12. März 2007 Die Menschen werden im Durchschnitt älter und anfälliger für Krankheiten. Chronische Erkrankungen und Verschleißerscheinungen und damit auch die medizinische Betreuung werden zunehmen. Die Befindlichkeitsanalyse ist wenig charmant. Doch sie ist die Grundlage für das dauerhafte Wachstum in der Medizintechnik.
Sie wird in den nächsten Jahren ihren Anteil am gesamten Gesundheitsmarkt, der Ausgaben für die Versorgung ebenso umfasst wie die für Medikamente, steigern. Experten schätzen, dass sich die Zahl der Menschen, die über 60 Jahre alt sind, bis 2050 auf 2 Milliarden verdreifachen wird. Der größte Anteil davon wird in den sich entwickelnden und wirtschaftlich aufstrebenden Ländern leben, in denen die Gesundheitssysteme ohnehin noch schwach ausgeprägt sind.
Das Wachstum ist gesichert
Komplexe, mit Elektronik vollgestopfter Röntgengeräte, Computer- und Magnetresonanztomographen etwa kosten zunächst viel Geld. Am Ende aber soll der Einsatz moderner Medizintechnik für eine effektive und preiswerte Gesundheitsversorgung stehen, geht es nach dem Willen der Industrie. Der Markt wird auf Dauer jährlich um 8 bis 10 Prozent zulegen. Das Wachstum ist gesichert, sagt Laura Rossi vom Managementteam der schweizerischen BB Medtech, einer börsennotierten Gesellschaft, die sich an Branchenunternehmen beteiligt.
Von einem homogenen Markt kann allerdings keine Rede sein. Aus Investorensicht müssen wir uns von dem Gedanken des einheitlichen Medizintechnikmarktes verabschieden, sagt sie. Dafür gebe es zu große Unterschiede zwischen den Segmenten.
So ist in der Orthopädie der Bereich der Hüftgelenke ein reifer Markt mit geringeren Zuwachsraten. Die computergestützte Diagnostik sowie Dienstleistungen versprechen hingegen höhere Zuwachsraten. Für Rossi gibt es eigentlich nur eine Gemeinsamkeit: Der Markt wird durch die demographische Entwicklung und starke Innovationen getrieben.
Der Markt ist regional stark fragmentiert
Die Heterogenität kommt in der Vielzahl der Unternehmen zum Ausdruck. Weltweit soll es 16.000 Firmen geben, die in der Branche tätig sind und mehr als 10.000 Produkte anbieten. Auch wenn der Markt als global betrachtet wird, sind regional sehr unterschiedliche Entwicklungen zu beobachten.
Nach wie vor gibt es überdurchschnittliches Wachstum in den Vereinigten Staaten, die mit einem Anteil von rund 40 Prozent den größten Einzelmarkt darstellen. Das liegt nicht zuletzt an dem einheitlichen Gesundheitssystem, das von einem hohen Anteil privater Ausgaben für Gesundheit geprägt ist.
Ganz anders in Westeuropa: Der Markt mit einem Anteil von 40 bis 45 Prozent ist wesentlich schwieriger. Er ist angesichts der Vielzahl nationaler, staatlich gesteuerter Gesundheitssysteme regional stark fragmentiert.
Sie werden in den nächsten Jahren deutlich aufholen
Deutschland entwickelt sich trotz oder gerade wegen der endlosen Reformbemühungen einer zunehmend löchrigen Versorgung unterdurchschnittlich. Die Wachstumsraten liegen im niedrigen einstelligen Bereich, obwohl es einen politisch bedingten Investitionsstau von 30 Milliarden Euro gibt, wie der Branchenverband Spectaris schätzt. Deutsche Anbieter suchen daher erfolgreich ihr Heil im Ausland - mit einer stolzen Exportquote von 65 Prozent. Die EU ist mit einem Anteil von 40 Prozent größter Absatzmarkt vor Nordamerika (25 Prozent) und Asien (14 Prozent).
Von der Gesundheitsreform mit ihrer alleinigen Ausrichtung auf eine kurzfristige Kostenreduzierung und der damit einhergehenden Regulierungsdichte jedenfalls sind keine positiven Impulse zu erwarten, sagt Hauptgeschäftsführer Sven Behrens. Er hofft dennoch, dass immer mehr Menschen erkennen, dass durch Investitionen in moderne Medizintechnik eine deutliche Effizienzsteigerung ermöglicht wird. Nur dann haben wir eine realistische Chance, dass Deutschland im Ranking der Gesundheitsmärkte weltweit von Platz drei auf Platz eins vorrückt.
Davor steht Japan als Nummer zwei. Dort ist das Wachstum ebenfalls moderat. Doch ist die Profitabilität hoch, weshalb das Land für die Anbieter so attraktiv ist. Auch auf ganz Asien, auf das etwa 10 Prozent des Weltumsatzes entfällt, blicken viele. Denn die großen aufstrebenden Länder wie China oder Indien weisen - wenn auch auf relativ niedriger Basis - enorme Zuwächse aus. Sie werden in den nächsten Jahren deutlich aufholen, konstatiert Laura Rossi von BB Medtech.
Phonak wächst zum größten Hörgerätehersteller
Der heterogene Markt macht es schwierig, den Markt vom Volumen her einzugrenzen. Die einen Experten quantifizieren ihn mit 180 Milliarden Euro. Je nach Abgrenzung kann der Wert 250 Milliarden Euro erreichen, wenn etwa Dienstleistungen in der Medizintechnik berücksichtigt werden. Unumstritten ist indes die Attraktivität - wie die teuren Übernahmen belegen.
Anfang des Jahres hat General Electric (GE) für 8,13 Milliarden Dollar das Diagnostik-Geschäft des amerikanischen Pharmakonzerns Abbot Laboratories gekauft, das einen Umsatz von 3,76 Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Der Fotokonzern Eastman Kodak hat sich mit dem Verkauf der Röntgensparte an die kanadische Onex von seiner Traditionssparte getrennt.
Das Geschäft mit medizinischen Aufnahmen und Informationstechnik, mit dem ein Umsatz von 600 Millionen Dollar und ein Betriebsgewinn von 68 Millionen Dollar erzielt wird, wird für 2,35 Milliarden Dollar an die Kanadier gehen. Im Herbst vergangenen Jahres hat der schweizerische Hörgerätehersteller Phonak die dänische GN Resound mit 700 Millionen Franken Umsatz für 3,3 Milliarden Franken erworben. So wächst Phonak zum größten Hörgerätehersteller heran und hat Siemens in diesem Segment von der Spitze verdrängt.
Astronomische Preise bremsen die Kaufgelüste
Der Münchener Elektronikkonzern braucht sich aber nicht zu verstecken. Im vergangenen Jahr hat er gleich mit zwei größeren Zukäufen aauf sich ufmerksam gemacht: die Labordiagnostik des Pharmakonzerns Bayer für 4,2 Milliarden Euro sowie die amerikanische Diagnostic Products Corporation (DPC) für 1,86 Milliarden Dollar. In einer anderen Dimension bewegte sich die vor einem Jahr erfolgte Akquisition von Guidant, einem amerikanischen Hersteller von Herzschrittmachern und Elektroschockgeräten, durch Boston Scientific für 27 Milliarden Dollar.
Dagegen nahm sich der Zukauf der amerikanischen Intermagnetics (Komponenten und Zubehör für Magnetresonanztomographen) für 1,3 Milliarden Dollar durch Philips bescheiden aus. Die Märkte warten immer noch darauf, dass der niederländische Konzern einmal im größeren Umfang zuschlagen wird. Doch scheinen die zum Teil geforderten astronomischen Preise die Kaufgelüste zu bremsen.
Innovationen verschlingen viel Geld
Die Konsolidierung wird weitergehen, allerdings je nach Markt in unterschiedlicher Intensität. Die Orthopädie etwa wird bereits beherrscht von wenigen Anbietern. Unternehmen werden vor allem in den Bereichen zukaufen, wo sie Zugang zu neuen Technologien und neuen Produkten bekommen, um das Angebotsspektrum zu erweitern, meint Laura Rossi.
Zumindest die großen Anbieter wie GE, Siemens und Philips versuchen, alle Stufen der Medizintechnik abzudecken, von der Diagnose über die Behandlung und die Betreuung im Krankenhaus bis zur Nachbetreuung zu Hause. Der Einsatz von Informationstechnik und die Vernetzung komplexer Systeme und Betreuungsstufen werden immer wichtiger - getreu dem Motto: Betreuung aus einer Hand für jedes Alter.
Verlierer in der Konsolidierung werden diejenigen sein, die nicht über genügend Finanzkraft für die Forschung und Entwicklung verfügen, kein ausreichendes Vertriebsnetz besitzen oder sich nicht mit einer differenzierten Produktpalette in einer Nische etabliert haben, sagt Rossi. Damit könnten kleine und mittelständische Unternehmen aufgerieben werden. Denn der Wettbewerb kann dauerhaft nur über Innovationen gewonnen werden. Und die verschlingen viel Geld.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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