Von Judith Lembke
13. Mai 2008 Die einen heißen Christian Lacroix, Jil Sander oder Valentino und erinnern an Glamour, Luxus und einen Sommertag an der Côte d'Azur. Die anderen nennen sich Falic Group, Change Capital Partners oder Permira und klingen eher nach Bilanzkennzahlen, anthrazitfarbenen Anzügen und einem 20-Stunden-Tag an der Wall Street.
Doch die unterschiedlichen Welten haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Seit 2005 gehört die französische Luxusmarke Lacroix der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Falic Group. Change Capital Partners kaufte 2006 Jil Sander, und der italienische Modezar Valentino verlor im vergangenen Jahr alle Anteile an seinem Unternehmen an die europäische Beteiligungsgesellschaft Permira.
Eklat bei Hugo Boss
Der Fonds mit Hauptsitz in London war auch die treibende Kraft bei der größten und spektakulärsten Übernahme, die in Deutschland bislang stattgefunden hat. Für knapp 3,5 Milliarden Euro sicherten sich die Engländer knapp 90 Prozent am Modekonzern Hugo Boss, eine Tochtergesellschaft der Valentino Fashion Group. Doch anstatt, wie zunächst angekündigt, alles beim Alten zu lassen und die Erfolgsgeschichte einfach fortzuschreiben, brachen mit Permira unruhige Zeiten in der schwäbischen Provinz an. Zunächst fremdelten die Gewerkschaften mit den neuen Herren, die sogleich als Heuschrecken in Verruf gerieten.
Und auch mit dem Vorstandsvorsitzenden Bruno Sälzer, der zwölf Jahre als Garant des Erfolges gegolten hatte, lief es alles andere als harmonisch. Zum Eklat kam es, als die Finanzinvestoren auf die Ausschüttung einer hohen Sonderdividende drängten. Während sich Sälzer mit dem Rückhalt der Belegschaft gegen eine Überschuldung und ein Ausbluten des Unternehmens stellte, versuchte Permira mit Finanzmathematik zu überzeugen. Mit 50 Prozent sei die Eigenkapitalquote von Hugo Boss viel zu hoch, hieß es. Durch eine Aufnahme von mehr Fremdkapital werde die Verzinsung des Eigenkapitals deutlich verbessert, was schließlich auch die Attraktivität der Aktie steigere. Und die Schulden könne ein kerngesundes Unternehmen wie Boss mit Leichtigkeit schultern.
Unterschiedliche Mentalitäten
Zwar konnten sich die neuen Eigentümer schließlich mit ihren Forderungen durchsetzen: Auf der Boss-Hauptversammlung am vergangenen Donnerstag ließen sie sich trotz lauten Protests zahlreicher Kleinaktionäre ihre geforderte Sonderdividende in Höhe von 350 Millionen Euro absegnen. Doch dafür zahlt der Mehrheitsaktionär einen hohen Preis. Das Unternehmen ist nicht nur seit Februar führungslos. Sälzer ging im Streit. Die Aktie fährt seit Wochen Achterbahn und auch andere Anteilseigner wie die Fondsgesellschaft DWS äußerten sich auf der Hauptversammlung besorgt über mangelnde Transparenz und eine ungeschickte Kommunikationsstrategie des neuen Mehrheitsaktionärs.
Ärger ist häufig programmiert, wenn Finanzinvestoren bei Modeunternehmen einsteigen. Oft prallen Mentalitäten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Firmenkultur von Modefirmen ist häufig vom Gründer geprägt, der gleichzeitig Chefdesigner und Namensgeber der Marke ist. Seine kreative Exzellenz bildete einmal die Basis für den Erfolg einer Marke. Auch wenn das Unternehmen mittlerweile stark gewachsen ist, erinnert die Unternehmensstruktur häufig noch an die kleine Schneiderei, die es am Anfang einmal war.
Die neuen Inhaber aus der Finanzbranche haben hingegen wenig Interesse an den Farben der Herbstkollektion. Sie wollen keine Mode machen, sondern Geld verdienen. Kreative Eskapaden stellen für sie vor allem ein unkalkulierbares Risiko dar, dass sich negativ auf die Bilanz auswirken könnte.
Schnelllebige Branche lässt Kapital sprudeln
Auch wenn sich einige bekannte Designer wie Ralph Lauren oder Giorgio Armani bislang erfolgreich gegen die Übernahme durch Finanzinvestoren oder einen Luxusgüterkonzern wie PPR oder LVMH aus Frankreich gewehrt haben - die meisten großen Marken gehören nicht mehr dem Designer, dessen Namen sie tragen. Da kann der Ferragamo-Chef Michele Norsa hundertmal öffentlich bezweifeln, dass private Beteiligungsgesellschaften und die Luxusmode zusammenpassen; auch er wird die Übernahmen mehr oder weniger bekannter Marken durch Finanzinvestoren nicht verhindern können. Zu groß sind die Vorteile, die sich private Beteiligungsgesellschaften von ihrem Engagement in dieser schnelllebigen Branche versprechen. Daran hat auch die Finanzkrise nichts geändert.
Im Gegenteil: Gerade weil die Fremdkapitalquellen für Beteiligungsgesellschaften nicht mehr so kräftig sprudeln, rücken die häufig mittelständisch geprägten Modeunternehmen als günstige Optionen ins Blickfeld. Für sie spricht im Vergleich zu anderen Konsumgüterherstellern, dass die Unternehmen relativ schnell auf Wachstum getrimmt werden können, ohne dass viel Geld in die Fertigung investiert werden muss. Die ist nämlich schon seit langem an Lohnfertiger ausgelagert. Im Gegensatz zu anderen Branchen wurde die deutsche Modeindustrie schon so früh von der Globalisierung getroffen, dass der Strukturwandel mittlerweile vollzogen ist. In Deutschland werden höchstens noch Kollektionsmuster genäht, während die Fertigung schon längst in Osteuropa, der Türkei, Nordafrika oder Asien stattfindet.
Die Fertigung außerhalb Deutschlands birgt noch einen weiteren Vorteil: Der Abstand zwischen Produktionskosten und Umsatz ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Während die Herstellung immer günstiger geworden ist, wurden den Konsumenten immer höhere Preise abverlangt.
Starke Marke ist entscheidend
Die Voraussetzung für dieses Geschäftsmodell ist jedoch eine starke Marke. Nur sie verspricht eine Umsatzrendite von bis zu 30 Prozent, nur sie hat das Potential für eine Expansion in alle Welt. Tom Tailor, eine Marke für Freizeitkleidung, die seit einigen Jahren dem Finanzinvestor Alpha gehört, zeigt, wie so etwas funktionieren kann. Während die Branche im vergangenen Jahr um 4 Prozent wuchs, steigerte Tom Tailor Umsatz und operatives Ergebnis um 20 Prozent auf 261 beziehungsweise 36 Millionen Euro. Thomas Schlytter-Henrichsen, Gesellschafter und Vorstandschef von Alpha, sieht sich damit jedoch längst noch nicht am Ziel seiner Träume: Er glaubt an ein Umsatzpotential von 1 Milliarde Euro und ist optimistisch, dass Tom Tailor sich irgendwann mit Branchengrößen wie Esprit messen kann. Er ist überzeugt, dass das Wachstumspotential von starken, gut geführten Marken in einer globalisierten Welt nahezu unbegrenzt ist - wenn man es nur richtig anstellt.
Viele Finanzinvestoren richten ihre Hoffnung auf Asien: Dort wächst in rasantem Tempo eine konsumfreudige Mittelschicht heran, die dazu noch sehr markenaffin ist. Schlytter-Henrichsen rechnet damit, dass die Welle der Übernahmen von Modeunternehmen durch Finanzinvestoren erst angefangen hat. Es gibt viele deutsche Modefirmen, die gut positioniert sind, aber trotzdem weniger profitabel wirtschaften als ihre Wettbewerber aus dem Ausland. Hier liege für Investoren die Chance, mit dem Dreh an der einen oder der anderen Schraube die Rentabilität des Unternehmens deutlich zu verbessern. Allerdings übt er auch Kritik an der eigenen Zunft: Vielen Finanzinvestoren fehlt die nötige Sensibilität für die Branche, sagt er. Es sei wichtig. dass man bei Modefirmen nicht alles dem Primat der Finanzen unterordne. Wenn bei einem Modeunternehmen die Kreativen von Bord gehen, dann haben sie gar nichts mehr.
Sonderseite Branchen und Märkte: Alle Folgen
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa
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