Von Werner Sturbeck
23. Januar 2006 Mit bemerkenswertem Schwung bahnt sich eine Auflösung des lange nur beklagten Investitionsstaus im Kraftwerksneubau in Deutschland an. Innerhalb weniger Monate hat die Zahl der mehr oder weniger konkret geplanten Neubauten von Kohle- und Gaskraftwerken erheblich zugenommen. So könnte bis 2012 eine neue Kraftwerkskapazität von rund 23.000 Megawatt entstehen, wenn alle Ankündigungen umgesetzt würden. Das ist immerhin fast ein Viertel der vorhandenen Kapazität.
Das Bundeswirtschaftsministerium geht davon aus, daß bis zum Jahr 2020 neue Anlagen für die fossilen Brennstoffe Erdgas, Stein- und Braunkohle mit mindestens 40.000 Megawatt elektrischer Leistung gebaut werden müssen. Das entspricht annähernd 40 Prozent der hierzulande dauerhaft nutzbaren Kapazität und dürfte Investitionen von rund 40 Milliarden Euro erfordern.
Für die Verbraucher von Vorteil
Bei den bislang angekündigten konkreten Projekten geht es überwiegend um den Ersatz alter Kraftwerke. Aber es gibt eine Reihe potentieller Investoren mit bislang geringer Erzeugungskapazität. Da macht sich allmählich unter den etablierten Produzenten die Sorge breit, daß auch die kleineren Erzeuger in neue Kraftwerke investieren und damit Überkapazitäten entstehen könnten.
Für die Verbraucher könnte es nicht besser kommen. Denn nur mit zusätzlicher Produktion kann an der jungen Leipziger Strombörse der seit mehr als zwei Jahren anhaltende Preisauftrieb gebrochen werden. Die drastische Verteuerung von Strom und auch von Gas hat inzwischen zu einem hitzigen Streit geführt. Seit in Deutschland die von der Europäischen Union durchgesetzte Energiemarktliberalisierung 1998 auf einen Schlag umgesetzt wurde, erwarten die Wirtschaft und die Bürger vor allem eine niedrigere Stromrechnung.
Oligopol würgt den Wettbewerb ab
Inzwischen dominiert aber der Eindruck, das nach der Marktöffnung entstandene Oligopol aus vier Stromproduzenten habe den anfangs lebhaften Wettbewerb erfolgreich abgewürgt. Dafür gelten die im europäischen Vergleich tatsächlich überdurchschnittlich hohen Brutto-Endpreise wie auch die für die Aktionäre erfreuliche Steigerung beim Stromgewinn und Börsenkurs der Strommarktführer gemeinhin als Beweis.
Der Verweis der Branche auf die noch immer vergleichsweise günstigen Großhandelspreise findet kaum Gehör. Zwar trägt auch der Staat mit der Stromsteuer und den Abgaben zur Förderung von Ökostrom erheblich dazu bei, daß Elektrizität teurer als vor der Marktöffnung wurde.
Bundeskartellamt nimmt Preisgebaren unter die Lupe
Preisschübe verursachten auch die Emissionsrechte. Die EU hatte dieses Instrument zum Klimaschutz im vergangenen Jahr installiert, das für den Betrieb von Kohlendioxid freisetzenden Kraftwerken benötigt wird. Dabei sind diese Emissionsrechte kostenlos zugeteilt worden. Aber die Vorwürfe der Wirtschaft und der Bürger konzentrieren sich auf die größten Anbieter in einem als rudimentär empfundenen Wettbewerb.
Deshalb nimmt das Bundeskartellamt viel intensiver als früher das Preisgebaren der Strom- und der mit ihr eng verzahnten Gaswirtschaft unter die Lupe. Die 2005 eingerichtete Regulierungsbehörde soll zudem faire Transportpreise für die Durchleitung durch fremde Strom- und Gasnetze sicherstellen.
Der bunteste Markt in Europa
Dabei ist die Branche, die mit Erzeugungskapazität und Absatz rund ein Fünftel des EU-Marktes repräsentiert, optisch breit aufgestellt. Deutschland ist der größte und mit fast 900 Versorgern auch der bunteste Markt in Europa und wickelt in zentraler Lage den höchsten Stromaußenhandel ab. Hierzulande gibt es 44 Millionen Stromverbraucher, im wesentlichen 39 Millionen Haushalte sowie fünf Millionen Klein- und landwirtschaftliche Betriebe.
Diese Kundengruppe hat im Jahr 2005 mit etwa 46 Milliarden Euro grob die Hälfte zum gesamten Stromumsatz beigesteuert, obwohl sie nur gut ein Viertel der Produktion verbraucht. Ferner zählt die Branche 320.000 Kunden aus Industrie, Handel, Gewerbe, öffentlichen Einrichtungen und Verkehr. Die jährliche Wachstumsrate im Verbrauch schwankt gerade einmal um ein Prozent.
Branche ist enger zusammengerückt
Entgegen den Erwartungen hat sich die Zahl der Versorger nach dem Fall der Gebietsmonopole wenig verändert. Denn vor allem das befürchtete Stadtwerkssterben ist ausgeblieben. So arbeiten nach wie vor rund 800 kommunale und lokale Stromversorgungsunternehmen.
Aber im Zuge von größeren und kleineren Beteiligungen ist die Branche doch wesentlich enger zusammengerückt. Von den etwa 100 nach dem Fall der Monopole angetretenen Marktneulingen haben nur wenige überlebt. Die verbliebenen vier dürften zusammen kaum 200.000 Kunden haben.
Optimaler Energiemix für Stromversorgung
Am stärksten war der Konzentrationsprozeß bei den einst acht großen Verbundunternehmen. Durch Fusionen und Übernahmen entstanden die vier Marktführer RWE, Eon, Vattenfall und ENBW. Sie vereinen mehr als 80 Prozent der Kraftwerkskapazität auf sich. Darüber hinaus haben allein RWE und Eon zusammen weit mehr als 50 Milliarden Euro eingesetzt, um sich durch Übernahmen in Skandinavien, Großbritannien und Mitteleuropa im oberen Drittel der europäischen Versorgerliga zu plazieren. Im Frühjahr soll sich ein Energiegipfel mit dem umstrittenen optimalen Energiemix für eine langfristig sichere, umweltverträgliche und wirtschaftliche Stromversorgung befassen.
Eng damit ist die Entwicklung des Strompreises verbunden. Die Mammutveranstaltung wird diese Schlüsselfrage für die Elektrizitätswirtschaft jedoch nicht beantworten. Dafür sind die Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern von Atom-, Kohle- und Ökostrom zu tief. Die Vorteile einer Laufzeitenverlängerung bei den Kernkraftwerken sind so umstritten wie der Nutzen anschwellender Subventionen für Strom aus Wind, Sonne und Biomasse.
Konzentration auf langfristige Versorgungssicherheit
Die anfängliche Euphorie für die die Umwelt weniger als Kohlestrom belastenden neuen Gaskraftwerke ist abgeschwächt. Schlechte Erfahrungen mit abrupt hochschießenden Gaspreisen im liberalisierten britischen Energiemarkt, der einmal als vorbildlich galt, haben erschreckt. Der Gasstreit zwischen Rußland und der Ukraine hat den Blick auf die langfristige Versorgungssicherheit gelenkt.
Bei so vielen energiepolitischen und betriebswirtschaftlichen Risiken ist die neue Investitionslust schon bemerkenswert. Aber es gibt auch einige Gründe für ein Ende des Zauderns. Die hohen Gewinne der großen Produzenten machen zunehmend auch kleinere Versorger begehrlich. So planen inzwischen Dutzende von Stadtwerken in Arbeitsgemeinschaften oder Gemeinschaftsunternehmen eigene Kraftwerke.
Markt reagiert heftig auf Angebotsverengung
Andere reizt der noch immer außerordentlich günstige Kapitalmarktzins, den Bau von Ersatzkraftwerken etwas vorzuziehen. Die Ankündigungsflut provoziert weitere Projekte. Wer nicht rechtzeitig baut, läuft Gefahr, zu spät zu kommen. Zumindest die führenden Produzenten werden zum Schutz hoher Margen versuchen, ihr Angebot zu begrenzen.
Die Strombörse hat diese Strategie belohnt. Die Spotmarkt- und Terminnotierungen reagieren heftig auf tatsächlich auftretende Knappheit und befürchtete Angebotsverengung. Je mehr neue Produzenten aber in den Markt dringen, um so schwieriger wird es, die Mengendisziplin beizubehalten.
Text: F.A.Z., 20.01.2006
Bildmaterial: F.A.Z.
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