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Branchen und Märkte (155): Windkraft

Noch mehr Dynamik

Von Rüdiger Köhn

04. August 2008 Susanne Klatten steigt in die Windenergie ein. Die Quandt-Erbin und BMW-Großaktionärin hat sich mit 20 Prozent am Kapital der Nordex AG beteiligt. Sie ist damit wichtigster Einzelaktionär eines der großen deutschen Windrad-Hersteller. Die Beteiligungshöhe von 20 Prozent wird nicht das letzte Wort sein, erwarten Fachleute. Die Finanzinvestoren als bisherige Mehrheitseigentümer wollen verkaufen. Und Klatten will sich langfristig in dieser Wachstumsbranche engagieren.

Der indische Windkraftanlagenhersteller Suzlon ist im Juni endlich bei der Repower AG ans Ziel gelangt. Das Hamburger Unternehmen ist zu 66 Prozent im Besitz der Inder, die den Anteil von 29 Prozent der französischen Areva erworben haben. Ein langer Bieterkampf um Repower ist damit beendet. Blackstone engagiert sich in Windkraftanlagen auf dem Meer (Offshore). Die größte private Beteiligungsgesellschaft aus Amerika investiert 1 Milliarde Euro in den Offshore-Windpark „Meerwind“ nordöstlich von Helgoland mit 80 Windturbinen. Die Private-Equity-Firma beteiligt sich an dem bislang größten in Vorbereitung befindlichen Windprojekt vor der deutschen Küste, das frühestens im Jahr 2012 in Betrieb gehen soll.

Eon entdeckt immer mehr die regenerativen Energien, obwohl sich der deutsche Energiekonzern wie seine großen Konkurrenten lange Zeit gegen die Verbreitung von Windkraft- und Solarstrom stemmte. Jetzt hat Eon sein Engagement im bis dato größten Offshore-Windpark der Welt ausgeweitet: 270 Windturbinen von „London Array“ vor der Themsemündung sollen von 2012 an mit einer Kapazität von 1000 Megawatt den Speckgürtel von London mit Strom versorgen und 1 Prozent des britischen Strombedarfs decken. Eon ist mit dem dänischen Unternehmen Dong zu je 50 Prozent an dem bis zu 3 Milliarden Euro teuren Projekt beteiligt, nachdem die Deutschen den Anteil des Ölkonzerns Shell gekauft haben.

Wachstumsregionen Amerika und Asien

Diese Meldungen der zurückliegenden Wochen zeigen nur ansatzweise die Dynamik des Marktes für Windkraft. Das betrifft zum einen das starke Wachstum in der Nachfrage, die sich vor allem im Ausland entfaltet. Deutschland wird voraussichtlich in diesem Jahr den Weltmeistertitel als Windkraftland Nummer eins, bezogen auf die installierte Leistung, an die Amerikaner abgeben. Denn allein in den Vereinigten Staaten werden 8000 Megawatt neu installiert; gefolgt von dem zweiten großen Wachstumsmarkt China mit einer Installation von rund 5000 Megawatt.

In Deutschland, das nicht zuletzt dank staatlicher Subventionen sehr früh mit dem Aufbau der Windkraft begonnen hat, sind im ersten Halbjahr gerade einmal 800 Megawatt hinzugekommen. Die gesamte installierte Leistung wird mit 23.000 Megawatt etwa den Vorjahreswert erreichen. Der Weltmarktanteil sinkt so von knapp 28 Prozent im vergangenen Jahr (2006: 33 Prozent) weiter, der der Vereinigten Staaten (2007: 16 Prozent) steigt. Amerika und Asien werden die künftigen Wachstumsregionen sein.

Hoher Kapitalbedarf

Viel Dynamik gibt es zum anderen auf der Anbieterseite. „Der Markt wird sich verdoppeln, dazu ist viel Kapital notwendig“, sagt Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE). In drei Jahren wird die neu geschaffene Stromerzeugungskapazität sich von heute jährlich 20 000 Megawatt auf dann 40 000 Megawatt erhöhen, der Weltumsatz von 22 Milliarden Euro auf mehr als 44 Milliarden Euro wachsen. Daran werden die deutschen Anbieter partizipieren, dürfte doch nach Einschätzung von Albers die ohnehin hohe Exportquote von mehr als 80 Prozent auf 90 Prozent steigen.

„Fälle wie der Einstieg des Finanzinvestors Blackstone werden in Zukunft zunehmen und die Windenergiemärkte mit zusätzlichem Kapital vorantreiben“, sagt Albers. Das werden nicht nur fondsbasierte Finanzinvestoren sein, die sich auf Infrastrukturinvestitionen konzentrieren. Mit Blackstone reiht sich nun eine sogenannte „Heuschrecke“ ein, die nach langfristigen Anlagemöglichkeiten sucht und auch von Subventionen profitieren will. „In die Windkraft werden künftig auch Unternehmen aus ganz anderen Branchen einsteigen“, prognostiziert Albers. Ihm schwebt das Beispiel aus der Solarbranche vor: Der als Automobilzulieferer tätige Bosch-Konzern hat des Solarunternehmen Ersol gekauft. Mit dem Engagement des Familienclans Klatten bei Nordex ist nun Ähnliches in der Windbranche passiert.

Die Ressourcen sind längst nicht ausgeschöpft

Und es ist kein Zufall, dass die indische Suzlon die Kontrolle über Repower erhalten hat. Globalisierung heißt auch, dass neue Konkurrenten auf den Markt kommen werden. In China gibt es rund 40 neue Windkraftanlagenhersteller. Vier bis fünf davon - so das erklärte Ziel - wollen sich für den Weltmarkt fitmachen. Der enorme Bedarf wird jedoch den Schmerz eines harten Wettbewerbs lindern. Zu groß ist das Potential. Selbst Deutschland gibt trotz einer scheinbaren Sättigung ein gutes Beispiel. „Wir können einen deutlich höheren Beitrag zum Klimaschutz leisten, als man uns zutraut“, tönt Albers. „Die geplante installierte Leistung von 55.000 Megawatt können wir bis 2020 gut erreichen“, sagt er. „Würden alle Bundesländer 1 Prozent ihrer Fläche für die Nutzung der Windkraft zur Verfügung stellen, können wir auf 60.000 bis 70.000 Megawatt kommen.“ Bei weitem nicht alle Bundesländer verfolgen nämlich die 1-Prozent-Regel. Schleswig-Holstein, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wollen die Flächen ausweiten und können neue Dynamik in den Markt bringen.

Das ist ein wichtiger Schritt zum Ziel der Bundesregierung, bis 2020 den Anteil der regenerativen Energien deutlich zu erhöhen. Allein die Windkraft soll dann 25 Prozent des Strombedarfs decken; heute erreicht er knapp 7 Prozent. Dabei erstaunt die unter anderem von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee losgetretene Debatte um Offshore-Windparks, die reine Zukunftsmusik sind. Während die Windräder zu Land eine ausgereifte Technik darstellen und es um den Ersatz alter, kleinerer Anlagen durch größere (Repowering) geht, fokussiert die öffentliche Diskussion immer mehr auf die Windräder zu Wasser - was diametral zur geringen Bedeutung steht. „Offshore-Windkraft hat in der Öffentlichkeit immer mehr Aufmerksamkeit erzeugt“, muss Albers nüchtern feststellen. Grund dafür ist die schwindende Akzeptanz für die weißen Windräder an Land.

Offshore noch ein Windei

Dabei befindet sich die Offshore-Technik erst im Teststadium, die wegen der starken Meeres- und Windkräfte wesentlich höhere Anforderungen an das Material stellt. Die Anbieterseite ist gespalten. Repower und Siemens etwa sehen die große Zukunft im Meer. Vestas, Enercon, General Electric oder Nordex schwören auf das Land, da ihnen Aufwand und Risiko für die Entwicklung von Offshore-Rädern unverhältnismäßig erscheinen. Für 2020 sind in Deutschland nur 10.000 der 55.000 Megawatt Gesamtkapazität aus Offshore-Anlagen vorgesehen. Derzeit entfällt 1 Prozent der installierten Leistung in der Welt von knapp 100.000 Megawatt auf Strom aus Meereswind. Der BWE-Präsident glaubt, dass dieser Anteil bis 2020 allenfalls 5 bis 10 Prozent erreichen wird. „Onshore wird auch in Zukunft das tragende Kerngeschäft bleiben.“

Und es kann durchaus sein, dass die immer wieder kritisierte Subvention ein schnelleres Ende finden kann. Windenergie kann in der Konkurrenz zu den Primärenergien Öl und Erdgas punkten. „Ich erwarte“, sagt Albers, „dass die Windenergie 2015 voll wettbewerbsfähig sein wird; möglicherweise sogar früher, wenn der Rohölpreis weiter kräftig steigen und - wie von manchen Experten vorausgesagt - die Marke von 200 Dollar je Barrel überspringen sollte.“ Auch hier entfaltet sich eine völlig neue Dynamik.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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