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Branchen (117): Einzelhandel

Ausleseprozess ohne Tabu

Von Brigitte Koch

29. Oktober 2007 In der deutschen Einzelhandelslandschaft ist in diesem Jahr so viel in Bewegung geraten wie lange nicht mehr. In vielen großen Unternehmen werden die Karten neu gemischt. In den nächsten Monaten könnte es zu erheblichen Verschiebungen in den Eigentümerstrukturen und Konzerngefügen kommen. Doch gibt es in diesen spannenden Zeiten mehr Fragen als Antworten.

Für den größten Coup, der mittelfristig erhebliche Folgen für die gesamte Handelsszene haben dürfte, sorgte im Spätsommer der sonst so verschwiegene Familienkonzern Haniel. Er sicherte sich mit dem Zukauf eines rund 3,5 Milliarden Euro schweren Aktienpaketes den Einfluss auf Deutschlands größten Handelskonzern, die Metro. Dass Hans-Joachim Körber, fast ein Synonym für die international aufgestellte Metro-Gruppe, abtreten und mit Haniel-Chef Eckhard Cordes ein neuer Mann die Macht bei der Nummer drei am Weltmarkt übernehmen würde, wäre noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen. Die künftigen Herrscher in Düsseldorf haben nach ihrem überraschenden Einstieg klargemacht, dass in nächster Zeit alle strategischen Optionen und wertsteigernden Maßnahmen geprüft werden - ohne Tabus.

Einen Warenhaus-Verbund schmieden

Branchenkenner gehen seither davon aus, dass der breit aufgestellte Handelskonzern, zu dem neben Ertragsperlen wie die Cash & Carry-Märkte sowie die Elektronikmärkte von Media Markt und Saturn auch ertragsschwache Sparten wie die SB-Warenhäuser von Real und die Galeria-Kaufhof-Warenhäuser gehören, in der heutiger Formation mittel- bis langfristig keinen Bestand hat. So ist zu erwarten, dass die renditeschwachen Tochtergesellschaften auf den Prüfstand kommen.

Sollte sich das neue Management zum Verkauf entschließen, liegt unweigerlich die Frage nach den potentiellen Erwerbern auf der Hand. Ließen sich Kaufhof- mit Karstadt-Filialen zu einem zukunftsfähigen Warenhausunternehmen zusammenlegen? Nicht allein aus Kartellgründen hätte ein solcher Schritt eine beträchtliche Welle von Warenhaus-Schließungen mit negativen Folgen für die Innenstädte zur Folge. In vielen Städten käme es zu beachtlichen Doppelbelegungen. So liegen in der Innenstadt von Düsseldorf allein fünf große Filialen im Abstand von wenigen Gehminuten voneinander entfernt.

Dennoch: Thomas Middelhoff, Vorstandsvorsitzender von Arcandor - der früheren Karstadt-Quelle -, will den ertragsstarken Kern seines Warenhausgeschäftes mit einem internationalen Partner zusammenlegen und hegt dabei auch Börsenpläne. Durch den offenbar in der Endphase stehenden Verkauf der Karstadt-Immobilien an Investoren wie ein Konsortium aus Pirelli RE und Deutsche Bank Real Estate Fonds, die angeblich auch Interesse am operativen Geschäft haben, könnte ein Verbund internationaler Warenhausunternehmen geschmiedet werden. Im Beispiel des Konsortiums wären dies Printemps aus Frankreich und La Rinascente aus Italien. In diesem Modell könnte noch Platz für Kaufhof sein.

Wal-Mart geht, kommt Carrefour?

Sollte der Lebensmittelhandel der Metro-Töchter Real und Extra mittelfristig auf die Verkaufsliste der neuen Mehrheitseigner rücken, wäre dies schon ein größerer Brocken, der wohl eher zu ausländischen Investoren passte. Die Strategen des größten Handelskonzerns Wal-Mart haben sich schon die Finger am wettbewerbsintensiven und margenschwachen deutschen Markt verbrannt. Die Amerikaner haben das Deutschland-Geschäft im vergangenen Jahr an Metro verkauft. Vielleicht versuchen es im nächsten Schritt die französische Carrefour, die Nummer zwei, oder ein britischer Handelsriese.

Die beiden größten deutsche Lebensmittelhändler Edeka oder Rewe haben derzeit ganz andere Ziele im Visier: Sie buhlen um die Übernahme der Mehrheit an dem drittgrößten deutschen Discounter Plus, mit dem sie enger zu den Marktführern Aldi und Lidl aufschließen könnten. Plus gehört zur Mülheimer Tengelmann-Gruppe. Wenn sich das Familienunternehmen erst von den Discountern trennt, schwindet auch die Markt- und Einkaufsstärke für die Supermärkte Tengelmann und Kaiser's. Sie passten gut zu den genossenschaftlichen Branchenführern aus Hamburg und Köln, auch wenn es in einem ersten Schritt zunächst nur um Kooperationen gehen dürfte.

Der Basar ist eröffnet

In Köln haben übrigens erst in diesem Frühjahr Finanzinvestoren um Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) versucht, die selbständigen Genossen an der Basis mit Geld zu locken, um Zugriff auf das gesamte Rewe-Portfolio mit seinem attraktiven Auslands- und Tourismusgeschäft zu erlangen. Zwar hat die Finanzmarktkrise solchen Großgeschäften vorerst einmal einen Dämpfer verpasst. Aber eines wurde mit diesem Vorstoß ausgerechnet in den äußerst kompliziert strukturierten genossenschaftlichen Sektor klar: Es ist nichts mehr unmöglich, der Basar ist eröffnet.

Und auch in der Versandhandelsszene ist einiges in Bewegung. Der sich immer mehr zum Online-Händler entwickelnde Frankfurter Versender Neckermann steht unmittelbar vor dem Verkauf an einen Investor. Die zu Arcandor gehörende Quelle-Gruppe kaufte im Frühsommer den Einkaufssender HSE und die Hamburger Otto-Gruppe hat soeben den etwas nostalgisch angehauchten Versender Manufactum zu hundert Prozent übernommen. Die Kette von Beispielen für Bewegungen und Konsolidierungen auch auf der Ebene der kleineren und mittleren Handelsgruppen ließe sich fortsetzen.

Umkämpfter deutscher Markt

In kaum einem anderen Land herrscht ein so scharfer Wettbewerb im Einzelhandel wie in Deutschland. Entsprechend hart sind die Ausleseprozesse, und entsprechend dringend ist derzeit offenbar allerorten der Handlungs- und Konsolidierungsbedarf. Auch in diesem Jahr wird es die Branche wieder nicht schaffen, ein endlich einmal zufriedenstellendes Wachstum auszuweisen.

Vor wenigen Wochen hat der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) seine ursprünglichen Jahresprognosen revidiert. Nach dem enttäuschenden Geschäftsverlauf bis zum Spätsommer erwartet der Verband inzwischen nur noch ein Umsatzplus von 0,5 Prozent, das nach Abzug des Preisanstiegs einem Rückgang in gleicher Höhe entspricht. Daran ändern die etwas positiveren Umsatzmeldungen vom September nichts. Ursprünglich hatten die Statistiker für 2007 ein nominales Wachstum von ein Prozent vorhergesagt. Einer der wesentlichen Gründe für das schlechte Abschneiden ist die Mehrwertsteuererhöhung zu Jahresbeginn, die die Konsumlust deutlich gedämpft hat. Die Schleifspuren der Steuererhöhung haben sich länger hingezogen als befürchtet, heißt es.

Prinzip Hoffnung hat Tradition

Mehr noch als den Umsatz hat die Steuer die Rendite belastet. Denn nach Angaben des HDE konnte die Erhöhung bisher allenfalls zu einem Drittel an die Verbraucher weitergegeben werden, den Rest musste der Handel schultern. Gab es je nach Branche in diesem Jahr noch Umsatzgewinner, darunter die Parfümerien, der Schuhhandel oder der Spielwarenhandel, war bei der Ergebnisentwicklung der Trend nach Verbandsangaben in allen Handelszweigen negativ. Hier spielte keine Rolle, ob es sich um große oder kleine Unternehmen, Filialbetriebe oder inhabergeführte Geschäfte handelte.

Das Prinzip Hoffnung hat in der Handelsbranche Tradition. Aktuell hoffen Deutschlands Einzelhändler auf einen guten Endspurt im Herbst- und Weihnachtsgeschäft. Allein für die zweite Jahreshälfte hält der HDE ein Umsatzplus von einem Prozent für realistisch. Im kommenden Jahr sollte der Mehrwertsteuerschock, der die 2007er Bilanz so sehr verhagelt hat, verdaut sein. Höhere Tariflöhne und die deutlich gestiegenen Beschäftigtenzahlen werden nach Ansicht der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute die Konsumausgaben beflügeln. Die Inlandsnachfrage soll sogar zur wichtigen Stütze der Konjunktur werden, wie es im Herbstgutachten heißt.

Text: F.A.Z., 29.10.2007, Nr. 251 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z.

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