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Branchen und Märkte: Autozulieferer

Ein Flächenbrand von Insolvenzen

Von Christoph Ruhkamp

10. Juli 2009 Der Niedergang der Autozulieferer in Deutschland setzt sich fort - eine Erholung ist nicht in Sicht. Angesichts Dutzender von Insolvenzen und immenser Umsatzrückgänge beginnt jetzt vielmehr die Auslese am Markt. "In der zweiten Hälfte dieses Jahres wird sich die Spreu vom Weizen trennen", sagt Christopher Seagon. Der in der Branche bestens bekannte Rechtsanwalt weiß, wovon er spricht: Seagon ist Insolvenzverwalter beim niedersächsischen Zulieferer Stankiewicz, der Komponenten für die Schallisolation des Innenraums von Autos herstellt.

Die Firma, die unter anderem Audi, BMW und Daimler beliefert, ist Seagons vierzehnte Autozulieferer-Insolvenz. Nach sechs Monaten Betriebsfortführung in der Insolvenz ist Stankiewicz, das einst dem holländischen Finanzinvestor Gilde gehörte, zwar jetzt glücklich verkauft. Die Firma geht an den amerikanischen Konkurrenten International Automotive Components, der immerhin gut 800 von knapp 1000 Arbeitsplätzen und sechs Standorte in Deutschland erhält. Doch die Übernahme durch einen Investor, der - wie in diesem Fall der amerikanische Schnäppchenjäger Wilbur Ross - frisches Eigenkapital einbringt, wird durchaus nicht bei allen insolventen Unternehmen gelingen.

Seit November mussten rund 50 Zulieferer Insolvenz anmelden

"Es droht ein regelrechter Flächenbrand von Insolvenzen. Nicht in allen Fällen kann das Unternehmen fortgeführt werden, sondern nur, wenn alle wichtigen Kunden bei der Stange bleiben", sagt Seagon. Künftig dagegen werde wohl die Zahl der Abwicklungen und Liquidationen zunehmen - die Unternehmen scheiden wegen der Überkapazitäten ganz aus dem Markt aus. Nach Angaben der Unternehmensberater von Oliver Wyman schrumpfte der Umsatz der Autozulieferer im ersten Quartal dieses Jahres im Durchschnitt um üppige 35 Prozent. Angesichts dessen ist die Lage bei den meisten Betrieben dramatisch. Auch wenn durch staatlich subventionierte Kurzarbeit bisher Entlassungen weitgehend vermieden wurden, trennten sich die Firmen von Tausenden Leiharbeitern, deren Verträge nicht verlängert wurden.

Seit November 2008 mussten schon rund 50 der insgesamt rund 1000 Zulieferer in Deutschland Insolvenz anmelden, wie aus einer Aufstellung der Investmentbank Close Brothers hervorgeht. Oliver Wyman rechnet mit einem Anstieg auf 70 Insolvenzen. Viele dieser Firmen gehören Beteiligungsgesellschaften, die die Unternehmenskäufe mit Krediten finanzierten und die Lasten aus Zins und Tilgung bei den Zulieferern abluden. Der addierte Umsatz der insolventen Zulieferer beträgt rund 9 Milliarden - insgesamt kommt die Branche auf Erlöse von 75 Milliarden Euro. Von den Insolvenzen betroffen sind mehr als 50 000 Beschäftigte. Zum Vergleich: In Deutschland beschäftigt die Zulieferbranche etwa 330 000 Mitarbeiter, das sind etwas mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in der Autoindustrie.

Hauptgrund für die Neuordnung in der Branche ist schlicht die Absatzkrise der Autoindustrie. "Inzwischen dürfte beim Umsatzrückgang zwar der Tiefpunkt erreicht sein", glaubt Insolvenzverwalter Seagon. Aber in vielen Fällen seien die Kostenstrukturen nicht ausreichend angepasst worden. Deshalb steckten weiterhin zahlreiche Firmen in der Krise. Die Hilfen von den Autoherstellern - darunter die schneller als bisher übliche Begleichung von Rechnungen oder Kapitalspritzen in Form stiller Beteiligungen - sorgten nur für eine vorübergehende Entlastung der Zulieferer. Hintergrund für die Hilfen der Hersteller ist die Angst vor einer Unterbrechung der Lieferkette: Ein Auto besteht aus 6000 Teilen - fehlen auch nur die Türscharniere, kann das Fahrzeug nicht fertiggestellt werden. Ein Horrorszenario, das um fast jeden Preis vermieden werden muss. Im Extremfall bleibt dem Hersteller aber auch noch der Wechsel zu einem finanziell stärkeren Lieferanten als Alternative zur erzwungenen Hilfe. Und auch die staatlich finanzierte Abwrackprämie als Kaufanreiz für Autos verschafft den Zulieferern nur eine kurze Atempause, die mit dem absehbaren Abflauen der Nachfrage in der zweiten Hälfte des Jahres beendet sein dürfte. Dann sei mit einer steigenden Zahl von Unternehmenskrisen zu rechnen, sagt Seagon.

Die Warenkreditversicherer ziehen sich aus der Branche zurück

Glaubt man dem Verband der Automobilindustrie (VDA), dann sind die Zulieferer nicht nur selbst verantwortlich für die Misere. Schuld daran seien auch die Banken, die in der Krise nicht ausreichend Geld zur Verfügung stellten. "Manche unserer Unternehmen haben mit der Kreditversorgung zu kämpfen, erfahren Kürzungen ihrer Kreditlinien und Verteuerungen der Konditionen", kritisiert Verbandspräsident Matthias Wissmann. "Dabei ist in der derzeitigen Situation vielfach sogar ein Ausweiten der Kreditlinien notwendig." Manche Banken zögen nicht genügend mit, obwohl die staatliche Förderbank KfW den Großteil der Risiken übernehme.

Ähnlich schwierig sei die Situation bei Warenkreditversicherungen, welche die Lieferanten von Waren gegen Zahlungsausfälle der Kunden absichern. Auch die Warenkreditversicherer scheuen das Risiko in der Autoindustrie und ziehen sich deshalb aus der Branche zurück. Diskutiert wird deshalb ein staatlicher Schutzschirm, der die Warenkreditversicherer dazu bewegen soll, das Geschäft mit Autozulieferern auszuweiten oder zumindest wiederaufzunehmen.

Als besonders stark von Insolvenz gefährdet gelten jene rund 100 Zulieferer, die sich im Besitz von Finanzinvestoren befinden und vor diesem Hintergrund oft hoch verschuldet sind. Fast zwei Dutzend dieser Firmen hat schon das Schicksal der Zahlungsunfähigkeit ereilt, weil weder die Eigentümer noch die Gläubiger bereit waren, weiteres Kapital bereitzustellen. In einigen Fällen gab es aber auch schon ein "Happy End". Ein Beispiel ist der Offenburger Getriebehersteller Neumayer Tekfor mit 3000 Beschäftigten. Hier erklärten sich der Finanzinvestor Barclays Private Equity als Hauptgesellschafter und die Gläubigerbanken bereit, auf die Hälfte ihrer Forderungen von 400 Millionen Euro zu verzichten. Sie schossen sogar 42 Millionen Euro an Kapital nach.

Solche Rettungsmaßnahmen kommen aber nur in Frage, wenn Eigentümer und Gläubiger vollkommen überzeugt von der künftigen Nachfrage nach den Produkten des Unternehmens sind. Fehlt diese Zuversicht - oder hat der Eigentümer schlicht kein Geld mehr zum Nachschießen übrig -, wird der Betrieb in die Insolvenz entlassen. Ein Beispiel dafür ist der Türscharnierhersteller Edscha, der seit 2003 dem Finanzinvestor Carlyle gehörte und im Februar zahlungsunfähig wurde. Den Untergang bedeutete das nicht: Die Produktion wird - nach dem Abbau von rund 100 Arbeitsplätzen - mit 2300 Beschäftigten fortgesetzt. Noch in diesem Sommer will Insolvenzverwalter Jörg Nerlich Edscha an Investoren verkaufen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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