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Branchen und Märkte (146): Mineralölindustrie

Am Pranger der Verbraucher

Von Ulrich Friese

02. Juni 2008 An das schlechte Image seiner Branche hat sich Rob Routs längst gewöhnt: „In den Vereinigten Staaten sind wir sogar unbeliebter als die dortige Regierung“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Royal Dutch Shell mit Galgenhumor. Wie dem Obersten des britisch-niederländischen Konzerns geht es auch anderen Kollegen in den Chefetagen der westlichen Ölindustrie. Sie stehen in öffentlichen Debatten am Pranger, wenn es um Zukunft, Sicherheit und Kosten der weltweiten Energiereserven geht.

Die europäischen Branchenführer Shell und British Petroleum (BP) sowie die amerikanischen Rivalen Exxon Mobil, Chevron oder Conoco trifft der Verdacht, dass sie von den Rekordständen am internationalen Markt für Rohöl einseitig profitieren, indem sie ihre Aktionäre über den Rückkauf eigener Papiere oder mit hohen Sonder-Dividenden verwöhnen, während Verbraucher für den Einkauf von Benzin oder Diesel immer tiefer in die Tasche greifen müssen. Die Branche blende zudem gerne die globalen Folgen des Klimawandels aus, so der Vorwurf von Umweltschützern, statt in ausreichendem Umfang in alternative Energieträger zu investieren.

Shell, BP & Co

Die öffentlichen Attacken gegen Shell, BP & Co. werden vom rasanten Wachstum des Ölpreises befeuert. Gegenwärtig ist Rohöl an den internationalen Rohstoffmärkten mehr als doppelt so teuer wie noch vor einem Jahr. Allein zum Auftakt der vergangenen Woche wurde mit 135 Dollar je Barrel (ein Barrel entspricht 159 Litern) ein vorläufiger Höchststand erreicht, als Meldungen über Lieferengpässe in den Förderländern Mexiko und Nigeria die Rohstoffmärkte irritierten.

Experten führen den rasanten Auftrieb auf den wachsenden Energiehunger in Schwellenländern wie Indien oder China zurück. So ist das Reich der Mitte schon heute hinter den Vereinigten Staaten zum zweitgrößten Ölverbraucher der Welt aufgerückt. Andere Fachleute identifizieren dagegen den Schwund des weltweiten Energiereservoirs als wahren Preistreiber.

„Die Form einer Spekulationsblase erreicht“

Die These wird durch eine aktuelle Studie der Energy Watch Group gestützt. Hierin warnt die industrieunabhängige Organisation, dass der Höhepunkt bei der weltweiten Ölförderung bereits vor zwei Jahren überschritten wurde. Im Zuge des drohenden Engpasses werde daher die globale Ölproduktion von 81 Millionen Barrel pro Tag (2006) auf täglich 58 Millionen Barrel im Jahr 2020 schrumpfen, heißt es in der Studie.

Energie-Manager machen indes gierige Spekulanten für die drastische Verteuerung des Rohöls verantwortlich: „Der Preis wird vom Finanzmarkt getrieben und weniger von fundamentalen Daten wie Angebot und Nachfrage“, behauptet der Verband der deutschen Mineralölwirtschaft. Glaubt man George Soros, vergrößert sich sogar der spekulative Einfluss von Hedge-Fonds in der Branche: „Der massive Zufluss an frischem Geld, das in Kapitalanlagen mit Öl strömt, hat die Form einer Spekulationsblase erreicht“, sagte der einflussreiche Investor kürzlich in einem Interview.

Staatskonzerne bestimmen

Die Akteure aus der Privatwirtschaft können den Preisauftrieb mit eigener Kraft kaum bremsen. „Wir gehören zwar zu den größten Energieproduzenten der Welt, aber wir bestreiten nur 3 Prozent an der weltweiten Förderung von Öl und Gas“, sagt Shell-Manager Routs. Zusammen mit BP, Exxon und Chevron decken die westlichen Multis insgesamt nur 15 Prozent des weltweiten Bedarfs ab. Der Löwenanteil entfällt auf die staatlich kontrollierten Energieunternehmen in den wichtigsten Förderländern. Deren Rangskala wird von Saudiaramco (Saudi-Arabien), der russischen Gasprom, CNPC (China), NIOC (Iran) oder Venezuelas PDVSA angeführt. Der Einfluss der Staatskonzerne dürfte binnen zehn Jahren weiter wachsen, heißt es bei der International Energy Agency, weil das Gros an neuen Vorkommen in Schwellenländern erschlossen wird. Im Zuge der wachsenden Marktkonzentration verwandeln sich die westlichen Ölkonzerne zu spezialisierten „Nischenanbietern“, die bei lukrativen Großvorhaben nur als Juniorpartner eingebunden werden, weil sie Erfahrung, das technische Wissen oder die Projekt-Finanzierung liefern können.

Um den mächtigen Staatskonzernen Paroli zu bieten, schrauben Shell und BP ihre Investitionen kräftig nach oben. Neben der Jagd nach neuen Reserven wollen sie vorhandene Öl- und Gasreserven besser ausschöpfen oder das Geschäft mit den „unkonventionellen Energieträgern“ auf Touren bringen. Dazu zählt bei Shell die technisch aufwendige, aber ökologisch fragwürdige Verwertung von Ölsanden in Kanada ebenso wie die Verflüssigung von Erdgas, die im Fachjargon „LNG“ (Liquified Natural Gas) genannt wird. Während der aus Den Haag gesteuerte Konzern im Geschäftsjahr 2007 einen Rekordgewinn von 32 Milliarden Dollar erwirtschaftete, flossen 27 Milliarden Dollar Investitionen in traditionelle und unkonventionelle Vorhaben. Der Aktionismus in den Chefetagen der Multis kommt nicht von ungefähr. Denn viele von ihnen sind mit dem Vorwurf konfrontiert, ihr Stammgeschäft mit Öl und Gas über Jahre vernachlässigt zu haben.

Dividende statt Modernisierung

Eine aktuelle Übersicht des amerikanischen James A. Baker Institute for Public Policy dokumentiert, dass Exxon, Shell, BP, Chevron und Conoco allein in der Zeit von 1998 bis 2006 jeweils mehr als die Hälfte ihrer Jahresüberschüsse in die Ausschüttung von Dividenden oder den Rückkauf eigener Aktien steckten, statt in die Modernisierung von Raffinerien oder in zukunftsweisende Projekte zu investieren.

Solche Versäumnisse bekommt jetzt Exxon Mobil zu spüren. Der amerikanische Ölproduzent verteidigte über Jahre seine Spitzenstellung im Weltmarkt, weil er sich intern effizient organisierte und er es sich dank seines üppigen Energie-Reservoirs leisten konnte, kapitalintensive Geschäftsfelder im Bereich erneuerbarer Energien oder unkonventioneller Energieträger zu meiden. Doch der Kurs von Konzernlenker Rex Tillerson, der Aktionären jedes Jahr Ausschüttungen in Milliardenhöhe garantierte, gerät bei namhaften Investoren unter Beschuss. Sie fordern den Branchenführer auf, schlüssige Konzepte gegen die Folgen des Klimawandels vorzulegen sowie zügig in neue Technologien und alternative Energieträger zu investieren. Unter den Kritikern befinden sich die Nachfahren von Konzerngründer John D. Rockefeller. Die Familie mit dem klangvollen Namen verfügt selbst zwar nur über marginalen Aktienbesitz, um solche Forderungen durchzusetzen. Doch immerhin können die Rockefellers mit der Rückendeckung amerikanischer und britische Pensionsfonds rechnen.

Den Imageverfall mit erneuerbaren Energien stoppen

Im Vergleich zu Exxon Mobil haben Shell und BP in der Umweltthematik einen klaren Vorsprung. Während der britische Ölproduzent regelmäßig mindestens 800 Millionen Dollar pro Jahr in erneuerbare Energien investiert und unter dem griffigen Werbemotto „Beyond Petroleum (BP)“ weltweit vermarktet, hat der Rivale aus Den Haag 1997 einen Geschäftsbereich für alternative Energieträger eröffnet.

Binnen zehn Jahren flossen in die Sparte rund 500 Millionen Dollar. Trotz einer Summe, die im Vergleich zu den Milliardenbeträgen für das Kerngeschäft moderat erscheint, nimmt Shell sein Engagement für Windkraft, Wasserstoff, Solarenergie und Biokraftstoffe durchaus ernst. „Wir wollen herausfinden, welche Technologien bei den erneuerbaren Energien das Rennen machen und uns rentabel erscheinen“, sagt Routs. Sein Konzern wolle mindestens einen der vier zukunftsträchtigen Energieträger zu einem substantiellen Geschäft ausbauen. Gelingt der Kraftakt, ließe sich der Imageverfall der Branche womöglich stoppen.

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Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,35 -0,45
Bund Future 114,67 -1,44
Gold 857,30 +1,17
Öl 76,65 -7,49
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