Von Kerstin Papon
10. September 2007 Die Branche boomt. Diese Aussage ist in Deutschland für kaum etwas so zutreffend wie für das Derivategeschäft der Banken. Die Handelsumsätze in den derivativen Wertpapieren für Privatanleger sind in wenigen Jahren in die Höhe geschnellt. Im Vergleich zu 1996 hat das Umsatzvolumen dieser Finanzprodukte im vergangenen Jahr immerhin das Fünfzehnfache erreicht. Die Banken jedenfalls verdienen prächtig an dieser Entwicklung.
Nicht nur die Umsätze sind beachtlich. Die von den Banken gerne als Alleskönner bezeichneten Zertifikate machen den Fondsgesellschaften inzwischen ernsthaft Konkurrenz. Manche Wertpapiere versprechen Renditen bei steigenden, andere bei fallenden Aktienkursen, ja selbst, wenn sich am Markt kaum etwas bewegt. Derzeit sollen deutsche Privatanleger nach Schätzungen der Derivatebranche rund 136 Milliarden Euro in die vielfältigen Finanzprodukte investiert haben - Tendenz weiter steigend.
Mehr als 200.000 verschiedene Produkte
Zum Vergleich: Von den deutschen Fondsgesellschaften wurden nach Angaben des Branchenverbandes BVI in Publikumsfonds, die überwiegend von Privatanlegern genutzt werden, zuletzt Anlegergelder in Höhe von 660 Milliarden Euro verwaltet. Auch dies ist ein historischer Spitzenwert.
Mehr als 200.000 verschiedene Produkte finden Anleger im deutschen Derivatedschungel inzwischen. Rund die Hälfte davon entfällt auf konservative Anlagezertifikate, die andere auf spekulative Hebelpapiere wie Optionsscheine und hochriskante Knock-out-Produkte. Die Derivate beziehen sich auf Basiswerte wie Aktien, Rohstoffe oder Währungen und sind an deren Wertentwicklung gekoppelt. Während die Handelsumsätze in beiden Derivatebereichen zuletzt in etwa gleich waren, sieht das bei den Anlagevolumina freilich anders aus.
Unterentwickelte Aktienkultur in Deutschland
Rund 98 Prozent der angelegten Gelder sind nach Angaben des Branchenverbandes Derivate-Forum in Zertifikate investiert, der magere Rest liegt in den zu Spekulationszwecken häufig umgesetzten und nur vergleichsweise kurzfristig gehaltenen Hebelpapieren. In allen Fällen handelt es sich um Schuldverschreibung der begebenden Bank, auch Emittent genannt. Die Bonität dieses Finanzinstituts ist daher wichtig, weil die Papiere im Falle von dessen Insolvenz nicht vor Verlust geschützt sind. Bei Fonds ist dies anders: Sie sind Sondervermögen der jeweiligen Gesellschaften.
Für den Derivateboom finden sich mehrere Gründe. Der Deutsche ist von Haus aus vorsichtig. Insofern ist die Aktienkultur - anders als in Großbritannien oder Amerika - noch unterentwickelt. Nachdem sich etliche Sparer während der beispiellosen Hausse um die Jahrtausendwende erstmals an den Aktienmarkt gewagt und sich in der dann folgenden Baisse die Finger verbrannt hatten, kamen die Banken mit ihren verlockenden Versprechungen gerade zur rechten Zeit: Der Schutz vor möglichen Kursverlusten wie durch Discount-Zertifikate und Bonuspapiere traf den Nerv der gebeutelten Kleinaktionäre. Beide Zertifikatearten gewannen an Bedeutung. Sie machen einen Großteil der Zertifikateumsätze aus und vereinen hohe Anlagesummen auf sich. Auch der hundertprozentige Kapitalschutz durch Garantiezertifikate steht hoch im Kurs.
Je mehr Schutz, desto geringer die mögliche Rendite
Früher wurden überwiegend Optionsscheine umgesetzt. Es gibt diese Hebelpapiere für die Spekulation auf steigende (Call) oder fallende Kurse (Put). Mit einem nur kleinen Kapitaleinsatz können Anleger überdurchschnittlich an Marktbewegungen teilhaben - also viel gewinnen oder aber auch verlieren. Erst mit den Anlageprodukten kam jedoch der Durchbruch. Anleger haben das Investment in den Aktienmarkt mit Netz schätzen gelernt, auch wenn sie diesen Puffer in den vergangenen gut vier Jahren eigentlich kaum gebraucht hätten.
Denn seit dem Zwischentief im März 2003 hat der Deutsche Aktienindex Dax - trotz seiner jüngsten Verluste - rund 250 Prozent zugelegt. Die zusätzliche Sicherheit, die Teilschutz- oder Garantiezertifikate bieten, muss bezahlt werden. Dabei gilt: Je mehr Schutz, desto geringer ist die mögliche Rendite. Die Zertifikatemacher haben zudem davon profitiert, dass die Zinsen am Kapitalmarkt lange sehr niedrig waren. Auf der Suche nach Alternativen und ein bisschen mehr an Rendite waren selbst die deutschen Privatanleger neuen und innovativen Finanzprodukten gegenüber aufgeschlossen.
Zulassung erfolgt von einem Tag auf den anderen
Wichtig für das schnelle Wachstum der Branche sind niedrige Kosten und die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der Derivate an den Markt gebracht werden können. Von der Anlageidee bis zum fertigen Wertpapier vergehen oft nur wenige Tage. Bei Fonds dauert dies viel länger: Bis zur Auflegung eines neuen Fonds vergeht mindestens ein Vierteljahr. Der finanzielle Aufwand ist ungleich größer. Die regulatorischen Anforderungen an die Derivate sind vergleichsweise gering. Die Banken reichen einen sogenannten Basisprospekt bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ein. Die Prüfung erfolgt nur formal. So schaut die Bafin beispielsweise nicht danach, ob eine Derivatekonstruktion sinnvoll ist.
Der Basisprospekt steht für einen bestimmten Produkttyp. Details wie Basiswert, Basispreis und Laufzeit werden offengelassen. Bei der tatsächlichen Emission müssen dann am Angebotstag nur noch die spezifischen Produktbedingungen bei der Bafin hinterlegt sein. So kann die Branche quasi über Nacht auf ein verändertes Kapitalmarktumfeld reagieren. Die Zulassung zum Börsenhandel erfolgt ebenfalls von einem Tag auf den anderen.
Mangelnde Transparenz
Die Kosten der Genehmigung sind gering. Neben den Gebühren für die Börsenzulassung und die Nutzung von Indizes fallen die Personalaufwendungen an. Zwar haben viele Banken ihre Derivatebereiche kräftig ausgebaut, doch personalintensiv ist der Bereich nicht. Das meiste wird automatisch über umfangreiche Computersysteme abgewickelt. Das Geschäft mit Fonds hingegen ist ungleich personalintensiver. Sie werden von eigenständigen Kapitalanlagegesellschaften begeben. Anleger können die Derivate an einer Börse wie Stuttgart und Frankfurt oder im Handel mit den Anbietern selbst außerbörslich erwerben. Viele Banken nutzen ihr Filialnetz, um die Produkte zu vertreiben.
Die Banken dürften mit den Privatanlegerderivaten gut verdienen. Die möglichen Produktmargen gelten als hoch, vor allem je komplexer und exotischer die Strukturen der Derivate sind. Es gibt offensichtliche Kosten für den Anleger: Zum Teil werden Ausgabeaufschläge und jährliche Managementgebühren erhoben. Die Spanne zwischen dem An- und dem Verkaufskurs (Spread) der Papiere ist unterschiedlich hoch. Dann kommt aber die viel kritisierte mangelnde Transparenz ins Spiel. Hinter den Finanzprodukten stehen mehr oder weniger aufwendige Optionsstrukturen, viele Preise beruhen auf Schätzungen. Das gilt auch für Dividenden. Die Banken behalten sie bei vielen Zertifikaten ein, um die Schutz- und Renditemechanismen der Produkte zu finanzieren.
Altersvorsorge gilt als neuer Wachstumstreiber
Der florierende Derivatemarkt in Deutschland weckt Begehrlichkeiten auch im Ausland. Die Zahl der in Deutschland tätigen Emittenten aus dem In- und Ausland soll sich laut Fachkreisen inzwischen auf 40 belaufen. Am Derivate-Segment in Stuttgart sind derzeit gut 30 Banken als Emittenten zugelassen. Manche Institute sind nur an der Frankfurter Börse aktiv. Viele ausländische Banken wirken im Hintergrund als Strukturierer für andere Derivateanbieter oder schneidern Finanzprodukte für die besonderen Bedürfnisse institutioneller Investoren.
Obwohl die in Derivate angelegten Gelder beachtlich sind, wirklich weit verbreitet ist die Zertifikateanlage nicht. Nach Branchenschätzungen sollen trotz des enormen Wachstums bisher nur etwa 6 Prozent der Deutschen solche Finanzprodukte im Depot haben - noch. Denn die Sicherung der Altersvorsorge gilt als neuer potentieller Wachstumstreiber.
Text: F.A.Z., 10.09.2007, Nr. 210 / Seite 29
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa
Kommentar: Abschied vom ![]()
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