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Branchen (91): Entsorgung/Recycling

Goldener Müll

Von Helmut Bünder

22. April 2007 Der deutsche Müllmarkt bietet seit einigen Monaten ein reichlich schizophrenes Bild. Unternehmen wie die Grüne-Punkt-Gesellschaft Duales System Deutschland (DSD) oder die Kölner Interseroh AG klagen über drohende Umsatzeinbußen und rufen den Entsorgungsnotstand aus. Die Begründung: Trittbrettfahrer und Gebührenpreller gefährden angeblich die Beseitigung des Verpackungsabfalls.

Gleichzeitig drängen neue Konkurrenten auf den Markt und wollen alternative duale Systeme für die Abholung gelber Säcke und Tonnen aufbauen. Das laute Jammern über die Schlupflöcher in der Gebührenerhebung hat sich ausgezahlt. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat eine Reform der Verpackungsverordnung auf den Weg gebracht, welche wieder kräftig sprudelnde Einnahmen verspricht.

Neulingen keine großen Chancen eingeräumt

Das Prinzip ist einfach. Wer Joghurt oder Zahnpasta an private Haushalte verkauft, muss sich in Zukunft einem dualen System anschließen. Nur wer den lückenlosen Nachweis erbringt, dass er die Gebühren für die Beseitigung und das Recycling des Verpackungsabfalls bezahlt hat, darf seine Ware in die Ladenregale stellen.

Die Aussicht auf die Neuregelung lässt Goldgräberstimmung aufkommen. Nach Schätzungen der Entsorgungswirtschaft wird das Geschäft mit dem Verpackungsmüll durch die Novelle um mindestens 500 Millionen Euro im Jahr wachsen. Rund ein Dutzend Unternehmen steht in den Startlöchern, um den Kuchen nicht allein den drei etablierten Systembetreibern DSD, Interseroh und der Mainzer Landbell AG zu überlassen.

Der Vorstandschef von Interseroh, Johannes-Jürgen Albus, gibt den meisten Neulingen indes keine großen Chancen. Bei den geringen Gewinnmargen und hohen Vorleistungen müssten Umsätze von deutlich über 100 Millionen Euro erreicht werden. „Das wird mittelfristig dazu führen, dass von den rund zwölf Unternehmen, die in den Markt einsteigen wollen, nur drei, vier übrig bleiben“, sagt er.

Kleinere Unternehmen schlagen Alarm

Eines von ihnen könnte der größte deutsche Entsorgungskonzern Remondis sein. Das Familienunternehmen aus dem westfälischen Lünen will bis zum Jahresende bundesweit in das neue Geschäftsfeld einsteigen. Als bisher einziger Betreiber eines dualen Systems kann sie auf eigene Fahrzeuge, Sortier- und Verwertungsanlagen des Konzerns zurückgreifen.

Die im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) organisierten kleineren und mittleren Unternehmen schlagen Alarm. Viele sind Auftragnehmer eines der dualen Systeme, die die Entsorgungsleistungen an Dritte vergeben. „Große Konzerne versuchen, die gesamte Wertschöpfungskette von der Lizenzierung der Verpackung über die Sammlung und Sortierung bis zur Verwertung zu kontrollieren“, sagt BVSE-Präsident Burkhard Landers. „Das birgt die Gefahr der Oligopolisierung, wodurch der Verbraucher zur Kasse gebeten und der regionale Mittelstand ausgesperrt wird.“

Steigende Preise für Sekundärrohstoffe

Sinkende Margen in den Dienstleistungen für duale Systeme und in den Aufträgen der Kommunen setzen viele Mittelständler unter Druck. Die Eigenkapitalquote der BVSE-Mitgliedsunternehmen ist in den vergangenen Jahren fast kontinuierlich gesunken und lag zuletzt nur noch bei durchschnittlich 12 Prozent. „Der Preisdruck wird auch bei den Ausschreibungen für 2007 anhalten. Die dualen Systeme werden durch eine weitere Verschärfung der Konditionen den kurzfristigen Erfolg suchen“, erwartet Landers.

Auf der anderen Seite profitieren die Entsorger von steigenden Preisen für Altpapier, Glas, Metallschrott und Kunststoffe. Die guten Perspektiven für diese Sekundärrohstoffe locken Investoren, die die Unternehmen der zweiten Reihe entdecken. Die Branche blickt bereits auf eine ganze Reihe von großen Übernahmen zurück. Jüngster Coup war der Kauf der Entsorgungsaktivitäten des Energiekonzerns EnBW durch die Berliner Alba. Die Berliner, die bereits 46 Prozent von Interseroh kontrollieren, haben sich damit hinter Remondis und der Herforder Sulo in die Spitzengruppe der deutschen Entsorger vorgeschoben und sich ein kräftiges Standbein in Westdeutschland aufgebaut.

Lohnendes Zielobjekt für Finanzinvestoren

Sulo, die erst Ende vorigen Jahres den Konkurrenten Cleanaway für rund 560 Millionen Euro erworben hatte, steht inzwischen selbst zum Verkauf. Die Eigentümer, die Beteiligungsgesellschaften Blackstone und Apax, wollen Kasse machen. Auch Kohlberg Kravis Roberts (KKR), die 2004 das DSD übernommen hatten, suchen nach Käufern. Als einer der Interessenten gilt der französische Versorgungskonzern Veolia, der sich auch um U-Plus bemüht hatte. Veolia wird ebenso Interesse an Sulo nachgesagt.

Für Finanzinvestoren erweist sich der Müllmarkt wegen des sicheren Geld-Zuflusses offensichtlich als lohnendes Zielobjekt. Mit der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Monitor Clipper Partners (MCP) war Anfang des Jahres bereits das vierte Private-Equity-Haus in den deutschen Markt eingestiegen. MCP hat von der Deutschen Post die Kölner Vfw AG gekauft, einen der Pioniere in der Selbstentsorgung von Verpackungsmüll.

Deutscher Entsorgungsmarkt stark zersplittert

KKR setzt seine Einkaufstour unterdessen in den Niederlanden fort: Zusammen mit CVC Capital Partners haben die Amerikaner die Van Gansewinkel Groep übernommen, eines der großen europäischen Entsorgungsunternehmen. Es soll mit dem niederländischen Müllentsorger AVR verschmolzen werden, den KKR und CVC von der Stadt Rotterdam gekauft hatten.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist der deutsche Entsorgungsmarkt immer noch stark zersplittert. Nach Angaben des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung kommen die drei größten Entsorger - Remondis, Sulo und Alba/Interseroh - hierzulande gerade auf einen Marktanteil von 17 Prozent. In Spanien oder Frankreich erreichen die jeweiligen drei Marktführer zusammen zwischen 50 und 60 Prozent. Nur etwa ein Dutzend deutsche Entsorgungsunternehmen sei überregional aktiv. Bei gleichzeitig sinkenden Gewinnspannen, strengeren Vorschriften im Deponiegeschäft und steigenden Treibstoffpreisen werde sich der Konsolidierungsprozess fortsetzen, so das Ifo-Institut.

Kommunen entsorgen nur noch ein Drittel des Mülls

Interseroh-Vorstandschef Albus erwartet, dass nach dem Verkauf von Sulo-Cleanaway, mit dem er noch in diesem Jahr rechnet, die Zeit der Großübernahmen erst einmal vorbei ist und die Marktbereinigung durch kleinere Zusammenschlüsse erfolgen wird. Dabei zeichne sich gleichzeitig eine Europäisierung der gesamten Branche ab: durch den Einstieg deutscher Unternehmen in die Nachbarmärkte und das Vordringen ausländischer Entsorger nach Deutschland.

Die weitere Branchenentwicklung in Deutschland hängt nicht zuletzt davon ab, ob es den Städten und Gemeinden gelingt, das Rad der Privatisierung zurückzudrehen. Wegen der guten Geschäftsaussichten versuchen nicht wenige Kommunen, die Müllentsorgung wieder an sich zu ziehen. Auch große Investitionen werden nicht gescheut: So haben die Stadtwerke Krefeld einen Teil der früheren Müllsparte von RWE für rund 100 Millionen Euro übernommen. Rechtlich sitzen die Kommunen am längeren Hebel: Denn für Restmüll, Sperrmüll und Bioabfall aus privaten Haushalten tragen sie weiterhin die alleinige Verantwortung, haben die Entsorgung aber in großem Umfang privaten Anbietern übertragen.

Nur etwa ein Drittel des Hausmülls wird noch von kommunalen Eigenbetrieben weggeschafft. Allerdings sind in jüngster Zeit viele Verträge gekündigt worden, um die Entsorgung wieder Kommunalbetrieben zu übertragen. Der Bundesverband der Entsorgungswirtschaft warnt vor einem „Rückfall in die Staatswirtschaft“ und kritisiert die Wettbewerbsverzerrung: Im Gegensatz zur privaten Konkurrenz sind die kommunalen Anbieter von der Mehrwertsteuer befreit. Dagegen will der BDE nun mit einer Beschwerde vor der Europäischen Kommission in Brüssel vorgehen.



Text: F.A.Z., 23.04.2007, Nr. 94 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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