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Innovative Hoffnungsträger

Von Stephan Finsterbusch

26. Oktober 2008 Die Pharmaindustrie hat sich quer durch die Branche der Biotechnologie auf Einkaufstour gemacht. Trotz der Finanzkrise, der seit Monaten über den Märkten schwebenden Gefahr einer Kreditklemme und der sich abzeichnenden Rezession in allen großen Volkswirtschaften greifen die Branchenriesen nach kleinen, besonders aussichtsreichen Firmen. Denn von deren Forschungsprojekten versprechen sie sich wichtige Impulse für die eigene Angebotspalette. Darüber hinaus zielen sie auf kräftige Umsatzzuwächse, satte Gewinne und die Festigung ihrer traditionellen Positionen auf dem Weltmarkt. Das könne in turbulenten Zeiten ein starker Pfeiler der Sicherheit sein, sagt Severin Schwan, Vorstandsvorsitzender von Roche.

Eine Milliarde Euro für ein neues Medikament

Im vergangenen Jahr hatte die globale Biotech-Branche 63 Milliarden Euro erlöst und den Verlust auf 2 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr halbiert. Ende des Jahrzehnts könnte die Industrie die Gewinnschwelle erreichen. Das lässt viele Anleger hoffen. Während die großen Aktienindizes von New York bis Frankfurt derzeit riesige Verluste verzeichnen, hält die Mehrzahl der börsennotierten Biotech-Firmen Kurs. „Die Branche bekommt von den Folgen der Finanzkrise bislang relativ wenig zu spüren. Die Menschen brauchen ihre Medikamente einfach“, lässt sich Steven Silver vom Analystenhaus Standard & Poor's zitieren. Jan Schmidt-Brand, Vorstand von Heidelberg Pharma, meint, bislang habe die Krise noch keine tieferen Spuren durch die vorwiegend über Eigenkapital finanzierte Branche gezogen.

Produkte von Biotech-Firmen nehmen auf den Verkaufsregalen der Apotheken bereits viel Platz in Anspruch. Denn jedes zweite neu zugelassene Medikament kommt aus einem Biotech-Labor. Darüber hinaus haben die Firmen noch einiges an aussichtsreichen Produkten in der Hinterhand. Die stecken zwar oft noch in den verschiedenen Phasen der Erprobung. Doch Begehrlichkeiten seitens vieler Pharmaunternehmen sind schon geweckt. Kein Wunder: Kostet doch die Entwicklung eines neuen Medikaments bis zu zehn Jahren und eine Milliarde Euro. Neben Kooperationen, strategischen Allianzen und Lizenzabkommen mit Firmen aus der Biotechnologie ist die Pharmaindustrie daher auch bemüht, Firmen zu übernehmen.

„Eine Pille für alle“

Ihr Ziel ist es, auf der Angebotsseite die in den kommenden Jahren ablaufenden Patente für Medikamente wie Pfizers Blockbuster Lipitor durch lukrative Nachfolgeprodukte aus der zukunftsweisenden Sparte Biotech zu ersetzen. In der Regel laufen Patente auf Medikamente nach 20 Jahren aus. Sie sind dann für Billiganbieter wie die Ranbaxy Laboratories aus Indien zur Nachahmung freigegeben. Auf der Nachfrageseite will die Pharmabranche den Trend zu patientenspezifischen Arzneimitteln vorantreiben. Für diesen neuen und aufwendigen Behandlungsansatz braucht sie die Ergebnisse der Biotechnologie.

Um die Biotechnologen auf ihre Seite zu ziehen, setzen große Arzneimittelhersteller wie Roche, Pfizer, Novartis oder Bayer ihre prallgefüllten Kassen ein. Dem stehen Biotech-Firmen gegenüber, die oft klein sind und aufgrund ihrer weitausholenden Forschung viel Kapital benötigen. Auf der Habenseite weisen sie gut laufende Entwicklungslabors auf, in denen dank der Biochemie die Medikamente der nächsten Generationen entwickelt werden. Mit dem klassisch zugespitzten Motto „Eine Pille für alle“ hat das nichts mehr zu tun. „Wenn wir über die Zukunft sprechen, reden wir über individuelle Diagnostizierung, Behandlung und Verabreichung von Medikamenten“, sagt Schwan von Roche. An diesem Konzept arbeiten Biotechnologen seit Anfang der achtziger Jahre. Über eine Welle von Zukäufen scheint dieser Ansatz auch den Weg zu den großen Marken der Pharmabranche zu finden.

„Wieder wettbewerbsfähig geworden“

So kaufte die Bayer AG für 210 Millionen Euro gerade die Kölner Direvo Biotech. Die Schweizer Lonza-Gruppe zog Amaxa an sich, die Tokioter Daiichi Sankyo holte sich die Münchner U-3-Pharma AG. Shire sammelt seit einigen Wochen die Aktien der Jerini AG ein. Die Briten legen für das Berliner Unternehmen insgesamt 370 Millionen Euro auf den Tisch. Boehringer Ingelheim greift nach Actimis und will sich das bis zu einer halben Milliarde Euro kosten lassen.

Am oberen Ende des Marktes hatte vor zwei Jahren die deutsche Merck mit dem Kauf von Serono neue Horizonte aufgestoßen. Die Darmstädter zahlten für die Schweizer Biotech-Firma mehr als 10 Milliarden Euro. Sie verschafften sich damit Zugriff unter anderem auf das Multiple-Sklerose-Mittel Rebif. „Damit sind wir im Pharmageschäft wieder wettbewerbsfähig geworden“, sagte Vorstandschef Karl-Ludwig Kley. Fast zwei Drittel der heutigen Produktpipeline der Pharmasparte von Merck seien Erzeugnisse aus den Labors der Biotechnologie. Etwa drei Prozent des gesamten Umsatzes gehen in die hauseigene Forschung und Entwicklung.

Mittel zur Bekämpfung von Krebs entwickelt

Darüber hinaus eröffnete Merck mit seinem Kauf in der Branche einen Reigen von Akquisitionen, welche die Branche in Größe und Umfang so noch nicht gesehen hatte: So übernahm der schwedisch-britische Konzern Astra Zeneca die Medimmune Inc. für 11 Milliarden Euro. Japans Takeda zahlte für die Millennium Inc. 6 Milliarden Euro. Eli Lilly legte für Imclone 5 Milliarden Euro hin, stach damit den Konkurrenten Bristol-Myers Squibb aus und sicherte sich die Vermarktung des Antikrebsmittels Erbitux.

Die Roche-Gruppe will in den kommenden Monaten ihre Anteile an Genentech von derzeit 55 auf 100 Prozent aufstocken. Dafür sind die Schweizer bereit, bis zu 33 Milliarden Euro hinzublättern, machten den Aktionären im Sommer ein Angebot und warten seitdem auf deren Entscheidung. Der Vorstand von Genentech nannte die Offerte erst einmal „zu gering“. Er hat mehr im Blick. Denn mit dem Medikament Avastin hat die Firma eines der global am häufigsten verwendeten Mittel zur Bekämpfung von Krebs entwickelt und zum Einsatz gebracht. Es wird mittlerweile für vier verschiedene Behandlungen eingesetzt. Im kommenden Jahr soll eine fünfte dazukommen. Diese sogenannten Indikationen könnten bis auf 20 steigen und den Jahresumsatz des Mittels von 2 Milliarden Euro leicht verdoppeln. Das hatte Roche handeln lassen.

Wagniskapitalgeber als klassische Geldgeber

Die gesamte Branche sah in Amerika nach Angaben des Analystenhauses Ernst & Young im vergangenen Jahr strategische Anteils- und Firmenkäufe im Wert von 45 Milliarden Euro; in Europa waren es 25 Milliarden Euro. Zwar stehe die Biotechnologie wie andere High-Tech-Branchen angesichts der globalen Finanzkrise vor einer harten Probe. Doch es gebe keinen Grund, davon auszugehen, dass sie die nicht bestehen werde. Karl-Ludwig Kley von Merck weist darauf hin, dass die Krise in der Biotechnologie noch nicht angekommen sei. Jan Schmidt-Brand von Heidelberg Pharma sagte, Entwarnung könne es aber nicht geben. „Vielen institutionellen Investoren sind in den vergangenen Wochen die Bilanzen durcheinandergewirbelt worden. Die werden nun sehr vorsichtig. Wer von den Biotech-Firmen in den kommenden zwölf Monaten in eine Finanzierungsrunde gehen muss, wird es nicht einfach haben.“

Patrick Dieckhoff, Marktbeobachter von der Berliner Biocom AG, erklärte, Wagniskapitalgeber seien die klassischen Geldgeber vieler Firmen der Biotechnologie. Sie sehen den Verkauf ihrer Anteile an große Konzerne mittlerweile als Ausstiegsstrategie für ihre Investitionen an. „Die Rolle, die vor wenigen Jahren noch der Börsengang für viele private Anleger spielte, nimmt heute der Verkauf an einen Pharmariesen ein.“ Auf diesem Weg flossen allein in Deutschland innerhalb eines Jahres 800 Millionen Euro an die Wagniskapitalgeber zurück. Das war die höchste Summe seit acht Jahren. „Das Geschäftsmodell der Wagniskapitalgeber funktioniert in der Biotechnologie auch ohne die Börse.“

Sonderseite Branchen und Märkte: Alle Folgen

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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