Von Johannes Winkelhage
24. Juni 2008 Die Gegensätze könnten kaum größer sein: Auf der einen Seite gehen in Indien und China wie selbstverständlich jeden Tag Hunderttausende von Mobiltelefonen über die Ladentheke; eine Tatsache, an die man sich inzwischen gewöhnt hat. Auf der anderen Seite schafft es Apple mit dem iPhone - das nicht mal Bruchteile dieses Absatzes erzielt -, die ganze Branche in Aufruhr zu versetzen. Zusammengenommen dauert es in Indien und China derzeit knapp 60 Stunden, bis eine Million neue Kunden bei den Mobilfunkanbietern unterschrieben haben. Vom iPhone hingegen sind im ersten Quartal des Jahres gerade einmal 1,7 Millionen Stück verkauft worden - und es wird dennoch als Erfolg und Hoffnungsträger für die Branche gefeiert.
Der internationale Mobilfunkmarkt ist im Umbruch. Er sortiert sich neu. Die Plätze in der Wertschöpfungskette werden neu verteilt. Zudem ist das Fusionsfieber wieder ausgebrochen. Die gebotenen Beträge gehen in die Dimension zweistelliger Milliarden-Summen, und der Markt für diese Zusammenschlüsse ist international geworden. Die indische Bharti Airtel versuchte die Mehrheit an der MNT aus Südafrika zu übernehmen. Kosten für den Anteil: mehr als 20 Milliarden Dollar. Vodafone ist mit 67 Prozent bei der indischen Hutchison Essar eingestiegen. Die Kosten hier: 11 Milliarden Dollar. Die jüngste Transaktion gab es in den Vereinigten Staaten: Verizon Wireless will Alltel für gut 28 Milliarden Dollar kaufen. Geradezu klein ist die Akquisition der japanischen NTT Docomo, die sich vor wenigen Tagen für 350 Millionen Dollar 30 Prozent an der TM International in Bangladesch sicherte. Das Geld sitzt wieder lockerer, und die Hoffnung auf Mengeneffekte treibt die Unternehmen.
Lust auf Fusionen und Übernahmen
So hat auch die Deutsche Telekom in den vergangenen Jahren mit der OTE in Griechenland, Telering in Österreich und Ben in den Niederlanden Milliarden von Euro in Zukäufe investiert - und muss jetzt angesichts der Spitzelaffäre dennoch zusehen, wie France Télécom für die schwedisch-finnische Telia Sonera bietet: Mindestens 32 Milliarden Euro werden für diese Übernahme schon geboten. Am Ende wird es in diesem und vielen anderen Fällen wahrscheinlich zu einem Bieterkampf kommen - und dadurch entsprechend teurer.
Der Grund für die wieder erwachte Lust auf Fusionen und Übernahmen erklärt sich aus der Struktur der jeweiligen Märkte. Für France Télécom ist Telia Sonera vor allem wegen der Mobilfunkbeteiligungen in Osteuropa interessant. Auch in Afghanistan und in benachbarten Ländern ist das skandinavische Unternehmen mit Mobilfunkbeteiligungen vertreten. Diese Märkte gelten als einer der künftigen Wachstumstreiber. Die Länder werden sich - so hoffen die Bieter für Telia Sonera - ähnlich entwickeln wie China oder Indien.
Festnetzaufbau zu teuer
Mobilfunk ist gerade in diesen Regionen so stark, da es kein funktionierendes Festnetz gibt und eine Infrastruktur nur sehr teuer errichtet werden kann. Daher wird die Kommunikation allein über die Mobilfunknetze abgewickelt. Das gilt nicht nur für die Sprachübertragung. Auch der breitbandige Zugang zum Internet wird über die drahtlosen Netze geregelt werden. Das gilt zum Beispiel für viele Länder auf dem afrikanischen Kontinent. Mit der Expansion in diese Märkte wollen die Mobilfunkanbieter an dem Wachstumspotential in diesen Ländern, das derzeit in erster Linie durch das Neukundengeschäft getrieben wird, teilhaben. Auf den Ersatz des Festnetzes durch den Mobilfunk spekulieren auch die Ausrüster und wollen attraktive Übertragungsgeschwindigkeiten bereitstellen. Entsprechend experimentieren sie schon mit Datenraten jenseits der 100 Megabit je Sekunde. Solche Raten könnten auch mit den künftigen Geschwindigkeiten im Festnetz mithalten. Dort kommt der DSL-Standardanschluss auf etwa 2 Megabit in der Sekunde - Tendenz steigend.
Preisverfall in EU-Ländern
Während das Wachstum in den Schwellenländern durch das Sprachgeschäft getragen wird, sehen in den Industrieländern hingegen die Aussichten etwas anders aus. Hier wird zwar inzwischen deutlich mehr mit dem Handy telefoniert. Der starke Preisverfall hat aber dafür gesorgt, dass der Umsatz der Netzbetreiber in den meisten Ländern zurückgegangen ist. Weitere Umsatzeinbußen wurden durch die Absenkung der Preise für Handygespräche im Ausland ausgelöst, und auch die Regulierung der Entgelte für die Ablieferung von Gesprächen aus anderen Netzen zu ihren Kunden (Terminierung) hat zu weiteren Umsatzeinbußen geführt. Aktuell arbeitet die EU-Kommission daran, auch die Preise für die grenzüberschreitende Datennutzung in Europa zu regulieren und auf einem deutlich niedrigeren Niveau als bisher festzuschreiben. Insgesamt konnte das Wachstum der Telefonminuten die verschiedenen Umsatzminderungen nicht ausgleichen.
Hinzu kommt, dass das Geschäft mit den mobilen Datenverbindungen lange nicht so schnell angelaufen ist wie von den Netzbetreibern erhofft. Inzwischen zeigen sich allerdings erste Erfolge. Die jetzt in den Industriestaaten installierten Netze transportieren die Daten so schnell auf das Handy oder auf den Laptop, dass Anwendungen sowohl für Geschäfts- als auch für Privatkunden interessant werden. Entsprechend steigt die Nutzung - was auf Seiten der Netzbetreiber aber zusätzlichen Investitionsbedarf verursacht, da die Kapazität erhöht werden muss.
Dichter Datenverkehr
Das Wachstum des mobilen Datenverkehrs ist enorm. So rechnet eine Studie der Unternehmensberatung AT Kearney vor, dass der Umsatz im Geschäft mit mobilen Datendiensten (ohne SMS) in Europa im Jahr 2007 um 40 Prozent gestiegen ist. Er liegt allerdings mit rund 7 Milliarden Euro noch auf einem relativ niedrigen Niveau. Es spricht aber vieles dafür, dass der Branche diese Wachstumsraten noch einige Zeit erhalten bleiben. So hat sich die Zahl der Kunden, die über ein UMTS-fähiges Handy verfügen, binnen Jahresfrist zum April 2008 auf 112 Millionen etwa verdoppelt.
Entsprechend gilt das Geschäft mit den breitbandigen Datendiensten als ein weiterer Wachstumstreiber im Mobilfunkmarkt. Zwar wird die Sprache der Hauptumsatzträger bleiben, die Einnahmen aus dieser Quelle werden aber nach dem Jahr 2011 international stagnieren - erwarten Marktbeobachter von Informa Telecom. Sie rechnen damit, dass im Jahr 2012 rund 1 Billion Dollar im gesamten Mobilfunkgeschäft umgesetzt wird, davon werden aber nur noch rund 680 Milliarden Dollar auf die Sprache entfallen. Die größten Wachstumsraten im mobilen Datengeschäft sieht Informa für die mobile Nutzung der immer populäreren sozialen Netzwerke oder auch für die schlichte Verbindung des mobilen Laptops mit dem Internet. Was für viele Geschäftsleute schon eine Selbstverständlichkeit ist, soll erst noch den Massenmarkt erobern.
Die Hälfte der Menschheit besitzt ein Handy
Als ein Vorbote dieser Entwicklung vom Sprach- zum Datengeschäft im Mobilfunk gilt das iPhone von Apple. Obwohl andere Hersteller erheblich früher besser ausgestattete Geräte auf den Markt gebracht haben, steht das iPhone als Synonym für die Produktklasse der kleinen Alleskönner, die mit einer Dauerverbindung zum Datennetz als E-Mail-Maschine oder portabler Internetzugang taugen.
Dieser Prozess setzt in den Industrieländern gerade ein und wird über kurz oder lang auch die Schwellenländer erfassen. Aber auch das Wachstum, das sich aus dem Neukundengeschäft international ergibt, wird noch einige Jahre bestehen bleiben. So erreichte die internationale Penetrationsrate erst vor wenigen Wochen die Schwelle von 50 Prozent. Das bedeutet: Die eine Hälfte der Menschheit hat schon ein Handy - jetzt macht sich die Branche daran, die andere Hälfte zu erobern.
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Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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