Von Michael Psotta
06. April 2008 Seit mehr als vier Jahren blüht die Chemiekonjunktur. Offensichtlich befindet sich die Branche in einer derart robusten Verfassung, dass sie jedenfalls aus heutiger Sicht keinen Abstieg befürchten muss. Das erstaunt zumindest auf den ersten Blick. Der größte Chemiemarkt der Welt, die Vereinigten Staaten, schwächelt erkennbar. Wegen des Einbruchs auf dem Immobilienmarkt nimmt dort die Bautätigkeit ab. Davon ist mittelbar ein wichtiger Branchenzweig, die Bauchemie, betroffen. Außerdem ist die amerikanische Nachfrage nach Autos nicht erst seit kurzem besonders schwach. Auch dies trifft die Chemieindustrie, die den Autoherstellern eine Fülle von Produkten vom Lack bis zu Kunststoffen liefert. Doch selbst amerikanische Chemiekonzerne wie Dow Chemical oder Dupont zeigen sich unverändert zuversichtlich, auch in den kommenden Jahren Umsätze und Gewinne zu erhöhen.
Weitere Risiken liegen im hohen Ölpreis, der für die Chemieindustrie gleich von doppelter Bedeutung ist: wegen der besonders energieintensiven Produktion und wegen des Grundstoffs Öl. Für die europäischen Chemiekonzerne wiederum sind der starke Euro beziehungsweise der schwache Dollar normalerweise ein Geschäftshindernis ersten Ranges. Schließlich hat die ursprünglich amerikanische Finanzmarkt- und Immobilienkrise Europa längst erreicht - mit noch unabsehbaren Folgen für die Konjunktur und damit auch für das Gedeihen der Chemieindustrie.
Gute Aussichten für das Jahr
Doch Skepsis scheint fehl am Platz. Allenfalls etwas geringere Wachstumsraten auf überaus hohem Niveau erwartet der Verband der Chemischen Industrie. Nach seiner jüngst bekräftigten Prognose rechnet er mit einem Produktionszuwachs von 2,5 Prozent und einem Umsatzzuwachs von 4,5 Prozent. Auch die Konzerne zeigen sich optimistisch. Weltmarktführer BASF sieht sich so gut in Form, dass er auf unbestimmte Zeit ein Wachstum über dem Marktdurchschnitt in Aussicht gestellt hat. Zudem hat er sich diesmal schon in einer sehr frühen Phase des Geschäftsjahres zuversichtlich über die Gewinnentwicklung geäußert. Etwas zurückhaltender, aber ebenfalls optimistisch im Hinblick auf den Ertrag gab sich Bayer. Auch die übrigen namhafteren deutschen Branchenvertreter - Konzerne wie Evonik, Degussa, Lanxess, Altana oder Merck KGaA - machen sich zumindest öffentlich derzeit wenig Gedanken über ein schwieriger werdendes Geschäft.
Das liegt zunächst an der guten Auftragslage, die bei einer überdurchschnittlich hohen Auslastung von mehr als 87 Prozent die Beschäftigung bis in den Herbst sichert und schon deshalb Aussagen über einen positiven Jahresverlauf nicht allzu verwegen erscheinen lässt. Es liegt aber auch daran, dass die Nachfrage aus den aufstrebenden Schwellenländern, vor allem aus Asien, bisher keinerlei Schwächen zeigt, sondern die Ausfälle in Amerika bisher mehr als kompensiert. Und es liegt schließlich an der durchweg guten Verfassung der einzelnen Unternehmen. BASF beispielsweise hat sich über viele Jahre aufwendig saniert, ohne wirklich bedroht zu sein. So wurde die Belegschaft in Ludwigshafen, dem größten Chemieverbund der Welt, um fast ein Drittel auf gut 30.000 Mitarbeiter verringert, während die Produktion zunahm. Als sich Ende 2003 die internationale Chemiekonjunktur belebte, profitierte BASF davon in besonders guter Form. Seither hat der Konzern seine international führende Position noch ausgebaut. Dabei halfen einige größere Zukäufe wie die Degussa-Bauchemie und das Katalysatorgeschäft des amerikanischen Engelhardt-Konzerns, aber auch hohe Investitionen in China, die BASF künftig sogar noch beschleunigen will.
Spezialisierung verspricht Erfolg
Mit deutlich schlechterer Ausgangslage hat auch Lanxess seine Möglichkeiten genutzt. Von Bayer abgespalten, trat Lanxess vor zwei Jahren mit chemischen Massenprodukten an, für die Bayer im eigenen Konzern keine Zukunft mehr sah. Unter dem Schirm der guten Konjunktur hat Lanxess unerwartet schnell die besonders ertragsschwachen Geschäfte abgestoßen und sich stärker auf Spezialchemikalien konzentriert. So gelang es dem Konzern, seine Margen schneller als erwartet an das Niveau der europäischen Konkurrenten heranzuführen. Bayer wiederum ist ein Sonderfall in der Branche, weil der Konzern inzwischen eher als Pharmaunternehmen auftritt. Mit seinem verbliebenen Chemiegeschäft - Kunststoffe und Pflanzenschutz - verdient Bayer zwar weniger als auf dem Pharmamarkt. Die beiden Sparten sind allerdings, wenn man nur die Chemiebranche als Maßstab nimmt, durchaus ertragsstark und wegen ihres Spezialisierungsgrades relativ konjunkturunabhängig. Das bringt Bayer einen durchaus erwünschten Ausgleich gegenüber den relativ hohen Risiken des Pharmageschäftes.
Auch Altana und Merck KGaA zeigen, dass Spezialisierung zumindest für die im Weltvergleich nur kleinen bis mittelgroßen Anbieter eine erfolgversprechende Strategie ist. Altana etwa, die früher im Verbund mit der viel größeren Altana Pharma ein stiefmütterliches Dasein führte, arbeitet nach der Abspaltung jetzt in eigener Regie höchst erfolgreich, während die in Nycomed aufgegangene Altana Pharma nur noch ein Schatten früherer Bedeutung ist. Der heutige Chemiekonzern Altana bietet etwa Lack- und Beschichtungsprodukte wie besonders witterungsbeständige Fassaden, die teils sogar für einzelne Kunden entwickelt werden. Dies beschert nicht nur hohe Margen, sondern macht Altana auch relativ krisenfest: Hohe Rohstoff- und Energiekosten oder Belastungen aus Währungskursveränderungen können da leichter an den Kunden weitergegeben werden.
Strategische Partnerschaften
Merck KGaA ist neben Bayer einer der wenigen verbliebenen Pharma- und Chemie-Mischkonzerne. Wie bei dem Leverkusener Konkurrenten spielt auch bei Merck das Pharmageschäft inzwischen die dominante Rolle - allerdings nur gemessen am Umsatz. Der Chemiezweig steuert dafür den größeren Teil zum Gewinn bei. Das liegt daran, dass Merck in einer Marktnische - Flüssigkristalle für Flachbildschirme - einen mit Patenten abgesicherten Weltmarktanteil von zwei Dritteln hat.
Altana und Merck zeigen aus der Sicht vieler Experten eine Entwicklung auf, die erst begonnen hat: Vor allem die kleineren und mittleren deutschen Chemiekonzerne werden nur auf Dauer am Markt bestehen, wenn sie sich von der Produktion von Massenchemikalien lösen und sich auf Spezialitäten konzentrieren. Vor allem in der Grundstoffchemie und speziell in der Petrochemie haben sich einige ausländische Anbieter etabliert, die mit ihren günstigen Kosten den herkömmlichen Wettbewerbern in den westlichen Industrieländern das Leben bereits heute schwermachen. Dazu zählt etwa Sabic aus Saudi-Arabien, die den günstigen Zugang zu Öl und Gas nützt. Auch der staatliche chinesische Chemiekonzern Sinopec gehört zu den aufstrebenden neuen Branchengrößen. Sinopec strebt jetzt ganz ausdrücklich in die höherwertige Chemieproduktion, etwa von anspruchsvolleren Zusätzen für Motoröl oder Waschmittel - und zwar mit dem Partner BASF.
Der deutsche Konzern könnte diese Produkte in China zwar auch allein herstellen. Er lässt sich auf eine derartige Partnerschaft aber offensichtlich in der Erkenntnis ein, dass der langfristige Aufstieg des chinesischen Staatskonzerns in höhere Wertschöpfungsstufen ohnehin nicht zu verhindern ist. Die Vertiefung der schon bestehenden Partnerschaft sichert da die Position von BASF in China ab. Ähnlich geht der amerikanische Konkurrent Dow Chemical vor, der große Teile seines Kunststoffgeschäfts in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem kuweitischen Ölkonzern KPC ausgelagert hat. KPC gewinnt dabei technische Expertise, während Dow vom Zugang zum Öl profitiert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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