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Branchen und Märkte (140): Filmindustrie

Die große Kinomüdigkeit

Von Roland Lindner

21. April 2008 Es war eine schmerzliche Fehlkalkulation. In der Filmindustrie galt es als ausgemacht, dass 2007 zu einem Glanzjahr wird. Das Programm der Hollywood-Studios war gespickt mit Fortsetzungen etablierter und erfolgreicher Filmreihen, von „Spider-Man“ über „Shrek“ und „Harry Potter“ bis zu „Fluch der Karibik“. Die Studiobosse waren sich sicher: Das sind Filme mit eingebauter Erfolgsgarantie, und das Publikum wird in die Kinos stürmen.

Aber dann kam die Ernüchterung: Die meisten dieser Filme waren zwar keine Totalflops, blieben aber mit ihren Einspielergebnissen weit hinter den erhofften Zahlen zurück. Die Bilanz am Ende des Jahres war angesichts der hochgesteckten Erwartungen enttäuschend. Der Umsatz an den amerikanischen Kinokassen stieg zwar gegenüber 2006 um 5 Prozent auf einen Rekordwert von 9,6 Milliarden Dollar. Das Plus erklärt sich aber allein mit höheren Ticketpreisen. Die Zahl der Besucher stagnierte bei 1,4 Milliarden und war weit von einem Rekord entfernt. Im Jahr 2002 waren es 1,6 Milliarden Besucher. Noch alarmierender war das Geschäft in Deutschland. Hier brach der Umsatz um 7 Prozent auf 758 Millionen Euro ein, die Besucherzahlen schrumpften um 8 Prozent auf 125 Millionen.

Internetpiraterie und Raubkopien

Wenn heute nicht einmal mehr ein vermeintlich todsicheres Programm an Filmen die Zuschauer anlocken kann, dann scheinen die Zukunftsaussichten der Branche nicht gerade rosig. Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahren schon wiederholt von Beobachtern der Niedergang der Filmindustrie vorhergesagt. Der Branche werde es ähnlich ergehen wie der Musikindustrie, hieß es. Die Musikkonzerne sind in Existenznot geraten, weil sich immer mehr Menschen ihre Musik auf kostenlosen Internettauschbörsen beschaffen, anstatt CDs zu kaufen. Legale und kostenpflichtige Online-Dienste wie iTunes sind zwar erfolgreich, können aber die Einbußen bei den Tonträgern nicht wettmachen. Internetpiraterie und Raubkopien sind für die Filmindustrie genauso ein Problem.

Fred Kogel, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Filmproduzenten und -verleihers Constantin, will an den desolaten Zahlen des vergangenen Jahres nichts beschönigen. Er weist aber darauf hin, dass sich das Bild in den ersten Monaten dieses Jahres schon wieder aufgehellt habe: „Wir hatten in deutschen Kinos im ersten Quartal ein Umsatzplus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Davon war ich selbst überrascht.“ Vor allem einheimische Produktionen haben mit besser als erwarteten Einspielergebnissen das Geschäft angekurbelt, darunter die Liebeskomödie „Keinohrhasen“ mit Til Schweiger und die Buchverfilmung „Die Welle“ mit Jürgen Vogel. Darin sieht Kogel einen Anlass zur Hoffnung für die Branche: Wenn der Film attraktiv ist, dann kommen die Menschen auch ins Kino. Und offenbar hat Hollywood im vergangenen Jahr die Attraktivität von Fortsetzungsfilmen überschätzt. „Es hat sich da ein Überdruss bei den Zuschauern eingestellt, der so nicht abzusehen war“, sagt Kogel. „Auch haben die Filme meist nicht gehalten, was sie versprochen haben.“

Noch besteht Widerstandskraft

Die Umsatzentwicklung der vergangenen Jahre an den Kinokassen legt den Schluss nahe, dass sich die Filmbranche zumindest bislang gegen einen dauerhaften Abschwung stemmen kann, wenn sie zugkräftige Produktionen herausbringt. Während die Musikindustrie seit Jahren eine kontinuierliche Talfahrt erlebt, hat die Filmbranche starke Schwankungen durchgemacht, und auf schwache Kinojahre folgte oft wieder ein klarer Aufschwung. Doch gibt es auch Trends, die das Geschäft erschweren: „Wir stellen generell eine größere Kinomüdigkeit fest“, sagt Constantin-Chef Kogel. Deutsche gehen im Schnitt 1,5 Mal im Jahr ins Kino. Vor fünf Jahren waren es immerhin noch zwei Kinobesuche. Ein Grund dafür ist, dass das Kino sich als Unterhaltungsmedium einem immer stärkeren Wettbewerb gegenübersieht. Vor allem Jugendliche als wichtigste Zielgruppe vertreiben sich die Zeit zunehmend mit Videospielen oder auf Internetseiten wie Myspace - und sparen sich dafür den Kinobesuch.

Auch in diesem Jahr muss sich noch zeigen, ob der gute Start nur ein Strohfeuer war. In den nächsten Monaten könnten nach Meinung von Kogel Großereignisse wie die Fußball-Europameisterschaft oder die Olympischen Spiele die Menschen vom Kinobesuch abhalten. In den Vereinigten Staaten, dem noch immer mit Abstand wichtigsten Markt der Branche, ist das Jahr viel schlechter angelaufen als in Deutschland: Bis zum zweiten Wochenende im April ist der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 3,5 Prozent geschrumpft, die Besucherzahlen gingen sogar um 6,5 Prozent zurück. Entscheidend wird die Sommersaison sein, die in Amerika traditionell am ersten Mai-Wochenende startet, an dem die Studios die Filme auf die Kinoleinwände bringen, denen sie das größte Umsatzpotential zutrauen. Es stehen einige Hoffnungsträger auf dem Programm, zum Beispiel ein neuer Teil aus der Abenteuerreihe „Indiana Jones“ oder die Kinoverfilmung der erfolgreichen Fernsehserie „Sex and the City“. Dick Cook, der Chef der Filmsparte des amerikanischen Unterhaltungskonzerns Walt Disney, gibt sich mit Blick auf dieses Jahr noch immer hoffnungsvoll, will sich aber auch nicht zu überschäumendem Optimismus hinreißen lassen: „Wir erwarten ein solides, aber vielleicht kein spektakuläres Kinojahr.“

Abschwung als Risikofaktor

Eine zusätzliche Belastung könnte die wirtschaftliche Abschwächung in Amerika werden, die bei vielen konsumabhängigen Unternehmen wie Einzelhändlern oder Autoherstellern tiefe Spuren hinterlässt. „Das Unterhaltungsbudget wird knapper, und der Verbraucher wird es gezielter einsetzen“, sagt Constantin-Chef Kogel. Disney-Manager Cook versucht, dem trüben Umfeld positive Seiten abzugewinnen: „Ein Kinobesuch gehört noch immer zur billigsten Form der Unterhaltung, und die Menschen wollen in schlechten Zeiten erst recht unterhalten werden, um auf andere Gedanken zu kommen.“

Das Geschäft in den Kinos ist für die Branche nur der Anfang der Verwertungskette eines Filmes und bei weitem nicht der größte Brocken. So erzielt die Filmindustrie mit dem Verkauf und dem Verleihen von DVDs mehr als doppelt so viel Umsatz als an den Kinokassen. Doch auch das DVD-Geschäft macht Sorgen: Die sprunghaften Wachstumsraten, über die sich die Branche noch vor wenigen Jahren freute, gibt es nicht mehr. Neue, digitale Vertriebsformen für Filme wie der Online-Dienst iTunes verzeichnen zwar starkes Wachstum und werden immer wichtiger. Die Umsätze halten sich aber bislang in Grenzen.

Bluray ist Hoffnungsträger

Für Kogel ist das gebremste Wachstum im DVD-Geschäft kein Anlass zur Panik: „Wir stagnieren auf hohem Niveau, damit kann der Markt noch gut leben.“ Er will allerdings keine großen Hoffnungen machen, dass die kürzlich gefallene Entscheidung über den Standard für die DVDs der nächsten Generation bald für einen großen Schub sorgen wird. Im Februar hat sich das Bluray-System durchgesetzt, nachdem der japanische Elektronikkonzern Toshiba das konkurrierende Format HD DVD aufgegeben hat. Bei Constantin stehen Filme in hochauflösenden Formaten wie Bluray bislang für weniger als ein Prozent des DVD-Umsatzes. „Auch seit der Entscheidung für Bluray hat es keine Belebung gegeben. Man unterschätzt da die Trägheit des Verbrauchers. Wenn man heute einen guten Fernseher und einen guten DVD-Spieler hat, liegt der Nutzen von Bluray nicht unmittelbar auf der Hand.“ Kogel meint, es werde noch drei bis vier Jahre dauern, bis der Bluray-Markt richtig in Bewegung kommt. Etwas optimistischer zeigt sich da Disney-Manager Cook: „Ich bin sicher, dass Bluray-Spieler im diesjährigen Weihnachtsgeschäft zu den angesagtesten Geschenken gehören werden.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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