Von Carsten Knop
04. September 2006 Es gibt kaum eine Branche, die von der Öffentlichkeit mit mehr Emotionen begleitet wird wie die Pharmaindustrie. Ihre Produkte, die für einen Umsatz von rund 600 Milliarden Dollar im Jahr stehen, gehen alle an: die Kranken sowieso; aber auch die Gesunden, die über steigende Krankenkassenbeiträge spüren, welche Schwierigkeiten das Gesundheitswesen - und damit die Pharmaindustrie - zu bewältigen hat.
Dabei gibt es Mißverständnisse und gegenseitiges Unverständnis. So wird schnell behauptet, es gebe ein mächtige Pharmalobby, die die Politiker in Berlin und anderen Hauptstädten der Welt im Griff habe. Die Vertreter der Unternehmen quittieren diese Behauptung mit dem Hinweis, von irgendeinem Einfluß auf politische Entscheidungen merkten sie nicht viel - zumindest nicht in Deutschland.
Zielscheibe für Kritik
Die Pharmakonzerne sind eine Zielscheibe für Kritik. Denn sie verdienen prächtig. Die profitabelsten Unternehmen erwirtschaften Ergebnismargen vor Zinsen und Abschreibungen von mehr als 35 Prozent. Selbst die schlechteren schneiden nur rund 10 Prozentpunkte schwächer ab.
Zum Vergleich: Ein bestens geführter Konsumgüterhersteller freut sich schon über eine Marge von 15 Prozent. Die Pharmaunternehmen verstehen die hohe Rendite als Risikoprämie für ihre aufwendige Forschung, Entwicklung und Zulassung - die jederzeit scheitern kann, aber rund 800 Millionen Dollar je erfolgreichem Medikament kostet.
Fusionen sind Reaktion auf Druck
Die Konzerne reagieren auf den Druck mit Zusammenschlüssen. Die bisher größte Transaktion war die Fusion von Pfizer und Warner-Lambert mit einem Wert von 90 Milliarden Dollar im Jahr 2000. Kurz darauf folgten Glaxo Wellcome und Smithkline Beecham (Wert: 74 Milliarden Dollar), zwei Jahre später Pfizer und Pharmacia (60 Milliarden Dollar) sowie Sanofi-Synthélabo und Aventis (55 Milliarden Euro).
Dagegen nimmt sich der Kauf von Schering durch Bayer, eine rein deutsche Transaktion, für rund 17 Milliarden Euro klein aus. Überhaupt spielen deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich eine untergeordnete Rolle. Bayer hat es durch den Schering-Kauf geschafft, wieder zum größten deutschen Pharmakonzern zu werden. Den Titel hatte zuvor der Familienkonzern Boehringer Ingelheim.
Vermarktungsstopp kann den Ruin bedeuten
Andere mittelgroße Pharmakonzerne wie die im Rennen um Schering von Bayer geschlagene Merck KGaA oder die Altana AG stehen unter Druck. Sie haben eine Größe, die ungemütlich ist. Den hohen Kosten für die Forschung und für ein weltumspannendes Vertriebsnetz stehen zu wenig junge Präparate aus der eigenen Entwicklung gegenüber, die diese Struktur auch in der Zukunft rechtfertigen würden.
Eine breite Risikostreuung gibt es nicht. Den Vermarktungsstopp eines wichtigen Medikaments, wie er Bayer mit Lipobay oder Merck & Co. mit Vioxx widerfahren ist, würde das Pharmageschäft von Unternehmen dieser Größe ruinieren.
Konzentration auf Krebs-Produkte
Besonders bei Altana hängt die Zukunft des Pharmageschäfts nur an einem Medikament, dem Magenmittel Pantoprazol. Mit Pantoprazol kam Altana 2005 auf einen Eigenumsatz von 1,4 Milliarden Euro, die Pharmasparte insgesamt verzeichnete einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro. Für das Präparat läuft aber bis zum Jahr 2010 Schritt für Schritt der Patentschutz aus. Neue Atemwegsmedikamente aus der eigenen Forschung haben bisher als Hoffnungsträger enttäuscht.
Daher ist Altana ein Beispiel für die Gefahren, die einem Pharmaunternehmen drohen, das von einem Produkt abhängt. So prüft Altana alle strategischen Optionen bis hin zum Verkauf des Pharmageschäfts. Der Merck KGaA bleibt nach dem gescheiterten Erwerb von Schering nichts anderes übrig, als nach weiteren Übernahmekandidaten Ausschau zu halten. Erwartet wird, daß Merck sich auf Krebs-Produkte und -Projekte konzentriert, da das Unternehmen über eine Onkologie-Vertriebsmannschaft verfügt, die jedoch nur zwei wichtige Medikamente vertreibt.
Ausrichtung auf Spezialgebiete undankbar
Eine Ausrichtung auf Spezialgebiete wie Onkologie, Erkrankungen des zentralen Nervensystems oder Diabetes bleibt auch den anderen mittelgroßen europäischen Anbietern nicht übrig - gleichgültig, ob es die dänischen Unternehmen Novo Nordisk und Lundbeck sind, die deutsche Schwarz Pharma oder die Schweizer Serono.
Sie können den Vertrieb auf Fachärzte konzentrieren und müssen nicht in der Fläche so präsent sein wie Unternehmen, die im großen Stil Blutfettsenker oder Schmerzmittel verkaufen. Diese Produkte finden sich bei den Großen wie Pfizer, Glaxo Smith Kline, Sanofi-Aventis, Merck & Co, Johnson & Johnson, Astra Zeneca oder Novartis. Sie sind zudem in der Lage, Risiken über eine breite Produktpalette auszubalancieren.
Auslaufende Patente senken dem Umsatz
Frei von Sorgen sind diese deshalb nicht. Das gilt selbst für Schering, das einzige Pharmaunternehmen, das einen beinahe zweistelligen Weltmarktanteil hat. Je größer ein Konzern ist, desto höher ist die Zahl an Patenten, die in der Zukunft auslaufen werden. Nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poor's (S & P) sind in den vergangenen fünf Jahren noch nie so viele Patente mit so hoher Umsatzbedeutung für die Branche ausgelaufen wie in diesem Jahr.
Im laufenden Jahr werden Patentausfälle zu einem Umsatzverlust von rund 23 Milliarden Dollar führen, sagt S&P-Analyst Olaf Tölke: Bis zum Jahr 2010 laufen bei insgesamt 39 wichtigen Medikamenten wie Epogen, Zocor oder Zoloft die Patente aus.
Hohe Investition in Forschung
Für den stetigen Nachschub aus der eigenen Forschung investieren die Hersteller nach Angaben von S & P in der Regel zwischen 15 und 20 Prozent ihres Umsatzes. Im Fall von Pfizer werden mehr als 7 Milliarden Dollar im Jahr für die Forschung ausgegeben. Mit viel Geld allein läßt sich der Erfolg im Labor nicht kaufen.
Auch deshalb hat sich die Schweizer Novartis im Jahr 2005 dazu entschieden, den deutschen Hersteller von Nachahmermedikamenten (Generika) Hexal für 5,65 Milliarden Euro zu kaufen. Die wichtigste Konkurrenz sind nämlich die Präparate der Nachahmer, die auf den Markt drängen, wenn die Patente für Originalpräparate ausgelaufen sind.
Generika-Markt wird sich verdoppeln
Schon heute entfallen mehr als die Hälfte der Rezepte, die Ärzte in den Vereinigten Staaten ausstellen, auf Generika. Nach den Angaben von S & P hatte der Generika-Markt im Jahr 2004 ein Volumen von 39,6 Milliarden Dollar. Bis 2010 wird sich der Wert auf 83,9 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln.
Der Pharmamarkt insgesamt hingegen ist im vergangenen Jahr nur um 6,9 Prozent gewachsen. Die Marktforschungsagentur IMS Health weist darauf hin, daß mit dem verlangsamten Marktwachstum auch die bisher so gesunden Margen unter Druck geraten.
Text: F.A.Z., 01.09.2006
Bildmaterial: F.A.Z.
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