Branchen und Märkte
RSS
Alle Beiträge Aktuellster Beitrag Beitragsdatum bis

Branchen und Märkte (141): Rechtsanwälte

Der Wettbewerb tobt

Von Corinna Budras

28. April 2008 In der Anwaltschaft regt sich Widerstand. Seit Jahren warnt der Präsident des Deutschen Anwaltvereins (DAV), Hartmut Kilger, vor der prekären wirtschaftlichen Situation vieler Einzelanwälte, die mitunter sogar gezwungen seien, als Taxifahrer ihre Einkünfte aufzustocken. Nun fordert er die Politik zum Handeln auf: Die gesetzlichen Gebühren sollen um 8 Prozent steigen, um den Verfall der Kaufkraft seit 2004 auszugleichen. Damals trat das neue Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) in Kraft, das nur eine Strukturveränderung der Gebühren gebracht habe, nicht jedoch eine lineare Erhöhung, rechnet Kilger vor. Tatsächlich liege die letzte Aufstockung 14 Jahre zurück.

Das Einkommen von Anwälten besteht zwar nicht nur aus den gesetzlichen Gebühren. Sie können nach Vereinbarungen mit Mandanten auch höhere Honorare einstreichen. Insbesondere Advokaten in Großkanzleien, die 4 Prozent der Anwaltschaft ausmachen, rechnen überhaupt nicht nach diesen gesetzlichen Vorgaben ab. Trotzdem setzten sie Standards, betont Kilger. So muss die unterlegene Partei in einem Gerichtsverfahren dem Gegner nur die Kosten in der Höhe der gesetzlichen Gebühren erstatten. Zudem dienen sie in vielen Kanzleien immer noch als Orientierung für den Kunden.

200 Euro für umfangreiche Arbeit

Kilger machte mit seiner Forderung auf die schwierige wirtschaftliche Lage vieler Einzelanwälte aufmerksam. Es gebe Fälle, in denen man für eine jahrelange umfangreiche Arbeit lediglich 200 Euro bekomme, bekräftigte er. Diesen Befund bestätigt auch ein Blick auf den durchschnittlichen Umsatz, den Rechtsanwälte in den vergangenen Jahren machten. Danach erwirtschafteten Advokaten 1994 noch 116.000 Euro im Jahr. Mehr als zehn Jahre später konnten sie nur noch knapp 83 Prozent dessen erreichen: 2005 lag der durchschnittliche Umsatz bei 96.500 Euro, wie aus dem Statistischen Jahrbuch der Anwaltschaft des Soldan Instituts für Anwaltsmanagement hervorgeht.

Zudem schießt der Staat im Vergleich zu anderen Ländern nur einen relativ niedrigen Betrag zu, um Menschen mit geringem Gehalt den Zugang zum Recht zu erleichtern. Deutschland gibt 7,80 Dollar pro Kopf an Prozesskostenhilfe aus, während die Vereinigten Staaten fast das Doppelte spendieren - obwohl die Anwaltschaft den Bedürftigen dort wesentlich häufiger als hierzulande kostenlosen Rechtsrat (“Pro Bono“) erteilt.

Anwaltsschwemme

Dabei wird der Wettbewerb immer härter, schon seit einigen Jahren ist von einer wahren „Anwaltsschwemme“ die Rede. Die Zahl der zugelassenen Anwälte steigt stetig, inzwischen hat sie die Marke von 147.000 Advokaten erreicht. Dabei buhlen sie um die Mandate mitunter auch mit wahren Dumping-Angeboten.

So versuchte die Billigkette Juraxx mit einem transparenten Vergütungsmodell und niedrigen Einstiegspreisen von 25 Euro neue Kundschaft in ihre grell gestalteten Büroräume in den Fußgängerzonen der Städte zu locken. Doch der Versuch scheiterte. Im vergangenen Jahr musste die Kette Insolvenz anmelden, der Firmengründer Eugen Boss hatte sich mit seiner rasanten Expansion verhoben.

Neue Konkurrenz durch Nichtjuristen

Künftig bekommen die Juristen von anderer Seite Konkurrenz. Im Juli tritt nach einem jahrelangen umstrittenen Gesetzgebungsverfahren das neue Rechtsdienstleistungsgesetz in Kraft. Es wird das weitgehende Rechtsberatungsmonopol der Anwaltschaft zumindest in engbegrenzten Bereichen knacken. Damit dürfen künftig auch Nichjuristen Rechtsrat erteilen, wenn dieser eine Nebenleistung ist und zum jeweiligen Tätigkeitsbild gehört.

So können Architekten künftig ihren Auftraggebern Auskünfte über Fragen des Baurechts oder der Sachmängelhaftung geben. Banken, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erhalten generell die Erlaubnis, Testamentsvollstreckung, Nachfolge- oder Fördermittelberatung zu betreiben. Auch Sanierungs- und Insolvenzberatern sowie Erbenermittlern soll die Arbeit erleichtert werden. Allerdings darf der Rechtsrat weiterhin nicht im Mittelpunkt des jeweiligen Leistungsangebots stehen.

Sorgfältige Prüfung

Die Rechtsanwaltskammern würden künftig sehr sorgfältig prüfen, ob die durch das Gesetz gezogenen Grenzen auch in der Praxis eingehalten würden, kündigt der Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer, Axel Filges, an. Die große Koalition hat mit diesem neuen Gesetz zugleich einige Urteile des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs umgesetzt.

„Die größte Herausforderung für die Anwälte wird sein, sich in dem verschärften Wettbewerb zu behaupten und dabei ihre Kernpflichten - Verschwiegenheit und Unabhängigkeit - nicht zu vergessen“, sagt Filges. „Es können nur die Anwälte bestehen, die die hohen Qualitätsanforderungen erfüllen.“

Fachanwälte bürgen für Qualität

Dabei hilft insbesondere der Titel des Fachanwalts, der inzwischen in insgesamt 19 Rechtsgebieten nach einer umfangreichen Prüfung und dem Nachweis von bearbeiteten Fällen erworben werden kann. Der Bundesrechtsanwaltskammer zufolge gab es im Januar 2007 knapp 28.000 Fachanwälte. Das entspricht einer Quote von fast 20 Prozent aller zugelassenen Anwälte und einem Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von etwas mehr als 3 Prozent. Seit 1994 hat sich die Zahl der Fachanwälte versiebenfacht.

Zudem will die Bundesrechtsanwaltskammer künftig mit einem Ombudsmann das Vertrauen der Kunden in die Anwaltschaft stärken. Wie in anderen Branchen soll er in Streitfragen zwischen Mandanten und Advokaten vermitteln.

Satte Zuwächse für die Großen

Am anderen Ende des breiten Spektrums der Anwaltschaft stehen die internationalen Wirtschaftskanzleien, die sich im vergangenen Jahr dank der guten wirtschaftlichen Lage in Deutschland über satte Zuwächse freuen konnten. Sie verdienten besonders gut an Unternehmenstransaktionen in Milliardenhöhe, die ihnen hochbezahlte Mandate bescherten. An der Spitze der Großsozietäten stand im Geschäftsjahr 2006/2007 wieder Freshfields Bruckhaus Deringer, die dem Branchenmagazin Juve zufolge gegenüber dem Vorjahr einen Umsatzsprung von knapp 15 Prozent auf 370 Millionen Euro verbuchen konnten. Die Kanzlei britischen Ursprungs ist mit derzeit rund 580 Anwälten an sechs Standorten zudem Deutschlands größte Kanzlei.

Doch in diesem Jahr dürfte das Geschäft der Großkanzleien langsamer laufen, auch hier hinterlässt die internationale Finanzkrise ihre Spuren. „Die Großkanzleien stellen sich auf einen schwächeren Markt ein“, sagt Filges, der als Partner der Wirtschaftskanzlei Taylor Wessing als erster Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer aus einer Großsozietät kommt. Der Markt für Firmenzukäufe aus privaten Finanzierungen (Private Equity) liegt brach und kostet die Wirtschaftsanwälte wertvolle Mandate. Das Transaktionsgeschäft läuft insgesamt nicht annähernd so gut wie noch 2007; von lukrativen Börsengängen ganz zu schweigen.

Mehr Tageslicht

Diese Entwicklung hat für manchen Advokaten auch ihr Gutes: Nicht wenige freuen sich, das Büro in diesen Zeiten noch bei Tageslicht verlassen zu dürfen, ohne bis tief in die Nacht Akten wälzen zu müssen. Dafür bekommen die Advokaten mehr zu tun, die auf Restrukturierungen und komplizierte Finanzierungen spezialisiert sind. Für die wenigen Deals, die inzwischen noch abgewickelt werden, müssen sie sich immer kompliziertere Finanzkonstrukte ausdenken, die nach allen Seiten abgesichert sind.

Von Juli an sollen voraussichtlich auch Erfolgshonorare in Deutschland erlaubt sein - zumindest in engen Grenzen. Auf diese Regelung, die den Advokaten erstmals erlauben wird, die Höhe ihrer Vergütung an den Ausgang eines Rechtsstreits zu koppeln, dürften insbesondere die Wirtschaftskanzleien schielen. Der Bundestag hat dem Entwurf am Freitag zugestimmt, voraussichtlich Ende Mai wird sich auch der Bundesrat damit beschäftigen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Dax
Tec
Dow
Nas
08.12.2009 | 17:45
Dax 5.688,58
−1,66 %
 
        Vortag
09.12.2009 | 00:49
Name Kurs in %
DAX 5.688,58 −1,66%
TecDAX 812,86 −0,23%
MDAX 7.289,66 −1,97%
SDAX 3.487,90 −0,85%
REX 376,84 +0,44%
Eurostoxx 50 2.849,17 −1,62%
Dow Jones 10.286,00 −1,00%
Nasdaq 100 1.772,73 −0,61%
S&P500 1.091,94 −1,03%
Nikkei225 10.140,50 −0,27%
EUR/USD 1,4696 −0,04%
Rohöl Brent Crude 75,40 $ −1,35%
Gold 1.164,25 $ +1,46%
Bund Future 123,55 € +0,34%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche