Von Stephan Finsterbusch
16. Juni 2008 Intel verbucht Rekordgewinne, AMD steckt tief im Minus. Samsung investiert Milliarden von Euro, Qimonda tritt in seinen Werken auf die Kostenbremse. Hewlett-Packard arbeitet mit Millionenaufwand an neuartigen Chips, Infineon taumelt von einer Krise in die nächste. Die Halbleiterindustrie steht unter Hochspannung - und die dürfte angesichts gedämpfter Prognosen, harter Preiskämpfe und eines unveränderten Konsolidierungsbedarfs noch zunehmen.
Gerade hat die World Semiconductor Trade Statistics (WSTS) ihre ursprünglich überaus optimistische Wachstumsprognose für die Industrie halbiert. Auch die Semiconductor Industry Association (SIA) schraubte die Erwartungen zurück. Richhard Gordner vom Analystenhaus Gartner war mit seinen Vorhersagen hingegen noch zu Beginn des Jahres sehr vorsichtig. Nun zeigt er sich etwas zuversichtlicher als die Kollegen und korrigierte seine Prognose leicht nach oben. Er rechnet damit, dass der Branchenumsatz in diesem Jahr um 5 Prozent auf 286 Milliarden Dollar steigt.
Nachfrage bleibt hoch
Allein im April betrug der Gesamterlös der Halbleiterhersteller 21,1 Milliarden Dollar. Das waren 6 Prozent mehr als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Nach Angaben der Consumer Electronics Association laufe der Verkauf von Produkten der Konsumelektronik gut. In diesem Jahr wird mit dem Absatz von mehr als 100 Millionen flachen TV-Geräten, knapp 300 Millionen Heim-Computern und mehr als einer Milliarde Mobiltelefone gerechnet. Die Digitalisierung und Elektronisierung von Daten werde die Nachfrage nach Chips hochhalten, erklärte George Scalise, Präsident der SIA.
So haben nach Einschätzung der Marktbeobachter von Gartner die derzeitigen Schwierigkeiten vieler Halbleiterhersteller nichts mit den gern und oft propagierten Schwächen auf der Nachfrageseite zu tun. Vielmehr seien sie oft hausgemachter Natur. Auf den Massenmärkten werden nur die Großen überleben, schreibt Christoph Partisch in seiner Branchenanalyse für die Dresdner Bank. Für Oshiharu Izumi von JP Morgan steht die Industrie vor tiefgreifenden Veränderungen.
Fusionen und Übernahmen
Philips hat das Chipgeschäft an Finanzinvestoren verkauft und hält nur noch einen kleinen Anteil an der neugegründeten NXP. Auch Motorola lagerte seine Sparte in Freescale Semicon aus und forcierte den Einstieg privater Kapitalgeber. Nun ist die Branche vor allem durch neue Kooperationen wie der zwischen Toshiba und Sony, Intel und Micron, Qimonda und Elpida geprägt. AMD und Fujitsu schlossen wichtige Teile ihrer Geschäfte in der Spansion Inc. zusammen. Mitsubishi und Hitachi setzen im Chipgeschäft seit Jahren auf ihr Gemeinschaftsunternehmen Renesa Technology.
Die Unternehmen könnten nun einen Schritt weitergehen, indem sie Zukäufe, Übernahmen und Fusionen ansteuern und sich in der kapitalintensiven Branche wettbewerbsentscheidende Größenvorteile verschaffen. Nach einer gemeinsamen Erhebung der Wirtschaftsprüfer von KPMG und des Verbandes SIA gehen heute mehr als zwei Drittel der Manager in der Chipindustrie davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren die Zahl der Fusionen und Übernahmen zulegen wird.
Hohe Kundenansprüche
Zwar halten sich die Firmen noch zurück. Doch die Bündelung der Kräfte scheint geboten. Denn der Bau einer Chipfabrik kostet mindestens 2 Milliarden Euro. Vor zehn Jahren lag der Preis nur halb so hoch. Gründe für die Steigerung sind die höheren Ansprüche der Kunden. Sie wollen immer kleinere, leistungsfähigere und billigere Steuerbausteine in ihren Geräten haben. Das Vordringen der Hersteller von Halbleitern in Größenordnungen, die tausendmal feiner sind als ein menschliches Haar, wird immer aufwendiger.
So wird Marktführer Intel allein die Umstellung der Fertigung von Prozessoren mit Strukturgrößen von 65 Nanometer auf 45 Nanometer schätzungsweise 9 Milliarden Dollar kosten. Toshiba und San Disk stecken 10 Milliarden Dollar in neue Chip-Werke in Japan. Elpida und Powerchip investieren 14 Milliarden Dollar. Die Samsung-Gruppe spult bis 2012 ein Investitionsprogramm von 30 Milliarden Dollar ab. Dabei arbeitet sie mit Intel und TSMC unter anderem an der Umstellung von Fabriken auf größere Waferplatten, auf denen mehr Chips preiswerter hergestellt werden können als bisher.
Die Speicherbranche steckt derzeit in der Falle
Intel konzentriert sich nicht nur auf technisch anspruchsvollste Neuerungen. Die Amerikaner sorgen mit ihrem neuen Billigprozessor Atom auf dem Markt für Mikrochips für Furore. Während die Konkurrenten AMD und Nvidia mit leistungsstarken Grafikchips in zentralen Recheneinheiten einige Pluspunkte bei den Kunden machen, baut Intel das unterste Marktsegment aus. Es bestückt die in Mode gekommenen preiswerten internetfähigen Mini-Notebooks. Deren Verkaufszahl war binnen weniger Monate von faktisch null auf einige Millionen Einheiten gestiegen. Intel prognostiziert das Marktvolumen für Billigprozessoren auf insgesamt bis zu 40 Milliarden Dollar.
Diese Aussichten lassen auch die Produzenten von D-Ram-Chips hoffen, ohne die ein Computer keine Daten für längere Zeit speichern könnte. Denn die Speicherbranche steckt derzeit in der Falle: Während der Absatz im zweistelligen Prozentbereich wächst, erreichten die Produktpreise Tiefpunkte. Ursache ist die Ausweitung der Produktion im Jahr 2006. Damals hatte der Softwarehersteller Microsoft das neue Betriebssystem Vista angekündigt. Das Programm benötigt mehr Speicherplatz als andere. Chipbauer rüsteten ihre Kapazitäten auf. Doch Vista enttäuschte. Auf dem Chip-Markt kam es zum Überangebot. Die Preise fielen vorübergehend um 80 Prozent.
Kaum eine Fabrik profitabel
So arbeitet bis auf die Werke der taiwanischen Auftragsfertiger TSMC und UMCI derzeit kaum eine Fabrik im Plus. Der chinesische Auftragsfertiger SMIC wirft als Erster das Handtuch. Er steigt aus der D-Ram-Produktion aus. Damit schlagen die Chinesen einen Weg ein, den Intel schon 1983 und Texas Instruments 1998 gegangen waren. Andere Konkurrenten dürften mit einem ähnlichen Schritt zögern. Denn anders als SMIC und einstmals Intel oder Texas Instruments habe heute kaum ein D-Ram-Hersteller eine Alternative zur bestehenden Produktlinie, sagte David Sun von Kingston Technology auf einer Fachmesse in Taiwan. Intel konzentriert sich bis heute mit Erfolg auf Mikroprozessoren, Texas Instruments auf digitale Signalprozessoren. SMIC will nun auf Logik- und Analogchips setzen.
Ein Ausweichen auf gewinnversprechendere Speicherbausteine der Kategorie Nand- oder Nor-Flash, wie es Hynix seit 2005 praktiziert, ist von anderen D-Ram-Herstellern kaum zu erwarten. Zwar wächst der Markt für die in Digitalkameras und Mobiltelefonen eingebauten Chips. Doch sind die Fronten abgesteckt. Neun Zehntel des jährlichen Umsatzes mit Flash-Chips von zuletzt 14 Milliarden Dollar verbuchten die drei großen Hersteller Samsung, Toshiba und Hynix. Darüber hinaus ist nach der Zusammenlegung der Flash-Bereiche von Intel und Micron in der IM Flash Technologies auch hier ein scharfer Preiskampf entbrannt.
Nach Einschätzung der Analysten von iSupply wird in diesem Jahr der Gesamterlös der Flash-Sparte 9 Prozent zulegen. Da das Triumvirat an der Spitze kräftig in den Ausbau der Produktion investiert, könnte die Branche 2009 einen Umsatzsprung auf 20 Milliarden Dollar machen. Allerdings werden Nand-Flash-Speicherchips vor allem in der Konsumelektronik eingesetzt. Hier spielt Amerika eine wichtige Rolle. Über der Konjunktur der weltgrößten Volkswirtschaft aber hängen dunkle Wolken. Die dürften die Spannung in der Branche weiter steigen lassen.
Sonderseite Branchen und Märkte: Alle Folgen
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
Finanzkrise: G7-Finanzminister beschließen Fünf-Punkte-![]()
Wie die Finanzkrise die Grundlagen unseres Denkens in Frage stellt
Automobilbranche in der Krise: Alle Räder stehen still
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 4.544,31 | -7,01 |
| TecDax | 516,75 | -4,81 |
| DowJones | 8.451,19 | -1,49 |
| Nasdaq | 1.649,51 | +0,27 |
| STOXX 50 | 2.421,87 | -7,86 |
| Nikkei 225 | 8.276,43 | -9,62 |
| S&P 500 Zert. | 8,83 | -10,45 |
| Euro/Dollar | 1,34 | +0,00 |
| Bund Future | 114,67 | -1,44 |
| Gold | 847,40 | +0,00 |
| Öl | 76,65 | -7,49 |