Von Horst Rademacher
05. Juni 2006 Im vergangenen August versank New Orleans nicht nur deshalb in den Fluten des Hurrikans Katrina, weil einige Deiche brachen. Vielerorts schwappten auch die vom Wirbelsturm ausgelösten Flutwellen meterhoch über die Deichkronen. Daran waren nicht zuletzt erhebliche Bodensenkungen im Großraum New Orleans schuld, wie sich jetzt gezeigt hat. Selbst die Flutwellen eines schwächeren Hurrikans hätten zu einer Überflutung geführt.
Mit der Planung und dem Bau des gegenwärtigen Systems von Deichen und Schutzwänden in New Orleans wurde nach den verheerenden Überschwemmungen durch den Hurrikan Betsy im Jahre 1965 begonnen. Damals gab es noch keine zuverlässigen Modelle über die Höhe der Flutwellen, die ein Hurrikan vor sich herschiebt. Als Grundlage für die Auslegung der Deiche diente die Vorstellung von einem Jahrhundert-Hurrikan mit Windgeschwindigkeiten von 160 Kilometern pro Stunde.
Design der Deiche unzureichend
Das entspricht heute einem Wirbelsturm der Stärke 2, also einem recht niedrigen Wert auf der fünfteiligen Skala. Daraus wurden für die Abdeichung gegenüber dem Lake Pontchartrain im Norden der Stadt Deichhöhen von 3,25 Meter über Normalnull berechnet. Die Deiche des zum Golf von Mexiko weisenden Südens der Stadt, vor allem entlang des kanalisierten Unterlaufs des Mississippi, wurden dagegen für Wasserstände von 4,25 Meter über Normal konstruiert. Tatsächlich stiegen die Flutwellen vor allem im Osten und Süden der Stadt um 1,20 bis 1,80 Meter über die Deiche an. Durch das Überfluten verlor ein Teil der Deiche an mechanischer Stabilität. Deichbrüche waren die Folge.
Aber nicht nur das unzureichende Design der Deiche führte zu deren Überflutung. Hinzu kamen starke Bodensenkungen im Großraum New Orleans. Das gesamte Mississippi-Delta ist im geologischen Sinne ein wassergetränktes Torfmoor, dessen Schichten nur an wenigen Stellen einige Meter über den Meeresspiegel hinausragen. Im Laufe der Zeit beginnt sich Torf unter seinem eigenen Gewicht zu verdichten. Das wiederum führt zu einer allmählichen Senkung des Gebietes. Dem wiederum wirkte jahrtausendelang der Mississippi entgegen, indem er Schlamm und Schlick aus seinem Oberlauf im Delta ablagerte. Dabei stellte sich ein Gleichgewicht zwischen Absenkung und Erosion durch das Meer auf der einen Seite und Zufuhr neuer Sedimente durch den Fluß auf der anderen Seite ein. Das Delta blieb im wesentlichen stabil und konnte sogar langsam wachsen.
Grund- und Regenwasser konnten nicht ablaufen
Mit der Besiedlung der Gegend durch französische Pioniere im Jahre 1710 wurde dieses natürliche Gleichgewicht unterbrochen. Weil der Mississippi jeweils im Frühjahr nach der Schneeschmelze, nach schweren Regenfällen oder bei Sturmfluten über die Ufer trat, begannen schon die Franzosen, das Gebiet mit Deichen zu schützen. Im Jahre 1910 fand die endgültige Trockenlegung von New Orleans statt. Das verhinderte zwar ein Überlaufen des Mississippi und des Lake Pontchartrain.
Das Eindeichen hatte aber auch zur Folge, daß weder Grund- noch Regenwasser auf natürlichen Wegen ablaufen konnten. Daraufhin wurden Drainagekanäle angelegt, die in insgesamt 22 Pumpstationen mündeten, von denen das gesammelte Wasser über die Deiche in den Lake Pontchartrain gehoben wird. Allerdings führte das dauernde Abpumpen von Grundwasser zu einer zusätzlichen Verdichtung der Torfschicht unter der Stadt. Das wiederum ließ die Stadt immer weiter unter den Meeresspiegel sinken.
Stadt sank sechs Millimeter pro Jahr
Eine Forschergruppe um Timothy Dixon von der Rosenstiel School of Marine and Atmospheric Science der University of Miami hat nun die Absenkung erstmals mit hoher Genauigkeit großflächig gemessen. Sie benutzte dazu die Daten des kanadischen Satelliten Radarsat aus den letzten drei Jahren vor der Überflutung der Stadt. Der Satellit sendet Radarstrahlen Richtung Erdboden und registriert deren Echos. Aus der Laufzeit kann der Abstand des Satelliten zur Erde präzise bestimmt werden. Vergleiche der bei verschiedenen Umläufen gemessenen Abstände lassen Absenkungen des Bodens erkennen.
Wie die Gruppe jetzt in der Zeitschrift Nature (Bd. 441, S. 587) schreibt, sank danach das Stadtgebiet in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich sechs Millimeter pro Jahr. Entlang der Deiche im Unterlauf des Mississippi wurden sogar Bodensenkungen von 33 Millimetern pro Jahr gemessen. Seit ihrem Bau vor etwa vierzig Jahren sind eine Reihe von Deichen demnach gegenüber dem Meeresspiegel um mehr als einen Meter gesunken. Wie die Forscher berichten, sind diese Senkungen bisher weder in die Berechnungen moderner Deichhöhen eingegangen noch bei den Reparaturen an den zerstörten Deichen berücksichtigt worden.
Text: F.A.Z., 06.06.2006, Nr. 129 / Seite 42
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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