Von Benedikt Fehr und Daniel Schäfer
25. September 2007 Am 30. Juli dieses Jahres fiel die schöne Fassade in sich zusammen: Der renommierte Mittelstandsfinanzierer IKB Deutsche Industriebank teilte mit, durch Fehlspekulationen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt in eine bedrohliche Schieflage geraten zu sein. Nur durch eine konzertierte Aktion der staatlichen KfW Bankengruppe und der Bankenverbände konnte das Düsseldorfer Institut vor der Pleite bewahrt werden.
Der Beinahe-Zusammenbruch des Mittelstandsfinanzierers offenbarte auf einen Schlag die unveränderten Schwächen des deutschen Banksystems. Ebenso wie die einige Wochen später in eine existenzbedrohende Krise geschlitterte ostdeutsche Landesbank Sachsen LB kämpfte die IKB im zersplitterten und hart umkämpften deutschen Markt um auskömmliche Margen im Kerngeschäft. Beide Banken suchten daher ihr Heil in hochriskanten wie rentierlichen Spekulationen mit amerikanischen Hypothekenpapieren und anderen kreditbasierten Wertpapieren.
Effizienz ist bei den europäischen Nachbarn höher
In dieser Krise zeigt sich das Dilemma der deutschen Banken. Sie sind im internationalen Vergleich immer noch Ertragszwerge. Obwohl in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte erzielt wurden, erwirtschaften die hiesigen Institute weitaus weniger Gewinne, als angesichts der derzeitigen Wirtschaftslage eigentlich angemessen wäre. Dabei war das Jahr 2006 insgesamt sogar ein Rückschritt. In einem Jahr, in dem internationale Großbanken riesige Gewinnschübe verzeichneten, schrumpfte der Jahresüberschuss der deutschen Kreditinstitute um mehr als 1 Milliarde Euro auf 22,2 Milliarden Euro. Das schafft manche ausländische Bank fast im Alleingang. Die amerikanische Citigroup zum Beispiel hat im vergangenen Jahr umgerechnet 15,3 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet, die britische Großbank HSBC rund 13 Milliarden Euro.
Trotz eines jahrelangen Stellenabbaus, der sich auch im vergangenen Jahr fortgesetzt hat, sind die deutschen Kreditinstitute noch ein gutes Stück von der Effizienz ihrer europäischen Nachbarn entfernt. Insgesamt konnte die deutsche Kreditwirtschaft ihre Kosteneffizienz nicht weiter verbessern, schreibt Axel Weber, Präsident der Deutschen Bundesbank. Außerdem stützt sich die Ertragslage der deutschen Banken vor allem auf weniger stabile Quellen wie das Provisionsergebnis und den Handel auf eigene Rechnung, während der Zinsüberschuss sich zuletzt kaum nach oben bewegt hat.
Großbanken teilen sich nur 15 Prozent des Marktes
Der Hauptgrund liegt darin, dass das deutsche Kreditgewerbe in Lager aufgespalten ist: Die drei Säulen - Privatbanken, Genossenschaftsbanken sowie öffentlich-rechtliche Sparkassen und Landesbanken - stehen wie zementiert. Die Dominanz der Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken im Geschäft mit den Privatkunden ist erdrückend. Trotz der Zukäufe des vergangenen Jahres stehen die vier Großbanken Deutsche Bank, die von der Unicredit übernommene Hypo-Vereinsbank, die Commerzbank und die Dresdner Bank, die insgesamt eine Bilanzsumme von 2,4 Billionen Euro haben, gerade einmal für 15 Prozent des Marktes.
Großbanken anderer europäischer Länder kommen in ihrem Heimatmarkt mitunter auf die Hälfte der Marktanteile - was ihnen Größenvorteile verschafft und die Fähigkeit, auskömmliche Margen am Markt durchzusetzen. Demgegenüber hat hierzulande der scharfe Wettbewerb im Massengeschäft die ohnehin niedrige Zinsmarge im vergangenen Jahr weiter gedrückt, nach Angaben der Bundesbank von 1,17 auf 1,15 Prozent.
Bund könnte auf Verkauf der Postbank drängen
Aufgrund ihrer Ertragsschwäche sind selbst die großen deutschen Banken - vielleicht mit Ausnahme der Deutschen Bank - zu klein, um in der sich anbahnenden europäischen Konsolidierung eine führende Rolle zu spielen. Immerhin ist in letzter Zeit aber auch hierzulande ein Konsolidierungsprozess in Gang gekommen. So hat sich die Commerzbank die Eurohypo einverleibt, die Postbank den Baufinanzierer BHW und die Deutsche Bank die Berliner Bank sowie Teile des Ratenkreditspezialisten Norisbank. Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate wiederum steht kurz vor der Übernahme des Staatsfinanzierers Depfa. Im öffentlich-rechtlichen Lager hat der Sparkassenverband den Kampf um die Landesbank Berlin für sich entschieden und damit ein Eindringen privater Wettbewerber in seine Domäne abgeblockt.
Die akute Krise an den Kreditmärkten könnte nun zum Katalysator werden, diesen Prozess weiter voranzubringen. So hat die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in einem Handstreich die angeschlagene Sachsen LB unter ihre Fittiche genommen und damit ihre Position als führende Landesbank ausgebaut. Derzeit werden auch zwischen LBBW, West LB und Bayern LB Fusionsmöglichkeiten ausgelotet. Daneben dürfte auch die auf den Mittelstand spezialisierte IKB, an der die Staatsbank KfW mit 38 Prozent beteiligt ist, im kommenden Jahr verkauft werden. Interessenten wie die Commerzbank, die italienische Unicredit, Sal. Oppenheim und die DZ Bank scharren bereits mit den Hufen. Nach manchen Spekulationen könnte der Bund dann auch bei der Deutschen Post seinen Einfluss geltend machen und auf den Verkauf der Postbank drängen.
Konzept der Zweitmarke wiederauferstehen lassen
Dann dürften zahlreiche ausländische Banken um die begehrte Privatkundenbank buhlen, mit der man sich auf einen Schlag mehr als 14 Millionen Kunden und damit einen ordentlichen Marktanteil sichern könnte. Das Geschäft mit Lieschen Müller ist in Deutschland umkämpfter denn je. Lange Zeit hatten die Großbanken das Geschäft mit dem kleinen Mann den Auslandsbanken wie der ING-Diba sowie den Sparkassen und Genossenschaftsbanken überlassen. Nun versuchen sie, verlorengegangenes Terrain wieder zu erobern.
Mit kostenlosen Girokonten, verbesserten Tagesgeldkonditionen und anderen Schmankerln umwerben die Kreditinstitute diese Kundengruppe. Selbst die lange Zeit als geradezu sakrosankt geltenden Öffnungszeiten stehen zur Disposition. Und die Deutsche Bank hat mit der im Vorjahr gekauften Norisbank gar das schon einmal gescheiterte Konzept einer Zweitmarke wiederauferstehen lassen.
Verdrängungswettbewerb um Privatkunden
Die deutschen Großbanken haben erkannt, dass im Kapitalmarkt allein das Heil nicht zu finden ist. Denn das Privatkundengeschäft liefert zwar oft niedrigere, dafür aber weitaus stabilere Margen als das schwankungsanfällige Investmentbanking. Und dass sich auch mit dem Privatkunden ganz gutes Geld verdienen lässt, haben in den vergangenen Jahren Auslandsbanken wie die Citibank, ING, Royal Bank of Scotland oder die SEB bewiesen - mit pfiffigen Ideen, standardisierten Produkten, geringen Kosten und häufig einer besseren Kundenansprache.
Auch um die Betreuung vermögender Privatkunden ist ein scharfer Verdrängungswettbewerb entbrannt. Großbanken, renommierte Privatbanken, Sparkassen und ausländische Institute rangeln mit harten Bandagen um die reichen Deutschen. Zwar wächst der Markt kaum noch, und der Druck auf die Margen ist groß. Aber Deutschland ist ob der schieren Größe ein höchst interessanter Markt für die Vermögensverwalter: Knapp 800.000 Millionäre gibt es hierzulande.
Es ist ohnehin nicht alles nur schlecht im deutschen Bankensystem. Zum einen profitiert der Kunde davon, dass immer mehr Banken mit immer großzügigeren Angeboten um ihn buhlen. Und zum anderen haben zumindest die großen Kreditinstitute in den vergangenen Jahren einen Wachstumskurs eingeschlagen und ihre Erträge kräftig gesteigert. Allen voran geht die Deutsche Bank, die allein im vergangenen Jahr einen Jahresüberschuss von fast 6 Milliarden Euro erreicht hat. Als einzige der hiesigen Großbanken kann sie zumindest im Investmentbanking mit der weltweiten Bankenelite mithalten - auch wenn sie mit ihrem Börsenwert von nur etwa 50 Milliarden Euro den Anschluss an die Großen der Branche verloren hat.
Text: F.A.Z., 24.09.2007, Nr. 222 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa
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