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Branchen (11): Private Equity

Ansturm auf die Deutschland AG

Von Daniel Schäfer

20. September 2005 Sie kommen aus Amerika, Großbritannien oder Schweden. Sie kommen mit gefüllten Taschen. Und spätestens seit der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering sie als „Heuschrecken“ bezeichnet hat, kennt sie in Deutschland jeder: außerbörsliche Beteiligungsgesellschaften, auf neudeutsch „Private-Equity-Fonds“ genannt.

Seit einigen Jahren drängen Gesellschaften wie Kohlberg Kravis Roberts (KKR), Blackstone, EQT, Apax oder Permira auf den deutschen Markt. Sie machen sich daran, die Deutschland AG umzukrempeln.

Einer der größten deutschen Arbeitgeber

Beteiligungskapital greift nach deutschen Konzernabspaltungen, Familienunternehmen und börsennotierten Gesellschaften. Es versucht, binnen einiger Jahre deren Wert zu steigern und sie später mit hohen zweistelligen Renditen abzustoßen. Still hat sich Private Equity dadurch zu einem der größten deutschen Arbeitgeber gemausert. Nach Zahlen des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) beschäftigten von Private Equity finanzierte Firmen im vergangenen Jahr 638 000 Mitarbeiter mit einem Umsatz von 114,4 Milliarden Euro.

Sieht man einmal von Pionieren wie Permira ab, war das Geschäft mit Bereitstellung von Eigenkapital für Unternehmen hierzulande lange Zeit ein Zubrot für deutsche Banken und Versicherungen. Sie investierten einen Bruchteil ihrer Anlagegelder direkt in Unternehmensbeteiligungen. Selbständige Fondsgesellschaften, wie sie in Nordamerika und Großbritannien seit Jahrzehnten Usus sind, gab es so gut wie nicht, weil die Investoren fehlten.

„Buy-outs“ boomen

Im angloamerikanischen Raum dagegen haben sich seit den wilden achtziger Jahren Firmenjäger wie Carl Icahn, George Soros oder James Goldsmith ganze Konglomerate unter den Nagel gerissen, um sie mit riesigen Gewinnen zu zerschlagen. Seitdem sind große Fonds zu einem essentiellen Element des Wirtschaftskreislaufs avanciert. Denn Gesellschaften wie Carlyle oder Warburg Pincus speisen sich aus unerschöpflichen Geldquellen wie Pensionsfonds, Versicherungen, Stiftungen oder reichen Privatleuten. Die Gelder, die in Beteiligungen investiert werden, sichern dem amerikanischen Rentner den Lebensabend.

Derzeit boomt der globale Markt für Übernahmen, in der Fachsprache „Buy-outs“ genannt. Nach Schätzungen des Forschungsinstituts Private Equity Intelligence werden in diesem Jahr 200 Milliarden Dollar für neue Fonds angeworben. Nach Bloomberg-Daten wurden allein im ersten Halbjahr 77 Milliarden Dollar für Buy-outs ausgegeben. Mit Warburg Pincus, Blackstone, Goldman Sachs, Carlyle, BC Partners und CVC haben sechs Private-Equity-Gesellschaften in diesem Jahr jeweils mehr als 5 Milliarden Dollar eingesammelt. Die zwei größten Private-Equity-Gesellschaften der Welt - Blackstone und KKR - können aus mehreren Töpfen investieren und haben insgesamt 25 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Deutschland: Kein Mut zum Risiko

Die deutschen Gesellschaften backen dagegen kleine Brötchen. Die Ausnahme ist der Private-Equity-Arm der Allianz, die Allianz Capital Partners, die - allerdings bislang ausschließlich aus Geldern des Konzerns - derzeit 1 Milliarde Euro in Unternehmensbeteiligungen investiert hat. Ansonsten verfügen die größten Gesellschaften wie Odewald oder die Deutsche Beteiligungs-AG nicht einmal über eine halbe Milliarde Euro. Sie konzentrieren sich denn auch auf den Kauf kleinerer Unternehmen.

Ganz zu schweigen von der Wagniskapitalbranche. Riesige, seit Jahrzehnten etablierte Risikokapitalgeber wie die amerikanischen Sequoia Capital, die Unternehmen wie Google oder Yahoo begleitet haben, oder die britische 3i sucht man in Deutschland vergebens. Der sich nach der Krise der vergangenen Jahren langsam erholende Markt für Wagniskapital wird hierzulande von wenigen kleinen Gesellschaften wie Wellington Partners oder dem 1984 gestarteten Pionier Techno Venture Management dominiert.

Der politische Rückhalt fehlt

Schuld daran ist Konrad Adenauer. Denn dank des von ihm eingeführten umlagefinanzierten Rentensystems fehlt es in Deutschland an finanzstarken Pensionskassen als Investoren. Auch kapitalkräftige Stiftungen sind rar. Und während in Amerika bekannte Pensionsfonds wie die der Universitäten Harvard oder Yale 15 bis 30 Prozent ihrer Anlagegelder Private Equity anvertrauen, investieren die deutschen Versicherungskonzerne noch nicht einmal 1 Prozent in diese Anlageklasse.

Auch der politische Rückhalt fehlt: Während in Frankreich der damalige Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy die Versicherungen 2004 aufforderte, 10 Prozent ihrer Gelder in „alternative Anlageformen“ wie Private Equity anzulegen, wurden hierzulande Finanzinvestoren pauschal als „Heuschrecken“ verunglimpft. So ist denn der deutsche Private-Equity-Markt im europäischen Vergleich unterentwickelt.

Auf der Suche nach neuen Märkten

Dennoch ist für die ausländischen Renditejäger der so verpönte Standort Deutschland interessant, weil sie zum einen eine riesige Bugwelle an Kapital vor sich her schieben und auf der Suche nach neuen Märkten sind. Zum anderen gehen sie eine Wette auf den Aufschwung ein. Denn im internationalen Vergleich sind deutsche Unternehmen für gute Technologien und herausragende Qualität ebenso berühmt wie für eher magere Renditen und schwache Eigenkapitalausstattungen. Das Aufbrechen der behäbigen Strukturen bietet ein Spielfeld. Wann immer sich Konzerne von Randbereichen trennen, stehen die Finanzinvestoren parat. Das gleiche gilt auch für Mittelständler, dem die Banken das Kapital für dringende Investitionen verweigern.

An die Präsenz der Finanzinvestoren in Deutschland wird man sich dauerhaft gewöhnen müssen. Denn wie die entwickelten Private-Equity-Märkte Amerika oder Großbritannien zeigen, grasen die Private-Equity-Fonds keinesfalls ein Land ab, um dann weiterzuziehen. Bedarf für Beteiligungskapital wird es immer geben. Die „Heuschrecken-Debatte“ hat den Finanzinvestoren dabei sogar geholfen, wie sich im nachhinein herausgestellt hat. Denn Münteferings Vorwurf, die Beteiligungsgesellschaften erzielten zweistellige Renditen, hat deutsche Anleger hellhörig gemacht - seither nimmt das Interesse an dieser Anlageform rasant zu.

Goldgräberstimmung

Einen Rückschlag könnte es für die Branche in den kommenden Jahren dennoch geben. Denn Beteiligungsgesellschaften sind abhängig von dem Zinsumfeld, weil sie bei größeren Übernahmen bis zu drei Vierteln des Kaufpreises mit Fremdmitteln finanzieren. Noch wird diese Goldgräberstimmung von den historisch niedrigen Zinsen und der Finanzierungsfreude der Banken angeheizt. Doch das könnte sich rasch ändern. Dann könnten sinkende Renditen und der Niedergang mancher Fonds die Folge sein. Zudem schießen neue Beteiligungsfonds wie Pilze aus dem Boden. Und mit den Hedge-Fonds, denen die klassischen Investitionsziele ausgehen, tummeln sich neue Wilderer im Revier.

Im vergangenen Jahr haben Hedge-Fonds 23 Unternehmen im Wert von 30 Milliarden Dollar gekauft. Private-Equity-Manager wie der Carlyle-Gründer David Rubenstein erwarten, daß die Unterschiede zwischen Private Equity und Hedge-Fonds immer mehr verschwimmen. So manche Beteiligungsgesellschaft wie Bain Capital, Goldman Sachs oder Carlyle ist gerade dabei, eigene Hedge-Fonds zu gründen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.340,03 +3,47
TecDax 790,95 +3,91
DowJones 11.220,96 +0,29
Nasdaq 2.255,88 -0,14
STOXX 50 3.317,59 +4,14
Nikkei 225 12.624,46 +3,38
S&P 500 Zert. 12,28 -3,08
Euro/Dollar 1,42 -0,97
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