Von Johannes Winkelhage
17. September 2007 Die Hoffnungen auf einen stabilen Aufschwung in der deutschen Baubranche sind groß. Zum ersten Mal seit mehr als einer Dekade haben die Unternehmen im vergangenen Jahr ein wachsendes Geschäft gemeldet. Der Umsatzzuwachs von 9 Prozent ist sogar über die Maßen üppig ausgefallen. Rund 81,2 Milliarden Euro wurden im deutschen Bauhauptgewerbe eingenommen. Damit erwies sich die Branche erstmals seit 1994 wieder als Konjunkturlokomotive. Es entfielen 9,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf den Bau, der damit - nach Berechnungen der Verbände - rund 0,2 Prozent zu den erfreulichen 2,7 Prozent Wirtschaftswachstum beigetragen hat.
Die Bauunternehmer fragen sich, ob es sich um einen dauerhaften Aufschwung handelt oder ob der Erfolg im Jahr 2006 ein Strohfeuer gewesen ist. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) geht mit gutem Beispiel und großem Optimismus voran. Wir gehen jetzt von einem Umsatzplus von 5 Prozent in diesem Jahr aus, sagte HDB-Präsident Hans-Peter Keitel Ende Juni. Er musste jedoch einschränken, dass dieser Zuwachs vor allem vom Wirtschaftsbau getragen wird.
Viele Bauvorhaben wurden noch 2006 realisiert
Dies ist bezeichnend für die derzeitige Situation in der Branche. Die Fortschreibung des guten Jahres 2006 wird vor allem von den Investitionen der Unternehmen in neue Büro- und Fertigungsgebäude getragen. Daran hängt der Aufschwung im laufenden Jahr. Der HDB geht für den Wirtschaftsbau im Jahr 2007 von einem Umsatzplus von 10 Prozent aus - etwas weniger als die 11,7 Prozent Wachstum, die dieses Segment 2006 erzielte. Diese Hoffnung wird bisher von den vollen Auftragsbüchern der Unternehmen gestützt. So wurden im ersten Halbjahr 16,3 Prozent mehr Aufträge hereingeholt als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die Unternehmen vieler Branchen investieren wieder in neue Gebäude, und das Geschäft der darauf spezialisierten Baubetriebe brummt wie lange nicht mehr.
Ganz anders hingegen sieht es im laufenden Jahr im Wohnungsbau aus. Dort rächen sich die Vorzieheffekte bitter, die der Branche 2006 eine Sonderkonjunktur bescherten. Viele Bauwillige hatten vor dem Ende des Jahres 2005 einen Bauantrag gestellt, um noch in den Genuss der Anfang 2006 gänzlich abgeschafften Eigenheimzulage zu kommen. Da zum 1. Januar 2007 zusätzlich die Erhöhung der Mehrwertsteuer drohte und zudem niedrige Hypothekenzinsen für billiges Geld sorgten, wurden viele dieser Bauvorhaben auch im Jahr 2006 realisiert.
So stieg der Umsatz im Wohnungsbau im vergangenen Jahr um 10,2 Prozent auf rund 27 Milliarden Euro. Teilweise wurden die Aufträge noch bis in das erste Quartal des laufenden Jahres abgearbeitet. Dann aber war Schluss. Der Wohnungsbau ist seither regelrecht eingebrochen.
Neuer Tiefststand bei Baugenehmigungen
Allein im ersten Halbjahr ging die Baunachfrage in diesem Marktsegment nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes (ZDB) um 8,5 Prozent zurück. Der Verband vertritt vor allem die mittelständische Bauwirtschaft, die einen großen Teil ihres Gesamtumsatzes mit dem Wohnungsbau erzielt und dadurch von diesem Rückgang besonders hart betroffen ist.
Auch die Aussichten sind eher düster. So konstatierte Hans-Peter Keitel in Sachen Wohnungsbau: In den Auftragsbüchern herrscht bereits Flaute. Der HDB teilte im August mit: Die deutsche Baukonjunktur entwickelt sich zunehmend gespalten. Allein im Juni verringerte sich der Umsatz im Wohnungsbau um rund 13,9 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres.
Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt jüngst vorlegte, lassen nichts Gutes für den Wohnungsbau hoffen. So ist die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen in den ersten sechs Monaten um fast 38 Prozent auf den Tiefststand von 87.600 Einheiten eingebrochen.
Gemeinden investieren in Infrastruktur
Aber obwohl diese Zahl erschreckend niedrig ist, verbindet die Branche damit eine kleine Hoffnung: Gegenüber dem ersten Quartal bedeutet dies nämlich eine leichte Verbesserung. In den ersten drei Monaten hatte das Minus bei den Genehmigungen sogar fast 50 Prozent betragen. Nicht wenige Branchenbeobachter gehen inzwischen davon aus, dass sich der Abwärtstrend in den kommenden Monaten weiter verlangsamt. Mit weiteren Zuwächsen rechnet die Branche beim Wohnungsbau allerdings nicht. Vielmehr soll der Umsatzwert des Vorjahres - nach Prognosen des HDB - gehalten werden. Das wäre schon ein großer Erfolg.
Während der Wohnungsbau als Wachstumsmotor ausfällt, gibt es im öffentlichen Bau, also den von Bund, Ländern und Gemeinden finanzierten Projekten, einen leichten Hoffnungsschimmer. So nutzen die Gemeinden die höheren Einnahmen aus der Gewerbesteuer nach Angaben der Bauindustrie auch für Investitionen in neue Infrastruktur. Im ersten Quartal lagen allein die Ausgaben der Gemeinden um rund 16 Prozent höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Auch Bund und Länder gaben mehr Geld für neue Infrastruktur aus.
Größere Betrieben arbeiten mit geringer Rendite
Hier aber sieht der HDB weiterhin noch großen Nachholbedarf. So teilte der HDB anlässlich der Haushaltsberatungen im Bundestag in der vergangenen Woche mit, dass zum Beispiel die bisher vorgesehenen Ausgaben von 9,1 Milliarden Euro für den Verkehrswegebau keineswegs ausreichen würden. Der Grund liegt nach Ansicht des HDB nicht nur in dem schleichenden Vermögensverzehr, der nach Berechnungen der Bundesbank seit dem Jahr 2003 durch die Lücke zwischen den niedrigen Bruttoinvestitionen des Staates und den hohen Abschreibungen entsteht. Vielmehr werde die Situation heute noch verschärft durch die deutliche Erhöhung der Rohstoffpreise.
Diese Entwicklung macht der ganzen Branche zu schaffen und schlägt zusätzlich auf die sowieso schon niedrigen Margen. Ob Holz, Stahl oder Bitumen und Energie, die Preissteigerungen sind in den vergangenen zwölf Monaten fast allesamt zweistellig ausgefallen. Teilweise - wie beim für den Straßenbau wichtigen Bitumen - lagen sie sogar bei mehr als 40 Prozent. Zwar konnte diese Preisentwicklung zum größten Teil an die Auftraggeber weitergegeben werden, der Spielraum für Preiserhöhungen zur Verbesserung der Marge schwand dadurch aber weitgehend dahin.
Allerdings arbeiten vor allem die kleineren Unternehmen heute wieder mit Umsatzrenditen zwischen 5 und 6 Prozent. Die größeren Betriebe, die teilweise an sehr langfristige Projekte gebunden sind, kommen nach Bilanzauswertungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes hingegen kaum auf 1,5 Prozent.
Nur wenig Behinderung durch den Winter
Angesichts dieser Gesamtentwicklung steht der Aufschwung der Bauwirtschaft in Deutschland noch unter Vorbehalt und muss sich in den kommenden Jahren erst noch festigen, bis wirklich von einem Ende der langjährigen Krise gesprochen werden kann.
Vor allem kleinere Unternehmen, die stark vom schwächelnden Wohnungsbau abhängig sind, tun sich daher schwer, schon jetzt neue Stellen zu schaffen. Daher fällt der Bau als Jobmotor weiterhin aus. Das zeigt sich deutlich an der Zahl der Beschäftigten, die seit dem Jahr 2005 um die 710.000 Mitarbeiter stagniert. Seit der Boomphase bis zum Jahr 1995 wurde demnach jede zweite Stelle in den Betrieben gestrichen.
Allerdings ist der Rückgang der Arbeitsplätze im vergangenen Winter lange nicht so deutlich ausgefallen wie in den Jahren zuvor. Nur jedes fünfte Unternehmen hat eine Behinderung der Bautätigkeit durch die Witterung gemeldet. Das war der geringste Wert seit dem Beginn der Aufzeichnungen. Der nächste Winter könnte aber wieder härter werden. Das bedeutet dann auch wieder härtere Zeiten am Bau.
Text: F.A.Z., 17.09.2007, Nr. 216 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa
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Auch Holzexporte in der Finanzkrise
Ökonomie: Ein politischer Nobelpreis
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