Von Werner Sturbeck
01. Oktober 2007 Der Düsseldorfer Energiekonzern Eon entwickelt mit Partnern das Steinkohlenkraftwerk der kommenden Generation. Wenn es um das Jahr 2014 in Betrieb gehen wird, soll es ein Drittel weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen als der Durchschnitt aller gegenwärtig in Europa betriebenen Steinkohlenkraftwerke. Der Fortschritt liegt in einem Wirkungsgrad von mindestens 50 Prozent, während der Mittelwert im europäischen Kraftwerksbestand 36 Prozent beträgt und die derzeit im Bau befindlichen Anlagen auf etwa 45 Prozent kommen.
Für Techniker ist jeder zusätzliche Prozentpunkt Energieausbeute eine Herausforderung. Der Wirkungsgrad kann nur mit erheblichen Steigerungen von Druck und Temperatur erhöht werden. Im Eon-Pilotprojekt trifft mehr als 700 Grad Celsius heißer Wasserdampf mit einem Druck von 350 bar auf die Turbinenschaufeln. Wenige Meter weiter, am Ende der Turbine, sind die Temperaturen auf 100 Grad und der Druck auf 60 bar abgefallen.
Uralter Werkstoff mit anspruchsvollen Eigenschaften
Ein Werkstück aus einem Guss, das solchen Belastungen standhält, erfordert von unseren Wissenschaftlern einen gewaltigen Kraftakt, sagt Ekkehard Schulz, Vorstandsvorsitzender von Thyssen-Krupp, der ein promovierter Hüttentechniker ist. Seine Ingenieure schufen einen Werkstoff, der mit klassischem Stahl nur noch wenig gemein hat. Unter Einsatz der Laserschweißtechnik entstand ein Hochleistungswerkstoff, der am einen Ende aus reinen Nickel- und am anderen aus reinen Chromlegierungen besteht.
Es sind vor allem die deutschen Stahlproduzenten, die sich intensiv damit befassen, dem uralten Werkstoff Stahl anspruchsvollere Eigenschaften zu verleihen. Alle neuen Stähle bergen großes Geschäftspotential und können helfen, in der stark wachsenden Weltbevölkerung mit den Ressourcen schonender umzugehen und durch eine intensivere Nutzung der Primärenergie die Klimaschäden einzuschränken.
Die enormen Leistungsverbesserungen reichen von leichteren Fahrzeugkarosserien bis hin zur Windenergie. Die von Thyssen-Krupp geschaffenen, heute von vielen Flachstahlherstellern in der Welt produzierten Tailored Blanks - durch Laserschweißen zusammengefügte Fahrzeugbleche unterschiedlicher Dicke und Stahlsorten - haben beim Personenkraftwagen Gewichtseinsparungen von bis zu 25 Prozent möglich gemacht und gleichzeitig die Sicherheitsmerkmale wie Festigkeit und Verformbarkeit verbessert.
Ein Quantensprung für die Öl- und Gasförderung
Salzgitter baut nun mit dem Düsseldorfer Hüttentechniker SMS eine Pilot-Bandgießanlage für den bisher sehr aufwendig nur im Labor produzierbaren Hochmanganstahl. Damit lassen sich nicht nur Autobleche noch dünner walzen, sondern auch andere Bauteile am Auto werden leichter, sagt Salzgitter-Vorstand Hans Fischer.
Die Dillinger Hütte hat für Grobblech ein Herstellungsverfahren entwickelt, das für die Förderung von Öl- und Gasvorkommen einen Quantensprung bedeutet, die nur über Tiefseeleitungen erschlossen werden können. Das neue Produkt hält höheren Drücken und wesentlich niedrigeren Temperaturen stand. Lag vor einigen Jahren die Grenze für Seepipelines noch bei 300 Metern Tiefe, wurde im Golf von Mexiko eine Leitung bis zu 2400 Meter tief verlegt.
Deutsche fallen zurück
Auch deutsche Technik für Windenergie wurde zum Exportschlager. Während die erste Anlagengeneration mit 15 Meter langen Rotorblättern für bescheidene 30 Kilowatt Leistung sorgten, sind die neuen Räder mit fünf Megawatt Leistung schon ein kleines Kraftwerk. Ohne erhebliche Entwicklungsarbeiten an den Stählen der Blätter wäre dieser Leistungssprung nicht möglich gewesen.
Klasse statt Masse - das ist der einzige Weg, auf dem die Produzenten in der rasant wachsenden globalen Stahlwirtschaft bestehen können. In dem internationalen Konsolidierungsprozess fallen deutsche Stahlproduzenten gemessen an der Rohstahlproduktion immer weiter zurück. Im vergangenen Jahr sind allein dreißig chinesische Unternehmen in den Kreis der 80 größten Rohstahlproduzenten eingerückt. Und das ist nur der Anfang. Denn die Auftragsbücher der Anlagenbauer sind prall gefüllt. Nie zuvor wurden so viele Stahlwerke geplant und gebaut wie im Augenblick. Überall - in Asien, Amerika, Osteuropa, ja sogar in Nahost und Afrika - entstehen neue Kapazitäten.
China überschwemmt den Europa mit Stahl
Treiber dieser Entwicklung ist das Wachstum in der Stahlnachfrage, das in den Industriestaaten, aber vor allem in den aufstrebenden Schwellenländern nun seit bald zehn Jahren andauert. Hohe Gewinne und gut gefüllte Kassen ermutigen die Produzenten zum Ausbau der Marktpositionen. Fast jeden Tag wechselt irgendwo in der Welt ein Stahlunternehmen den Besitzer. Da aber die übernehmbaren Wettbewerber in den Jahren 2005 und 2006 prohibitiv teuer geworden sind, wird nun verstärkt das organische Wachstum, der Bau eigener Produktionsanlagen, vorangetrieben.
China, seit Jahren der Motor des ungewöhnlich langen Stahlbooms, sendet unmissverständliche Warnsignale aus. Weil dort inzwischen die Kapazität schneller als der Verbrauch wächst, überschwemmen die Unternehmen aus dem Reich der Mitte die asiatischen Nachbarstaaten und Nordamerika, zunehmend auch Europa mit Exporten. In Südeuropa haben chinesische Lieferungen im Sommer bereits zur Preisabschwächung geführt.
Finanzmarktkrise birgt Risiken für den Stahlexport
Für die deutschen Stahlproduzenten wird das Jahr 2007 dennoch ein besserer Jahrgang, als zu Jahresbeginn befürchtet. Mit dem Wachstum der Weltstahlproduktion um wahrscheinlich 6 Prozent auf 1,33 Milliarden Tonnen kann die seit 2006 in vielen Betrieben am Rande der Kapazitätsgrenzen arbeitende Branche nicht mithalten. Aber eine Ausweitung der Produktion gegenüber dem Spitzenjahr 2006 um 2 Prozent auf mindestens 48 Millionen Tonnen Rohstahl ist bei der bis einschließlich August bereits um 4,2 Prozent erhöhten Ausbringung ziemlich sicher.
Natürlich werfen die jüngsten widrigen Entwicklungen Fragen auf. Wird die Hypothekenmarktkrise in den Vereinigten Staaten dort die Konsumgüternachfrage, insbesondere die Neuwagenkäufe weiter bremsen und das Investitionstempo drosseln? Kann der schwache Dollar die europäischen Exporte beeinträchtigen, der stark erhöhte Ölpreis das internationale Wirtschaftswachstum lahmlegen? Bei der außerordentlichen hohen Exportquote der stahlverarbeitenden Industrie in Deutschland gibt es erhebliche Risiken.
Dynamischste Phase seit etwa 40 Jahren
Aber wenn daraus tatsächlich Probleme für die Stahlmärkte in den Industriezentren entstehen sollten, können sie die diesjährigen Jahresabschlüsse der deutschen Stahlproduzenten nicht mehr sonderlich beeinträchtigen. Denn die Konjunktur bei den wichtigsten Abnehmerbranchen am Binnenmarkt und in der Europäischen Union, dem Kerngebiet der deutschen Produzenten, ist robust. Der Stahlbedarf in Deutschland ist so hoch, wie man es nach der Wiedervereinigung noch nie erlebt hat, erklärt Hans-Jürgen Kerkhoff, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Der Maschinenbau erlebe die dynamischste Phase seit etwa 40 Jahren und werde sein Rekordjahr 2006 weit in den Schatten stellen. Im Fahrzeugbau erfreuen sich insbesondere die Hersteller von Nutzfahrzeugen einer starken Exportdynamik.
Vor diesem Hintergrund ist das Niveau der Stahlpreise in Deutschland im Augenblick noch recht fest. Außerdem profitieren Thyssen-Krupp, Salzgitter & Co. mit ihrem hohen Anteil an Premiumprodukten von den in diesen Marktsegmenten üblichen längerfristigen Festpreisverträgen. Und schließlich zeigt der mit Abstand größte Stahlkonzern der Welt, Arcelor-Mittal, eiserne Disziplin. Wie schon in der Nachfragedelle 2005 hat der Weltmarktführer im Sommer in den Regionen und Produktgruppen, in denen ein Angebotsüberhang erkennbar wurde, lieber die eigene Produktion gedrosselt, als sich auf einen Preisverfall einzulassen.
Text: F.A.Z., 01.10.2007, Nr. 228 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z., Reuters
Investmentbanker: Wir haben Mist ![]()
Finanzkrise trifft zunehmend die Unternehmen
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| Nikkei 225 | 10.155,90 | -3,03 |
| S&P 500 Zert. | 10,48 | -1,96 |
| Euro/Dollar | 1,35 | +0,13 |
| Bund Future | 117,08 | +0,09 |
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