Von Uta Bittner
30. März 2008 Gut 1.677.000.000 Euro. Das ist die Höhe des Zwangsgeldes, das die Europäische Kommission dem weltgrößten Softwarekonzern Microsoft allein in einem Missbrauchsverfahren aufgebrummt hat. Selbst für den amerikanischen Marktführer, der vor allem mit Betriebssystemen und Bürosoftware Geld verdient, ist dies kein Pappenstiel. Allerdings ist der Branchenprimus aus Redmond mit einem Jahresumsatz von mehr als 51 Milliarden Dollar im Vergleich zu den Wettbewerbern am ehesten in der Lage, derlei Strafzahlungen wegzustecken. Die vielen kleinen und mittelständischen Softwarehersteller, die heute den Markt prägen, denken in anderen Größenordnungen.
Besonders in Deutschland ist der Softwaremarkt durch den Mittelstand geprägt. Einzig der Branchenprimus SAP kann mit einem Jahresumsatz von mehr als 10 Milliarden Euro aufwarten. Schon die Nummer zwei, die Software AG mit Sitz in Darmstadt, erreicht nur noch ein Umsatzvolumen von 621 Millionen Euro - und damit noch nicht einmal die Hälfte des Microsoft-Zwangsgeldes.
Gutes Wachstum des Softwaremarktes
Der Softwaremarkt wird dominiert von wenigen großen Konzern und vielen tausend kleinen Anbietern. Mehr als die Hälfte des Marktes verteilt sich auf die Großen. Die kleinen, spezialisierten Anbieter stellen dabei interessante Übernahmeobjekte für die marktbeherrschenden Unternehmen dar. Fachleute gehen deshalb davon aus, dass auch 2008 die Konsolidierung im Softwaremarkt weiter voranschreiten wird.
Wie schnell sich der Markt eines Softwaresegmentes binnen kürzester Zeit drehen kann, bewiesen Oracle, SAP und IBM im vergangenen Jahr. Die drei Branchengrößen kauften innerhalb weniger Monate fast alle führenden Anbieter von sogenannter Business-Intelligence-Software auf. Business Intelligence (BI) ist Analysesoftware, mit der Unternehmen Herr ihrer Datenflut werden können. In Zeiten von schnell wachsenden Datenmengen wird Transparenz zum Erfolgsfaktor für die Unternehmen. Kein Wunder also, dass die Großen der Industrie den Einstieg in dieses lukrative Marktsegment suchten. Oracle kaufte Hyperion, SAP den französischen Anbieter Business Objects, und IBM verleibte sich Cognos ein. Durch diese Zukäufe machten sie wertvolle Zeit im schnelllebigen Softwaregeschäft gut, ersparten sich langwierige Entwicklungsphasen.
Das Marktforschungsunternehmen Gartner rechnet auch 2008 und in den Folgejahren mit einem guten Wachstum des Softwaremarktes. Bis 2011 soll das Geschäft mit den Bits und Bytes um jährlich 8,3 Prozent auf ein Marktvolumen von dann 235 Milliarden Dollar zulegen. Die Marktbeobachter erwarten - trotz der Unsicherheit aufgrund der Finanzmarktkrise - weiter eine große Nachfrage von Unternehmen, die ihre alten Softwarelösungen gegen moderne austauschen.
Flut von Neugründungen
Das Geschäft mit Software ist und bleibt attraktiv. Fachleute rechnen daher in den nächsten Monaten mit vielen Neugründungen von Softwareunternehmen. Denn Software schafft Mehrwert für alteingesessene Anwendungsbranchen. Sie ist mittlerweile zum Motor für Innovationen geworden. Vor allem eingebettete Systeme (Embedded Systems) - also Computertechnik, die in Maschinen und Autos eingebaut wird - gilt als vielversprechender Zukunftsmarkt. Hier gibt es großes Potential für spezialisierte Softwarehersteller, sagt Softwareexperte Stephan Ziegler vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). Ein Blick in den Embedded-Systems-Markt zeigt: Gerade hier tummeln sich besonders in Deutschland sehr viele kleine Anbieter mit zehn bis fünfzig Mitarbeitern.
Zur weiteren Konsolidierung in der Softwarebranche gibt es indes unterschiedliche Stimmen. Dass sich die Geschwindigkeit verlangsamen wird, davon geht IT-Fachmann Marcus Eul vom Beratungsunternehmen A. T. Kearney aus: Echte große Deals sind 2008 eher nicht zu erwarten. Der Softwaremarkt ist weitestgehend gesättigt, besonders nach der Übernahme von Bea Systems durch Oracle. Insgesamt sind im wesentlichen kleinere Übernahmen zu erwarten.
Zum Erfolg verdammt
Auch Achim Berg, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, sieht keine große Welle der Marktbereinigung auf die Softwareunternehmen zukommen: Ich gehe daher davon aus, dass wir in den kommenden Jahren weniger eine Marktkonsolidierung im Bereich spezifischer Software-Segmente erleben werden als vielmehr Veränderungen mit Blick auf die Unternehmensgröße der Software-Anbieter. Sein Unternehmen konnte im vergangenen Jahr vor allem mit seinem neuen Betriebssystem-Programm Windows Vista punkten.
Dieses Jahr stellte der Softwareriese zudem die nächste Version seiner Software für Netzwerkrechner (Server) vor. Durch seine Marktdominanz sind die Produkte von Microsoft nahezu zwangsläufig zum Erfolg verdammt. Noch läuft das Geschäft mit den klassischen Softwarelizenzen gut. Aber der Markt bewegt sich: So rechnet Berater Eul damit, dass weiterhin das Thema Software-as-a-Service (SaaS) den Markt bestimmen wird. Unter SaaS versteht man Softwarelösungen, die der Anwender über das Internet nutzt, so dass er das Programm nicht auf dem eigenen Rechner installieren und pflegen muss.
Niedrige Kosten, mehr Flexibilität
Das senkt mitunter die Wartungskosten. Zudem wird das Produkt nutzungsabhängig abgerechnet. Das bringt den Unternehmen mehr Flexibilität und erspart aufwendige Softwareeinführungsprojekte. Vor allem im Management der Kundenbeziehungen und in der Unterstützung von Geschäftsprozessen rechnen Fachleute mit einer verstärkten Nutzung von Software in Serviceform.
Besonders IBM und Microsoft, aber auch Cisco und Google werden verstärkt in den Software-as-a-Service-Markt investieren, ist Euls Prognose. Der Markt im reinen Lizenzgeschäft werde zu eng, ist auch Ziegler überzeugt. Große Softwareanbieter wie SAP sind schon dabei, mit eigenen Produkten intensiver in diesen Markt einzusteigen. Eul geht davon aus, dass 20 Prozent der neu angeschafften Business-Software realistisch über das SaaS-Modell ausgeliefert werden wird. Damit schreibt sich ein Trend fort: Denn schon 2007 hatten 16 Prozent der Unternehmen in Europa und in den Vereinigten Staaten SaaS-Lösungen eingesetzt, hat das Marktforschungsunternehmen Forrester Research festgestellt. Das entspricht einem Zuwachs von 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Software als Service verändert auch die Geschäftsmodelle der Software-Anbieter. Früher entwickelten Softwarehäuser ihre Programme. Den Betrieb und die Wartung übernahmen Anbieter von Hosting-Lösungen. Diese Trennung verschwimmt zunehmend, sagt Berg.
Einer der spannendsten Trends
Neben Unternehmenssoftware, die die Geschäftsprozesse unterstützt, sind auch Programme zum Management der Informationstechnik-Infrastruktur weiterhin wichtig. Sie dienen dazu, die vielen, heterogenen Systemwelten im Unternehmen zu harmonisieren. Im Fachjargon heißt dies Integration - und das ist für den Deutschlandchef von Microsoft einer der spannendsten Trends in diesem Jahr.
Denn die meisten Unternehmen in Deutschland kämpften mit einem strukturellen Problem: Ihre Informationstechnik ist zu komplex, und die Kosten laufen aus dem Ruder. 70 Prozent der IT-Budgets werden derzeit alleine für die Pflege von EDV-Systemen aufgewendet, sagt Berg. Und jedes Jahr kämen neue Anwendungen, Programme und Netzwerkelemente hinzu. Kein Wunder, dass die IT-Kosten auf einem hohen Niveau verharren, obwohl Hardware- und Softwarekosten tendenziell immer weiter sinken, stellt der Microsoft-Manager fest.
Text: F.A.Z., 31.03.2008, Nr. 75 / Seite 23
Bildmaterial: F.A.Z.
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