Von Rüdiger Köhn
21. Juli 2008 Wenn der Bayer sein Franziskaner Weißbier bekommt, ist es ihm ziemlich gleichgültig, wenn der Norddeutsche das herbe Pils von Beck's bevorzugt. Beide wiederum schert es es wenig, dass das belgische Stella Artois vom Geschmack her abfällt. Sie kommen mit ihm ebenso wenig in Kontakt wie mit dem faden amerikanischen Budweiser. Der Anspruchsvollste unter den Biertrinkern - eben der Deutsche - muss sich auch nicht um den übermäßigen Genuss des Gerstensaftes aus der Tsingtao-Brauerei in China sorgen, der schon nach der zweiten Flasche den Kopf schwirren lässt.
Die Geschmäcker und Ansprüche sind in Sachen Bier von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, manchmal sogar von Stadtviertel zu Stadtviertel denkbar verschieden. Sonst wäre kaum zu erklären, warum ausgerechnet Budweiser aus der Brauerei Anheuser-Busch, das nichts mit dem gleichnamigen tschechischen Bier zu tun hat, das meistverkaufte Bier der Welt ist. Nur der uneinheitliche und zersplitterte Biermarkt erlaubt es, dass ein Koloss in nicht gekanntem Ausmaß entsteht. Anheuser-Busch Inbev stellt als mit Abstand größter Braukonzern der Welt alles in den Schatten, was die Branche bisher an Konzentration gesehen hat - und das war nicht wenig. Alle genannten Biersorten werden künftig aus einem Hause kommen und weitere 200 Marken dazu.
Der erste weltumspannende Bierkonzern
Nach kurzem Kampf ist der belgische Konzern Inbev mit starkem brasilianischen Aktionärshintergrund in der vergangenen Woche am Ziel angelangt, die amerikanische Nummer eins Anheuser-Busch - Anbieter jenes in den Vereinigten Staaten so angesehenen Budweiser und Bud Light - zu übernehmen. Die Belgier, die 2004 ihrerseits aus einer Großfusion von Interbrew und der brasilianischen Ambev hervorgingen, lassen sich den Gigantismus 52 Milliarden Dollar oder 33 Milliarden Euro kosten. Es entsteht ein Konzern mit 27 Milliarden Euro Umsatz, der mit 460 Millionen Hektoliter Bierausstoß einschließlich der Produktion von alkoholfreien Getränken zweieinhalbmal so groß ist wie der bisherige Marktführer aus Großbritannien SAB Miller; seinerseits aus der Fusion von SAB aus Südafrika und der amerikanischen Miller hervorgegangen.
Anheuser-Busch Inbev hat eine neue Qualität: Es entsteht der erste weltumspannende Bierkonzern, der in allen wichtigen Märkten mit starken, aber nicht mit übermächtigen Positionen vertreten ist; vor allem in den wachstumsträchtigen Regionen China, Osteuropa - dort insbesondere Russland - und Lateinamerika; von den gesättigten Märkten Nordamerika und Westeuropa ganz zu schweigen. Beide Unternehmen überlappen sich regional nicht, ergänzen sich damit hervorragend. Trotz führender Marktpositionen rufen sie wegen der meist immer noch atomisierten Struktur nicht zwangsläufig die Kartellwächter auf den Plan.
Bis dato eine Nummer kleiner
In allen bisher erfolgten Fusionen und Übernahmen ging es um das Schließen regionaler Lücken oder um den Erwerb bestimmter Bierprodukte; aber alles eben einige Nummern kleiner. Erst zu Jahresbeginn haben die dänische Carlsberg und der niederländische Heineken - zunächst auch feindlich - die Übernahme der britischen Scottish&Newcastle (S&N) gestemmt. Die Aktion kostete nur 10,5 Milliarden Euro. Dänen und Niederländer sind Konkurrenten. Das hinderte sie nicht, gemeinsam zuzuschlagen. Das ist das Vorzügliche im Biergeschäft: Sie tun sich gegenseitig nicht weh und stärken zugleich ihre Position in Märkten, in denen sie bislang unzulänglich vertreten gewesen sind. Heineken verleibt sich das britische Geschäft von S&N ein, wo sie bislang schwach gewesen ist. Carlsberg übernimmt das bis dato mit S&N betriebene Gemeinschaftsunternehmen BBH - die russische Brauholding Baltic Beverages - komplett. Das braucht Heineken nicht, da in Russland bereits stark präsent. Da haben die beiden so viel Geld ausgegeben, um aufzuschließen, sagt ein Branchenfachmann, der in der gut vernetzten und meist familiär geprägten Gemeinde namentlich nicht genannt werden will. Jetzt sind sie wieder abgehängt.
Der Biermarkt wird künftig noch stärker zu Extremen neigen: Dem globalen Gigantismus mit erwarteten weiteren Konzentrationen steht zugleich ein wachsender Mikrokosmos gegenüber. Kleine, lokale Brauzwerge um die Straßenecke werden unter den Biertrinkern immer beliebter, nicht nur aus Lokalpatriotismus, sondern wegen der Qualität. Das gilt international: In den Vereinigten Staaten heißt das Erfolgskonzept Microbreweries, in Deutschland sind es die Hausbrauereien. Es wird die ganz Großen und die ganz Kleinen geben, sagt ein Branchenkenner. Er will nicht genannt werden, weil er anecken würde: Deswegen, sagt er nämlich, wird es für die mittelgroßen Brauereien wesentlich schwieriger, zu überleben. Sie seien zu groß, um sich in der Nische richtig aufstellen zu können; aber auch zu klein, um Vorteile aus Mengeneffekten zu ziehen, die die internationalen Gruppen haben. Nach Ermittlung der Barth-Haas-Gruppe, dem größten Händler und Verarbeiter des wichtigen Rohstoffes Hopfen, decken die 40 größten Brauereien 85 Prozent der Weltproduktion von 1,8 Milliarden Hektoliter ab; 2005 waren es 81 Prozent. Anheuser-Busch Inbev wird nun einen Marktanteil von knapp 25 Prozent haben. Abgeschlagen ist SAB Miller mit 13 Prozent, von Heineken mit 7 Prozent gar nicht zu reden.
Monopoly um Wachstumsmärkte
In dem Monopoly geht es darum, sich die Wachstumsmärkte zu sichern: Asien, Osteuropa, Südamerika. Insgesamt ist der Markt vergangenes Jahr um 5 Prozent gewachsen. Allein die Hälfte davon entfiel auf China, wo sowohl Inbev wie auch Anheuser schon starke Engagements haben, die sie bündeln können. Das Land ist mit 393 Millionen Hektolitern bereits Nummer eins in der Bierproduktion. Dabei konsumiert der Chinese im Schnitt 29 Liter im Jahr, während der Deutsche trotz des seit Jahren sinkenden Verbrauchs fast viermal so viel trinkt. Das zeigt, welches Potential noch in China verborgen liegt. Aber auch Russland, die Ukraine und Rumänien versprechen lukrative Zuwächse.
Dagegen stagniert in Westeuropa der Absatz, oder er ist wie im größten Markt Deutschland seit Jahren rückläufig; genauso wie in den Vereinigten Staaten. Anheuser-Busch ist unter Druck geraten und damit anfällig geworden. Der Marktführer verliert Anteile. Er wird von großen Wettbewerbern und den Microbreweries in die Zange genommen. So bündelt die amerikanisch-kanadische Molson Coors mit SAB Miller im Gemeinschaftsunternehmen Miller Coors das amerikanische Geschäft. Nicht nur wegen der Marktentwicklung werden andere Konzerne im Monopoly mitspielen. Die steigenden Rohstoffpreise zwingen zum Handeln. Hopfen, Gerste und Malz haben sich erheblich verteuert, genauso Energie und Glas sowie Aluminium als Verpackungsmaterial. So sind es in erste Linie die Mengeneffekte im Einkauf, die die bei Anheuser-Busch Inbev geplanten Einsparungen über 1,5 Milliarden Dollar von 2011 an bringen sollen.
Das geht an Deutschland nicht vorbei. Erwartet wird, dass sich auch hier der Konzentrationsprozess beschleunigt und sich größere Einheiten bilden. Da gibt es mit insgesamt 1300 Brauereien viel zu tun. In keinem Land gibt es so eine Dichte. Belgien hat gerade einmal rund 110 Bierbrauer, Großbritannien 60. Die starken deutschen Marken wie Radeberger aus dem Hause Oetker, Bitburger oder Warsteiner sind wegen der dahinter stehenden Familien uneinnehmbare Festungen und werden vielmehr als Käufer auftreten. Sorgen um eine Invasion der Ausländer, wie es mit Inbev, Heineken oder Carlsberg schon vor Jahren einmal der Fall gewesen ist, muss sich der deutsche Biertrinker nach Ansicht von Fachleuten nicht machen. Solange sich die Ertragslage nicht bessere, heißt es, dürften die Deutschen die Konsolidierung unter sich ausmachen.
Sonderseite Branchen und Märkte: Alle Folgen
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Barth-Haas-Gruppe; Deutscher Brauer-Bund; F.A.Z.-Archiv; Lebensmittel-Zeitung
Kommentar: Abschied vom ![]()
Der Dax verliert 5 Prozent in zwei Tagen
Autoindustrie setzt auf Elektroantriebe: Die Stromer machen sich auf den Weg
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.127,44 | -2,42 |
| TecDax | 761,19 | -4,17 |
| DowJones | 11.178,87 | -0,08 |
| Nasdaq | 2.251,96 | -0,31 |
| STOXX 50 | 3.185,83 | -2,72 |
| Nikkei 225 | 12.212,23 | -2,75 |
| S&P 500 Zert. | 12,28 | -3,08 |
| Euro/Dollar | 1,43 | -0,04 |
| Bund Future | 115,38 | +0,21 |
| Gold | 800,12 | +1,11 |
| Öl | 104,17 | -3,09 |