Von Werner Sturbeck
02. März 2008 Praktisch über Nacht hat Erdgas in den Privathaushalten den Nimbus als sympathische, weil bequeme und günstige Heizenergie verloren. Dafür gibt es mehrere Gründe. Eine Kette von Preissteigerungen im Gefolge anziehender Ölnotierungen hat in jüngerer Zeit viele Bürger, die mit Erdgas heizen, aufgebracht.
Die Frage der längerfristigen Versorgungssicherheit hat unter Verbrauchern nicht zuletzt durch den Gasstreit zwischen Russland und dem Transitland Ukraine an Bedeutung gewonnen. Das jüngste Problem ist auch das schwerwiegendste für die Gaswirtschaft: Mit dem integrierten Energie- und Klimaprogramm will die Bundesregierung den Verbrauch von fossiler Energie im Wärmemarkt bis zum Jahr 2020 um ein Viertel drosseln. Für Erdgas als wichtigste Primärenergie in diesem Verbrauchssektor wären die Folgen daher am größten.
Intensive Diskussion um Gaspreisentwicklung
Im Preisvergleich mit anderer Heizenergie schneidet Erdgas im Augenblick dabei gar nicht so schlecht ab. Seit 2004 zeigen die vom Statistischen Bundesamt erstellten Energiepreise steil nach oben. Aber während sich der Index für leichtes Heizöl in diesen Jahren fast verdoppelte, zog der Erdgas-Preisindex nur um ein Drittel an. Ende 2006 musste man für 3000 Liter leichtes Heizöl einschließlich Mehrwertsteuer zwischen 1560 und 1650 Euro bezahlen. Gegenwärtig, also nur 14 Monate später, kostet die gleiche Menge 600 Euro mehr. Dagegen hat sich Erdgas nicht so stark verteuert. Die von vielen Vertriebsgesellschaften angekündigte Preiserhöhung zum 1. April wird erst am Ende der Heizperiode wirksam. Daher wird sie die Verbraucher weniger belasten als das Auffüllen eines Heizöltanks.
Trotzdem wird die Gaspreisentwicklung in Politik und Medien erheblich intensiver diskutiert als die Heizölnotierungen. Das hängt auch mit empfundenen Freiheitsgraden zusammen. Am Heizölmarkt herrscht Wettbewerb. Preise für leichtes Heizöl sind einfacher zu ermitteln und transparenter. Man kann von Händlern einholen; sogar Feilschen und und Mengenrabatte durch den gemeinsamen Einkauf mit Nachbarn sind möglich. Solange der Tank nach der Heizperiode noch eine Reserve enthält, kann man einen Zeitpunkt mit günstigen Preisen abwarten. Früher lohnte es meist, in den Sommermonaten nachzutanken. Es ist noch nicht lange her, da wurde diese Eigenverantwortung für den Zeitpunkt des Öleinkaufs eher als Nachteil gerechnet. Erdgas galt als bequemer, weil man sich nicht um den Nachschub kümmern muss.
Bindungsangst
Heute ist es umgekehrt. Besitzer von Erdgasheizungen fühlen sich an einen Lieferanten gebunden. Sie haben häufig das Gefühl, von ihrem Versorgungsunternehmen über den Tisch gezogen zu werden. In ganz Deutschland sind Tausende von Klagen gegen als ungerechtfertigt empfundene Gaspreisanhebungen anhängig.
Die deutsche Erdgaswirtschaft hat sich diesen Imageverlust selbst zuzuschreiben. Zu lange haben die etablierten Versorgungsunternehmen den Firmenkunden und privaten Haushalten die Neuerungen des Wettbewerbs vorenthalten und beharrlich mit technischen Argumenten den unkomplizierten Lieferantenwechsel verweigert. Im Jahr 2006 machten Bundeskartellamt und Bundesnetzagentur (BNA) diesem hinhaltenden Widerstand vor allem des Marktführers Eon Ruhrgas mit hartem Durchgriff ein Ende. Die Wettbewerbsaufsicht kippte vor allem die Vertragsregeln, mit denen zuvor Stadtwerke möglichst lange und umfassend an ihre Großhändler gebunden wurden. Die BNA zwingt mit der Anreizregulierung die Gasnetzbetreiber, ihre Kosten an denen der Besten zu orientieren.
Erfolgsversprechende Ansätze für einen Wettbewerb
Seither hat sich am Gasmarkt gewandelt. Die Landkarte der früher an die Kleinstaaterei des neunzehnten Jahrhunderts anmutenden Versorgungsgebiete ist erheblich übersichtlicher geworden. Das so genannte Zweivertragsmodell macht die Durchleitung in Marktgebiete unkomplizierter. Netzbesitzer dürfen in der Leitungsnutzung dem eigenen Gas nicht mehr Vorrang einräumen. An der Energiebörse in Leipzig werden seit einigen Monaten Terminkontrakte gehandelt. Sogar private Verbraucher können nun ihren Lieferanten wechseln. Der Wille dazu ist unter den Gasheizungsbesitzern groß. Aber viele Möglichkeiten gibt es noch nicht. Bisher bietet nur die Eon-Tochtergesellschaft E-wie-einfach in Deutschland Privathaushalten Erdgas an. Mehr als ein Dutzend Gasverkäufer testen das neue Geschäft in ausgewählten Städten oder Regionen, darunter auch aus dem Strommarkt bekannte Namen wie Yello, Lichtblick, Nuon oder Eprimo.
Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft hat zwar im vergangenen Jahr jeder zehnte Haushalt einen neuen Tarif erhalten. Aber wie anfangs am Strommarkt dürfte es sich dabei überwiegend nicht um einen Lieferantenwechsel, sondern nur um veränderte Konditionen handeln. In dem Augenblick, da sich erstmals erfolgsversprechende Ansätze für einen Wettbewerb auch am Gasmarkt zeigen, steht die deutsche Gaswirtschaft vor ihrer bislang größten Herausforderung. Für Erdgas spielt hierzulande der private Wärmemarkt die größte Rolle. Ausgerechnet in diesem Segment zeichnet sich für das nächste Jahrzehnt ein deutlicher Marktrückgang ab. Die flüchtige Energie hatte seit Ende der siebziger nach der Umstellung von Stadtgas einen regelrechten Siegeszug angetreten und das dominierende leichte Heizöl weit zurückgedrängt. Die derzeit 38 Millionen Wohneinheiten werden zu 48 Prozent mit Gas und nur noch zu 30 Prozent mit Öl beheizt. Von knapp 88 Milliarden Kubikmetern, die im vergangenen Jahr in Deutschland verbraucht wurden, floss knapp die Hälfte in den Sektor Haushalt/ Gewerbe/Dienstleistungen.
Mehr konkurrierende Energie
Aber seit zwei Jahren wachsen nun neue Konkurrenten heran. Die Zahlen der in Neubauten installierten Gasheizungen sind 2005 die niedrigsten seit 1980 gewesen. Das liegt zwar auch an der rückläufigen Bautätigkeit. Gewinner sind jedoch Fernwärme und vor allem die Wärmepumpen, die 2006 ihren Anteil auf 11 Prozent mehr als verdoppelten und sich im vergangenen Jahr nach drei Quartalen bei 15 Prozent bewegten. Mit dem in Vorbereitung befindlichen Erneuerbaren-Energien-Wärmegesetz droht noch mehr Ungemach. Die Regierung will den Einsatz fossiler Energie am Wärmemarkt durch bessere Dämmung der Gebäude, effizientere Heiztechnik und den Einsatz von regenerativer Energie bis 2020 um ein Viertel reduzieren. Als Marktführer in diesem Segment wäre Gas so klarer Verlierer. Ein schrumpfender Markt und ein zunehmender Wettbewerb bilden allerdings zumindest für den Verbraucher normalerweise eine günstige Gemengelage.
Ob jedoch die Gaswirtschaft im Absatz einen Ausgleich in der Elektrizität finden kann, ist ungewiss. Hierzulande ist der Erdgasanteil in der Stromerzeugung mit etwa 13 Prozent recht gering. Im Herbst 2007 sind zwar gleich drei Gaskraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 1600 Megawatt in Betrieb genommen worden. Aber während der Bauzeit dieser Anlagen hat sich Erdgas so stark verteuert, dass weitere Vorhaben zunächst in den Schreibtischschubladen verschwanden. Allein der Eon-Konzern hält bislang nicht nur an den angekündigten Großkraftwerken fest. Zusätzlich soll bis 2011 in Lubmin, nahe der geplanten Anlandestelle der neuen Ostseepipeline, ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit 1200 Megawatt Kapazität errichtet werden.
Rund um den Globus gilt Erdgas als Brücke auf dem Weg zu neuen, für das Klima weniger schädlichen Energiequellen. Nur hierzulande hat sich die Erdgaswirtschaft mit ihrem hinhaltenden Widerstand gegen eine Wettbewerbsbelebung viele Sympathien und damit vielleicht auch Wachstumspotential verscherzt.
Text: F.A.Z., 03.03.2008, Nr. 53 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z.
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