Von Henning Peitsmeier
30. Juni 2008 Als Erich Sixt in der ersten Ölkrise eines Sonntags die leeren Autobahnen sah, dachte er daran, einen Fahrradverleih zu gründen. Die Karriere von Deutschlands prominentestem Autovermieter wäre womöglich ganz anders verlaufen. Glücklicherweise, sagt Sixt, haben Deutschlands Politiker dazugelernt. Das Fahrverbot 1973 war eine politische Überreaktion. Heute ist die Schmerzgrenze beim Benzinpreis noch nicht erreicht.
Anders als vor 35 Jahren, als das Sonntagsfahrverbot für leere Autobahnen sorgte, haben die heutigen Rekordpreise für Benzin und Diesel noch keine derartigen Auswirkungen auf die Mobilität. Doch Branchenfachleute wie Sixt sind sich nicht sicher, ob der Preisschock an der Zapfsäule für die Autovermieter Fluch oder Segen ist. Vermutlich ist es beides. Die gestiegenen Mobilitätskosten lassen für Wenigfahrer das Mieten eines Autos interessanter werden, sagt Michael Brabec, Geschäftsführer des Bundesverbands der Autovermieter (BAV). Grundsätzlich kann daraus dem Mietwagenmarkt aber auch ein Problem entstehen, wenn insbesondere Firmenkunden auf die Bahn umsteigen oder das Reiseverhalten ihrer Mitarbeiter einschränken.
Vermietketten steuern einen aggressiven Expansionskurs
Ungeachtet der Spritpreis-Problematik geht es der Branche recht gut. In Deutschland haben die Autoverleiher das vierte Jahr in Folge Zuwächse erzielt, der Umsatz wird auf 2,55 Milliarden Euro geschätzt nach 2,4 Milliarden Euro im Jahr davor. Der BAV geht in diesem Jahr von einem Umsatzplus von 3 Prozent aus. In Europa sieht es nicht viel anders aus. Nach Angaben der Marktforschungsgesellschaft Datamonitor soll der Autovermietmarkt im Jahr 2009 einen Umsatz von 7,5 Milliarden Euro ausweisen, gegenüber 6,9 Milliarden Euro 2006.
Trotz des wachsenden Gesamtmarktes in Deutschland herrscht reger Wettbewerb. Die Branche klagt unter einem gestiegenen Preisdruck. Gerade die großen Vermietketten steuern einen aggressiven Expansionskurs. Sie überbieten sich in der Jagd um Marktanteile mit Billig- und Sonderangeboten und sind im Umgang miteinander wenig zimperlich. Da wird schon mal der Streit über eine Werbebotschaft vor Gericht ausgetragen.
Heute ähnelt der Markt immer mehr einem Oligopol. Tonangebend in Deutschland, dem größten europäischen Markt, sind Sixt, Europcar, Avis Europe und Hertz - sowie mit Abstand der deutsche Budget-Ableger. Marktführer Sixt ist im ersten Quartal bereits zweistellig gewachsen und will, wie der Vorstandsvorsitzende und Großaktionär Sixt sagt, auf jeden Fall stärker wachsen als der Markt. Das liegt im Trend: Die großen fünf sind in den vergangenen Jahren zu Lasten der kleinen Mittelständler gewachsen und vereinigen etwa drei Viertel des Marktes.
Streit um die Marktführerschaft
Deutschlands größter Autovermieter ist nach eigenen Angaben die börsennotierte Sixt AG. Doch die Marktführerschaft reklamiert auch Europcar für sich, nachdem die Franzosen das europäische Vermietungsgeschäft der amerikanischen Vangard-Gruppe mit den Marken National und Alamo übernommen haben. Um Europcar ranken sich in der Branche Gerüchte: Angeblich will der Eigentümer, der französische Finanzinvestor Eurazeo, das Unternehmen bald wieder verkaufen, zumal Europcar unter der hohen Schuldenlast leidet. Eurazeo hatte Europcar vor gut zwei Jahren von Volkswagen übernommen und den Kaufpreis von 3,3 Milliarden Euro einschließlich Schulden überwiegend mit Fremdkapital finanziert. Auch Sixt war im Rennen. An Europcar wäre ich wieder interessiert, wenn der Preis stimmt, sagt Sixt nun.
In der Branche ist zu hören, dass angeblich das amerikanische Familienunternehmen Enterprise die Fühler ausgestreckt haben soll. Enterprise ist mit den frisch erworbenen Marken National und Alamo in der Heimat, dem größten Markt der Welt, klar die Nummer eins. Mit Europcar würde sich für Enterprise auf einen Schlag der europäische Markt öffnen. Von den großen amerikanischen Verleihern ist hierzulande die frühere Ford-Tochtergesellschaft Hertz bereits stark vertreten. Das Unternehmen gehört seit dem Verkauf im Jahr 2005 einer Gruppe von drei Finanzinvestoren.
Budget verfolgt Expansionspläne
Der amerikanische Vermieter Budget wiederum ist in Deutschland nach der Übernahme des operativen Geschäftes der Alag Automobil AG mit der Robert Straub GmbH als Lizenznehmer der Marke Budget vertreten. Straub verfolgt ebenfalls ehrgeizige Expansionspläne: Wir wollen in den kommenden zehn Jahren die Nummer drei in Deutschland sein, sagt Robert Straub, der geschäftsführende Gesellschafter.
Mit einer Flottengröße von 6500 Autos und 1000 Lastwagen sowie einem Vermietumsatz von zuletzt 75 Millionen Euro hat sich das Unternehmen aus Biberach, das seit der Fusion unter dem Namen Budget Autovermietung firmiert, lediglich einen Marktanteil von etwa 3 Prozent gesichert. Straub ist sich sicher, dass die kleinen, unabhängigen Vermieter die Verlierer sein werden. Unser Geschäft ist kapitalintensiv, die Flotten sind teuer, und so mancher Mittelständler hat obendrein ein Nachfolgeproblem.
Lukratives Firmenkundengeschäft
Der Schwabe Straub selbst hat den Aufstieg vom Mittelständler zu einem der großen Autovermieter in Deutschland geschafft. Er glaubt, dass die großen fünf bald 85 Prozent des Marktes besitzen. Tatsächlich verschwinden jedes Jahr einige hundert Firmen vom Markt, seit das Geschäft mit den Unfallersatzwagen zurückgegangen ist. Das war früher eine Domäne der Kleinen. Eine weitere Konzentration der Anbieter ist wahrscheinlich, sagt auch BAV-Geschäftsführer Brabec. Gleichwohl hätten erfolgreiche mittelständische Vermieter gute Erfolgsaussichten in einem wachsenden Gesamtmarkt. Autohäuser treten verstärkt als selbständige Autovermieter auf. Neuausrichtungen bei der Deutschen Bahn mit Carsharing-Angeboten zielen auf das Firmenkundengeschäft der großen überregionalen Autovermieter. Immer kundenorientiertere Lösungen sorgen für eine weiter steigende Nachfrage der Firmenkunden und werden sich positiv auf den Gesamtumsatz der Branche auswirken, sagt Brabec.
Gerade das Firmenkundengeschäft gilt als lukrativ - und ist deshalb heftig umworben. Mit eigenen Leasinggesellschaften treten die Autovermieter in Konkurrenz zu den klassischen Financiers der Unternehmensflotten, den Leasinggesellschaften. Die Bedeutung des Firmengeschäftes ist gestiegen und macht mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Aber auch das Touristikgeschäft und die Vermietung an Private sind wichtiger geworden. Auf sie entfallen nach Branchenschätzungen 18 und 16 Prozent des Umsatzes. Der Anteil des Unfallersatzwagengeschäftes fiel dagegen auf 9 Prozent. Um für die Firmenklientel attraktiv zu sein, setzen die großen Vermieter auf Langzeitvermietung: Statt das Fahrzeug für wenige Tage zu verleihen, wird das gesamte Fuhrparkmanagement für mehrere Jahre übernommen. Firmen, die sich nicht mit dem Fuhrparkleasing langfristig festlegen wollen, steigen auf das Mieten um; das könnte ein neuer Trend werden, sagt Erich Sixt.
Er hat auch die privaten Kunden im Blick. Seit wenigen Wochen fahren in Berlin 100 Sixt-Autos herum. Stadtautos wie Smart, Mini und der Einser BMW können an acht zentralen Stationen in der Hauptstadt stundenweise gemietet werden - zu buchen über das Handy, wie beim Fahrradverleih. Sixti-Car-Club heißt das Pilotprojekt. Sixt leugnet nicht, dass erst der hohe Benzinpreis das Geschäftsmodell für so manchen Kunden attraktiv erscheinen lässt. All diese neuen Mietmodelle, sagt Sixt, werden besonders dann gut gehen, wenn sich das Autofahren weiter so verteuert. Doch zum Fahrradverleiher wird Sixt deshalb sicher nicht werden.
Sonderseite Branchen und Märkte: Alle Folgen
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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