22. Januar 2009 Das Loire-Städtchen Amboise mit seiner schönen Altstadt und seinem historischen Schloss hat vor Weihnachten unruhige Tage erlebt. Der französisch-kanadische Auto- und Flugzeuglieferer Mecachrome, einer der größten Arbeitgeber der Gegend, stand kurz vor dem Bankrott. In letzter Minute kamen dann eine kanadische Fondsgesellschaft sowie der vom französischen Staat, EADS und Safran gegründete Fonds Aerofund zu Hilfe und stellten 30 Millionen Euro zur Verfügung. Fürs Erste kann Mecachrome mit seiner Lieferung von Triebwerks- und Strukturteilen weiterarbeiten.
Solche Krisenfälle bei den Zulieferern machen den Herstellern zunehmend Sorgen. Die Politik reagiert - europaweit. Daher bastelt jetzt auch das Bundeswirtschaftsministerium an einem Modell, das ähnlich wie in Frankreich die mittelständischen Unternehmen schützen soll, unter Umständen über Bürgschaften. EADS-Chef Louis Gallois sagte Mitte Dezember im Gespräch mit dieser Zeitung, dass vor allem die Lieferanten, die auch für die Autoindustrie arbeiten, Lücken in die Lieferketten reißen könnten. Denn die Kraftfahrzeugbranche stecke schon mitten in der Krise, während die Luftfahrthersteller noch von ihren hohen Auftragsbeständen profitierten.
Airbus wird 2010/2011 fast keinen Gewinn machen
Doch wie lange können Airbus, Boeing und Co. noch von der Vergangenheit leben? Airbus wird 2010/2011 fast keinen Gewinn machen, teilte kürzlich Luftfahrtanalyst David Perry von Goldman Sachs mit. Das Unternehmen müsse seine hohen Cash-Beträge abschmelzen, um den Kunden bei der Flugzeugfinanzierung zu helfen. Die Preise sänken, außerdem entwickelten sich die Wechselkurse ungünstig. Steigende Entwicklungskosten für Prestigeprojekte wie das Langstreckenflugzeug A350 und Rückstellungen für Problemfälle wie den Militärtransporter A400M erhöhen die Belastungen. Sein Rat zur EADS-Aktie: Verkaufen.
So wollte in der vorigen Woche am Airbussitz in Toulouse bei der Grundsteinlegung für die Produktionshalle des Langstreckenflugzeuges A350 keine Feierstimmung aufkommen. Die Hersteller jammern zwar noch auf hohem Niveau, weil die jüngsten Jahre Rekordaufträge brachten. Doch jetzt bestellen die Fluggesellschaften nicht nur viel weniger, es kursiert auch die Befürchtung, dass die bestellten Flugzeuge nicht bezahlt werden können. Iata, die Vereinigung der Fluggesellschaften, rechnet für die Mitgliedsunternehmen in diesem Jahr mit einem Verlust im Saldo von 2,5 Milliarden Dollar, trotz des gesunkenen Ölpreises in der zweiten Jahreshälfte.
Eine Einschätzung, die Airbus nicht kommentieren will
Die Branche befindet sich wieder auf der Intensivstation, sagt Iata-Generaldirektor Giovanni Bisignani. Anders als bei der letzten Krise nach den Terroranschlägen 2001 stehen diesmal die Banken nicht bereit, um Flugzeugkäufe zu finanzieren. Sie schraubten ihr Engagement gerade auf die Hälfte des Niveaus der Vorkrisenzeit zurück, schätzt Olivier Brochet, Luftfahrtanalyst bei der französischen Bank Natixis. In meinen sechzig Jahren habe ich solch eine Situation noch nicht erlebt, sagt Iata-Chef Bisignani. Manche Analysten glauben, dass die von Airbus geplanten Auslieferungen 2010 fast noch gar nicht finanziert seien.
Auch in der zweiten Hälfte 2009 sollen schon Lücken entstanden sein - eine Einschätzung, die Airbus nicht kommentieren will. Das Unternehmen stellt aber in Aussicht, seinen Kunden in diesem Jahr mit Finanzierungshilfen von rund 1 Milliarde Dollar entgegenzukommen. Airbus und Boeing sind zu dieser Unterstützung in der Lage, weil sie derzeit noch weit weniger Kundenfinanzierung leisten als in der letzten Krise nach den Terroranschlägen 2001. Wir hoffen auf das Beste, bereiten uns aber auf das Schlimmste vor, sagte A380-Programmchef Tom Williams.
Wir suchen derzeit einen besonders engen Kontakt mit unseren Kunden
Der Hoffnungsträger China, wo der europäische Hersteller im vergangenen September eine neue Produktionsstätte einweihte, hält auch nicht mehr das, was er kürzlich noch versprach. Der Luftverkehr wird dort zwar 2009 voraussichtlich weiter wachsen, doch lange nicht mit den hohen zweistelligen Raten, die Experten kürzlich noch vorhersagten. Stattdessen drängt der Staat die chinesischen Fluggesellschaften, Bestellungen aufzuschieben, und ist zum Einschuss von Barmitteln gezwungen.
Unter den Großkunden der westlichen Welt sorgt indes die Leasinggesellschaft ILFC für Sorgen. Die Tochtergesellschaft des wankenden Versicherungskonzerns AIG steht zum Verkauf - und mit ihr ein Auftragsbuch von mehreren hundert fest bestellten Flugzeugen. Wir suchen derzeit einen besonders engen Kontakt mit unseren Kunden, sagt ein Airbus-Manager. Denn sobald der Ausfall eines Abnehmers bekannt wird, versucht Airbus seine Produktion auf andere Kunden umzustellen, was jedoch nicht einfach ist, weil jede Fluggesellschaft eine individuell zugeschneiderte Ausfertigung haben will.
Airbus steht vor zwei großen Herausforderungen
Boeing hat als erster großer Hersteller auf die Flaute reagiert und den Abbau von 4500 Stellen oder sieben Prozent seiner Belegschaft im zivilen Luftfahrtgeschäft angekündigt. Die Auftragseingänge des amerikanischen Herstellers haben sich im vergangenen Jahr auf 662 Maschinen mehr als halbiert. Boeing hat ein schwarzes Jahr mit vielen hausgemachten Schwierigkeiten hinter sich. Das Vorzeigemodell 787 ist ähnlich verspätet wie einst der europäische Großraumflieger A380. Zudem plagten ein langer Streik im September und Oktober sowie Fertigungsprobleme bei weiteren Modellen das Unternehmen.
Bei Airbus sieht die Lage noch etwas besser aus, denn der Hersteller erhielt 2008 mehr Bestellungen. Die 777 Aufträge entsprechen aber auch einem schmerzhaften Rückgang von 42 Prozent. Airbus steht vor zwei großen Herausforderungen: den heillos verspäteten Militärtransporter A400M auf den Weg zu bringen und sein Versprechen zu halten, das in seiner Kategorie am schnellsten verkaufte Langstreckenflugzeug der Welt, den A350, von 2013 an pünktlich und technisch korrekt an die Kunden auszuliefern.
Der französische Plan zur Konjunkturstimulierung
Ruhiger schlafen heute die Unternehmen mit einem ausgewogenen Geschäftsmodell, das neben der zivilen Luftfahrt auch Verteidigungsaufträge enthält. In Zeiten, wo den Regierungen das Geld locker sitzt, werden die Militärs nicht leer ausgehen und neue Budgets für staatliche Aufträge erhalten. Der französische Plan zur Konjunkturstimulierung enthält immerhin 1,4 Milliarden Euro Mehrausgaben für die kommenden zwei Jahre über die bereits angekündigten 17 Milliarden Euro hinaus.
Thales, EADS als Muttergesellschaft des Hubschrauberherstellers Eurocopter sowie Safran gehörten zu den wesentlichen Profiteuren, meint Analyst Brochet. Für amerikanische Rüstungsunternehmen gilt die gleiche Hoffnung, nur auf noch höhere Milliardenzuschüsse.
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Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb
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