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Branchen (115): Tourismus

Mit voller Kraft rückwärts

Von Hans-Christoph Noack

15. Oktober 2007 „Die Konsolidierung in der Touristikindustrie wird sich fortsetzen“, sagte kürzlich Thomas Middelhoff, Vorstandsvorsitzender von Arcandor, auf dem 11. Tourismusgipfel in Berlin. Das werde die nächsten drei bis fünf Jahre so weitergehen. Denn es gebe noch keine Global Player, sondern nur Unternehmen, die allenfalls international tätig seien.

Middelhoff hält über die frühere Karstadt-Quelle AG, die heute unter Arcandor firmiert, mit 52 Prozent die Mehrheit am zweitgrößten europäischen Tourismuskonzern Thomas Cook plc, nun mit Sitz in London. Der alte Stammsitz in Oberursel bei Frankfurt ist zur deutschen Außenstelle des Reisekonzerns verkümmert.

Das Brot-und-Butter-Geschäft

In seiner Festansprache jonglierte der Vorstandsvorsitzende mit weiteren Trendprognosen, die manchem im Ballsaal des Berliner Nobelhotels Adlon bekannt vorkamen. Wegen der gesättigten Märkte in der europäischen Touristik gebe es kaum noch organische Wachstumsmöglichkeiten, ist eine Aussage; die Pauschalreise sei nicht tot, eine andere.

Diese Form der Reise bleibe das Brot-und-Butter-Geschäft. Zudem müssten die Reiseveranstalter die Vermarktung im Internet besser nutzen. „Dieses Potential ist nicht annähernd ausgenutzt“, sagte Middelhoff, der gerade erst mit Thomas Cook die Übernahme der Ferienfluggesellschaft Condor durch Air Berlin eingeleitet hat.

Vertriebskanal Nummer eins

Verwundern tut es nicht, dass selbst ein Branchenfremder wie Middelhoff - früher war er Vorstandsvorsitzender im Medienkonzern Bertelsmann - keine neuen Wege kennt. Denn die Touristikbranche schleppt sich seit vielen Jahren eher desillusioniert von Geschäftsjahr zu Geschäftsjahr. Für eine Branche, die die „schönsten Wochen des Jahres“ zu Angeboten zusammenfügt und verkauft, ist das ein eher schmerzlicher Befund.

Aber Professor Karl Born von der Hochschule Harz und früherer TUI-Vorstand ist der Meinung, dass die Reisebranche ein Innovationsproblem hat. Denn Internet und Direktvertrieb ist seit dem Jahrtausendwechsel das strategische Thema und sollte revolutionieren. Allerdings ist der Internetverkauf allein bei Fluggesellschaften, in vorderer Linie bei den Billig-Fluggesellschaften, der Vertriebskanal schlechthin.

Bei Pauschalreisen und bei individuellen, selbst zusammengestellten Hotel-, Flug- oder Mietwagenangeboten schlagen die traditionellen Reiseveranstalter wie TUI, Neckermann-Reisen oder Dertour die Online-Konkurrenten wie Expedia oder Lastminute.com bei weitem bei Umsatz und Reisegästen. Das belegt auch die langsame Entwicklung der Urlaubsbuchungen ohne Hilfe von Reisebüro oder Reiseveranstalter. Von dem früher propagierten Ziel, 25 Prozent aller Urlaubsreisen über das Internet zu vertreiben, ist die Branche meilenweit entfernt.

Flucht nach Großbritannien

Durch einen Online-Vertrieb lassen sich nicht - wie erhofft - Vertriebskosten senken. Flugreisen werden wegen der Treibstoffkosten teurer. Kunden mit mittlerem Einkommen verreisen weniger, kürzer und möglichst günstig. Da müssen sich die Reisekonzerne zwangsläufig Wege einfallen lassen, profitabler zu werden. Da Preiserhöhungen nur limitiert durchsetzbar sind und klassische Kostensenkungsprogramme wegen der Qualität der Reiseangebote oder des Services ihre Grenzen haben, traten die beiden größten Reisekonzerne Europas - TUI und Thomas Cook - die Flucht nach vorne an.

Spötter bezeichneten das auch als Flucht nach Großbritannien. Unter der Führung von Middelhoff fusionierte Thomas Cook mit dem britischen Konkurrenten My Travel. Zuvor hatte er der Lufthansa ihren Anteil an Thomas Cook von 50 Prozent für 503 Millionen Euro abgekauft. Das nun fusionierte Gebilde namens Thomas Cook plc mit Sitz in London ist seit Mitte Juni an der Börse in London notiert. Seitdem geht es mit der Aktie bergab. Trotz versprochener Synergieeffekte von 140 Millionen Euro zeigen sich die Anleger skeptisch, zumal die Nachfrage nach Pauschalreiseprodukten bislang in Europa eher verhalten war.

Eine strategische Rückwärtsrolle

Michael Frenzel, dienstältester Dax-Vorstand in Deutschland und Vorstandsvorsitzender von TUI, reagierte. Er kaufte trotz früherer gegenteiliger Bekundungen die britische First Choice und hat den touristischen Teil der TUI auf die britische Gesellschaft mit dem Namen TUI Travel, Firmensitz London, verschmolzen. Auch hier stürzte die Aktie seit Anfang September ab und hat bislang das Startniveau nicht wieder gesehen.

Interessant ist, das sich beide deutschen Unternehmen vor Jahren schon die damals führenden britischen Konkurrenten Thomson Travel (TUI) und Thomas Cook (Neckermann Touristik/Karstadt) einverleibt hatten, diese mit weiteren Zukäufen in Europa ergänzten und nach Jahren der Integration und Umstrukturierung nun zu eigenständigen Reiseveranstaltern nach London verlagern. Es ist das Eingeständnis, dass das Modell der integrierten Konzerne unter deutscher Führung nicht gelungen ist. Ob nun diese strategische Rückwärtsrolle Mehrwert schafft, muss bezweifelt werden. Zwar sind Größenvorteile in margenschwachen Geschäften wichtig. Aber noch bedeutender sind kurze Reaktionszeiten, die Konzerne bisher nicht bewältigen konnten.

Die deutschen mittelständischen Veranstalter frohlocken: Sie gewinnen Geschäft, sehen mit Freude die Integrationsherausforderungen der Branchenriesen und entwickeln Gegenstrategien. Veranstalter wie Rewe-Touristik, Alltours, Öger und die wieder auferstandene FTI profitieren davon, dass Branchenführer mit sich selbst beschäftigt sind. Zudem haben sie allen einen entscheidenden Vorteil: Sie besitzen keine Fluggesellschaften. Ihre Charterflug-Kapazitäten kaufen sie auf dem freien Markt ein, der hinreichend Angebot bietet. Mit Air Berlin, DBA und nun auch der LTU hat sich die Anbieterseite von Flugkapazität konsolidiert. Air-Berlin-Gründer und Vorstandsvorsitzender Joachim Hunold war hier die treibende Kraft. Auch aus dem Bewusstsein heraus, wachsen zu müssen, damit er nicht zu schnell zum Übernahmekandidaten wird.

Zwei Rivalen

Der vorläufig letzte Akt ist das geplante Zusammengehen von Air Berlin und Condor. Die mehrheitlich zu Cook gehörende Fluggesellschaft Condor soll von 2009 an schrittweise an Air Berlin gehen. Im Gegenzug steigt Cook bei der Fluggesellschaft mit bis zu knapp 30 Prozent ein. Wie dann Hunold mit Middelhoff, der dann ein Drittel an Air Berlin halten würde, zusammenarbeitet, wäre spannend zu sehen. Aber Middelhoff, der sich als einer der Treiber des Neuordnungsprozesses entpuppt, wird nach eigener Ankündigung dann nicht mehr die Geschicke von Arcandor lenken.

Und ob Frenzel noch der TUI vorstehen wird, ist fraglich. Denn der Reise- und Reedereikonzern gerät zunehmend unter Druck von Finanzinvestoren und Hedge-Fonds - allen voran Guy Wyser-Pratte. Er will offenbar nicht nur Frenzel ablösen, sondern auch danach den Konzern aufteilen und verkaufen.

Weg frei für einen neuen Flirt

Ob zuvor Frenzel seine deutsche Fluglinie Tuifly mit der Lufthansa-Gesellschaft Germanwings verschmilzt, ist gegenwärtig Spekulation. Denn Tuifly, aus der traditionsreichen Hapag Lloyd (Hapagfly) und der Billig-Fluggesellschaft HLX hervorgegangen, steht nun isoliert im deutschen Markt. Zu groß dimensioniert und zu nah an der Pauschalreisemarke TUI angelehnt, wird es schwierig werden, sich auf dem Markt behaupten zu können.

Früher scheiterten zwei Versuche des Zusammengehens mit Air Berlin. Im vorigen November wurde die Idee eines Zusammengehens von Condor, Germanwings und den Fluggesellschaften der TUI auf Eis gelegt. Wenn die Landerechte der Condor und die Flugzeuge und Personal zu Air Berlin ginge, die Piloten wegen ihrer Verträge wohl aber in den Lufthansa-Konzern wechselten, könnte der Weg frei für den neuen Flirt zwischen Lufthansa und TUI sein. Stimmen Mutmaßungen, dass die Namensrechte von Condor bei Lufthansa bleiben, dann könnte es eine Wiederauferstehung geben: Aus Germanwings und Tuifly wird „Condor neu“.



Text: F.A.Z., 15.10.2007, Nr. 239 / Seite 23
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
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STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
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