß nicht einmal jedes zehnte Projekt, das die Testphase der Tierversuche (die Präklinik) erreicht, zum Endverbraucher gelangt. Grund sind die zunehmenden Hürden in den klinischen Tests (den sogenannten Phasen I bis III) - die Anforderungen an die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit der Arznei.

Am Ende bestimmen die Zulassungsbehörden, von denen die wichtigste die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA ist, ob und für welche Anwendungen das Produkt auf den Markt kommt. Die Entwicklung eines erfolgreichen Medikaments kostet nach gleichlautenden Zahlen des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) und der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) im Durchschnitt rund 800 Millionen Dollar.

Ein Teil der Kosten wird in Forschung investiert

Diese Kosten und das Risiko setzen die Branche unter den Druck, hohe Margen zu erzielen. Das führt zu einem weiteren Problem: Denn in der Öffentlichkeit hat die Pharmaindustrie trotz ihres segensreichen Wirkens für so viele Patienten keinen guten Ruf. Das liegt an den hohen Preisen für innovative Medikamente. Einerseits müssen die hohen Preise nach Ansicht der Branche verlangt werden, um für die Investoren eine Rendite zu erzielen, die das Risiko belohnt, überhaupt Geld in Pharmaaktien zu investieren. Zum anderen müsse genug Geld übrigbleiben, um die weitere Forschung und Entwicklung zu finanzieren.

Tatsächlich unternimmt die Branche in dieser Hinsicht erhebliche Anstrengungen: Die Forschungsausgaben der Arzneimittelhersteller erreichen nach den Angaben von S&P im Durchschnitt 15 bis 16 Prozent des Umsatzes. Bayer und Schering geben sogar zwischen 19 und 22 Prozent ihres Umsatzes für die Forschung aus. S&P-Analyst Olaf Tölke erwartet, daß diese Aufwendungen in der Branche tendenziell steigen werden. Die Investitionen führen bei den einzelnen Unternehmen indes zu höchst unterschiedlichen Erfolgen.

Nachahmerpräparate wollen vom Gewinn profitieren

Grundsätzlich gilt zum Beispiel die Forschungspipeline von Eli Lilly - gemessen an der Größe des Unternehmens - als sehr hoffnungsvoll. Ebenso kann sich Sanofi-Aventis über Erfolge freuen. Nicht zuletzt hatte die Schwäche von Aventis auf diesem Gebiet dazu beigetragen, daß das Unternehmen anfällig für die Übernahme durch Sanofi-Synthélabo geworden war. Merck & Co. ist hingegen in der mißlichen Lage, mit Vioxx ein Kassenschlager-Medikament verloren zu haben, zumal die Amerikaner bezüglich der Forschung ohnehin nicht in der ersten Liga mitspielen.

Immer häufiger befassen sich angesichts solcher Schwierigkeiten und der hohen Kosten mehrere Unternehmen gleichzeitig mit der Entwicklung, Zulassung und Vermarktung eines Medikaments in unterschiedlichen regionalen Märkten. Der Druck, schnell neue, erfolgreiche Medikamente entwickeln zu müssen, ist auch deshalb so groß, weil die Hersteller von Nachahmerpräparaten (Generika) immer früher versuchen, sich ein Stück vom Umsatzkuchen abzuschneiden. In den nächsten fünf Jahren werden 500 Millionen Dollar Umsatz, die die Pharmahersteller heute noch mit patentgeschützten Medikamenten erzielen, zur Eroberung durch die Generikaanbieter frei, da die Patente auslaufen.

Pharmakonzerne kämpfen um Patentrechte

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat auf diese Entwicklung in diesem Jahr seinerseits mit dem Kauf des deutschen Generikaherstellers Hexal für 5,7 Milliarden Euro (einschließlich der amerikanischen Eon Labs) reagiert und ist fortan unter seiner Marke Sandoz der größte Anbieter von Nachahmermedikamenten der Welt. Auch die deutsche Merck KGaA, die nichts mit Merck & Co. zu tun hat, will sich auf diesem Gebiet nach Möglichkeit durch einen Zukauf verstärken, ist aber - trotz einer zur Zeit hervorragend gefüllten Kriegskasse - nicht bereit, dafür jeden Preis zu zahlen.

Und das ist ein Problem, denn die Generikaproduzenten wissen inzwischen um ihren strategischen Wert, den sie für die Anbieter von innovativen Medikamenten haben. Doch auch die Hersteller, die sich nach wie vor ausschließlich auf Innovationen stützen, können wieder etwas hoffnungsvoller als in der jüngeren Vergangenheit sein. Denn die innovative Durststrecke aus den Jahren 2002 und 2003 scheint langsam überwunden zu sein. In einer wichtigen Patentrechtsklage hat ein Generikahersteller gegen den Anbieter von Originalpräparaten Eli Lilly verloren, was die Patentrechtsposition aller innovativen Pharmakonzerne nach Ansicht von Branchenanalysten wieder erheblich gestärkt hat.

Umsatz in der Pharmabranche ist gesichert

Bei der Analyse der neuen Produkte richtet sich der Blick vor allem auf Krebsmittel, besonders auf Avastin, das von der amerikanischen Tochtergesellschaft Genentech des Schweizer Roche-Konzerns entwickelt worden ist. Die deutsche Altana wiederum verfügt über zwei Atemwegsprodukte (Alvesco und Daxas), denen das Potential zugetraut wird, mehr als 1 Milliarde Dollar Umsatz im Jahr zu erreichen. Schering und Novartis bangen unterdessen um das in der Forschung schon weit vorangekommene Krebsmittel PTK/ZK, das eigentlich Avastin Konkurrenz machen sollte, in den letzten Studien aber überhaupt nicht überzeugt hat.

Auf eines kann sich die Pharmabranche bei allen Risiken aber immer verlassen: Die Menschen werden, auch dank ihrer Hilfe, immer älter. Der Markt für neue Medikamente ist deshalb ein solider Wachstumsmarkt, besonders in den Vereinigten Staaten. Während der Pharmaumsatz in Europa wegen diverser regulatorischer Eingriffe im vergangenen Jahr nur um rund 4 Prozent, in Deutschland gar nur um rund 1 Prozent zulegen konnte, ist der Umsatz in den Vereinigten Staaten um 8 Prozent geklettert. Und letztlich ist diese Zahl entscheidend, denn der dortige Pharmamarkt hat am gesamten Umsatz mit Medikamenten auf der Welt einen Anteil von 45 Prozent. S & P geht langfristig für den Weltpharmamarkt von einem Wachstum aus, das erkennbar über dem der übrigen Wirtschaft liegt.

Diese Perspektive gilt für einen Markt im Volumen von 518 Milliarden Dollar, auf dem die zehn größten Anbieter einen Marktanteil von knapp 50 Prozent haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der von vielen mittelgroßen und kleinen Pharmaunternehmen beherrschte Rest des Marktes weitere Übernahmen und Zusammenschlüsse erleben wird. Das gilt besonders für Deutschland, wo viele mittelständische Pharmaunternehmen, die Nischen im Markt für frei verkäufliche Medikamente besetzen, mit dem Rücken zur Wand stehen, seitdem diese in der Regel von den Patienten selbst bezahlt werden müssen.

Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Dax
Tec
Dow
Nas
03.12.2009 | 11:48
Dax 5.835,04
+0,92 %
 
        Vortag
03.12.2009 | 11:59
Name Kurs in %
DAX 5.832,34 +0,88%
TecDAX 807,32 +0,60%
MDAX 7.399,35 +0,99%
SDAX 3.529,15 +0,39%
REX 375,94 −0,15%
Eurostoxx 50 2.901,77 +0,83%
Dow Jones 10.452,70 −0,18%
Nasdaq 100 1.790,82 +0,17%
S&P500 1.109,24 +0,03%
Nikkei225 9.977,67 +3,84%
EUR/USD 1,5122 +0,51%
Rohöl Brent Crude 78,67 $ +1,21%
Gold 1.212,50 $ +1,68%
Bund Future 123,05 € −0,24%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche