Von Matthias Rüb, New Orleans
28. August 2006 Sheryl Slack zieht nicht zurück in den Lower Ninth Ward. Sie glaubt überhaupt nicht, daß der Stadtteil mit seinen fast ausschließlich schwarzen Einwohnern zu retten sein wird. Gott wollte, daß hier Ordnung geschaffen wird, sagt sie, faltet wie im Reflex die Hände und scheint sich in diese neue Ordnung zu fügen, ohne mit Gott zu hadern. Obwohl diese göttliche Ordnung auch bedeutet, daß ihr eigenes Haus, das Elternhaus, in dem sie mit ihren 14 Geschwistern aufgewachsen ist, sowie eine Handvoll weiterer Häuser, welche die Familie in dem Viertel besaß und vermietete, dann für immer verloren wären.
Immerhin: Sheryl Slacks Mann hat sich vor Jahren schon ein kleines Fuhrunternehmen aufgebaut, und das Transportwesen ist in diesen Zeiten ein florierender Erwerbszweig. Der schwarzen Mittelstandsfamilie, die sich inzwischen auf dem höher gelegenen Westufer des Flusses Mississippi niedergelassen hat, geht es heute nicht schlechter als vor einem Jahr. Das nagelneue Mittelklasseauto ist funkelndes Zeugnis für den relativen Wohlstand.
Behörden haben versagt
Sheryl Slack und ihr Mann sind heute nur auf eine Stippvisite in den Lower Ninth Ward zurückgekommen, um nach den Häusern zu sehen und sich von Anwälten einer Bürgerinitiative, die für den Wiederaufbau des ertrunkenen Stadtteils kämpft, über die Schlichtungsverfahren im Streit mit den Versicherungen zu informieren. An den Häusern der Familie, die wochenlang bis zu zweieinhalb Meter tief unter Wasser standen, ist seit der Nacht zum 29. August 2005, als in Folge des Aufpralls von Hurrikan Katrina die Deiche brachen, nichts getan worden.
Wie die meisten Menschen, von denen man dieser Tage Auskunft über ihre Lage erbittet, hat Sheryl Slack keine hohe Meinung von den Behörden: Sie haben alle versagt - die Stadt New Orleans, der Bundesstaat Louisiana und die Regierung in Washington. Ihre Ansicht zur Zukunft des Lower Ninth Ward, eines der von den Überflutungen am schlimmsten betroffenen Stadtteile, scheint die Mehrheit zu teilen: Nur ein Fünftel der einst etwa 20.000 Einwohner äußert bei Befragungen den Wunsch zur Rückkehr; noch viel weniger haben den Schritt bisher getan. Zwar sind Dutzende Häuser abgerissen worden, der gebrochene Deich zum Industriekanal ist vom Ingenieurskorps des Heeres geflickt worden, die meisten Autowracks sowie die Berge von Unrat und Trümmern auf den Straßen sind fortgeschafft.
Katastrophenidyll für den Fremdenverkehr
Aber nur in ganz wenigen Häusern wird gearbeitet, nur hie und da sieht man einen der berüchtigten Wohnmobilanhänger stehen, von denen die Katastrophenschutzbehörde des Bundes (FEMA) den Katrina-Obdachlosen mehr als 100.000 Stück zur Verfügung gestellt hat. Eine unwirkliche Stille liegt über den fast menschenleeren Straßenzügen. Daß plötzlich ein mit asiatischen Touristen vollbesetzter Reisebus durch die Schlaglöcher der Deslonde Street holpert, vervollständigt den absurden Augenschein: New Orleans als nachhaltiges Katastrophenidyll für den Fremdenverkehr.
Wo also steht die Stadt ein Jahr nach der Katastrophe, bei der mehr als 1.300 Menschen starben und an der Golfküste ein Schaden in Höhe von gut 80 Milliarden Dollar entstand? Nun, eher hängt sie - in der Luft, denn New Orleans ist die einzige der von den Hurrikanen Katrina und Rita betroffenen Gemeinden an der Küste, für die es noch keinen Masterplan für den Wiederaufbau gibt. Vielmehr gab es deren drei, aber Bürgermeister Ray Nagin wies die Vorschläge der von ihm selbst bestellten Kommissionen zurück, zumal weil diese die Aufgabe von besonders gefährdeten Stadtteilen mit schwarzer Mehrheitsbevölkerung vorsahen - auf deren Stimmen er zu seiner Wiederwahl im Mai angewiesen war. Gewiß, der Lower Ninth Ward war Heimat für Sheryl Slack und Tausende anderer Schwarzer, aber er war auch ein Sozialgetto, in dem 37 Prozent der Einwohner unter der Armutsgrenze lebten.
Mordrate wieder auf Vorjahresniveau
Möglicherweise kommt es jetzt dazu, daß die Ärmsten unter den Schwarzen, die einst zwei Drittel der Einwohner der Stadt stellten, nicht mehr nach New Orleans zurückkehren können, weil es zwar Jobs, aber keinen günstigen Wohnraum gibt und die Lebenshaltungskosten zudem deutlich höher sind als vor Katrina. Auch die Mordrate hat im Juli in absoluten Zahlen wieder Vorjahresniveau erreicht, obwohl derzeit nur etwa 210.000 statt wie früher 465.000 Einwohner in New Orleans leben.
Anders als im Lower Ninth Ward wird im weißen Mittelklasseviertel Lakeview weiter im Westen der Stadt, wo ebenfalls bis zu drei Meter Wasser in den Häusern stand, fleißig gewerkelt. Hier äußern 84 Prozent den Willen, in ihr Stadtviertel zurückzukehren, in vielen Vorgärten steht ein FEMA-Wohnmobil, daneben ein Schild mit der trotzigen Formel Wir kehren heim nach Lakeview. Auch hier wurde der gebrochene Deich repariert - notdürftig zwar, aber er soll jetzt stabiler sein als vor Katrina. Doch selbst das für die Deiche zuständige Ingenieurskorps gibt zu, daß das gut 560 Kilometer lange System von Deichen und Flutmauern trotz der Reparaturen und Verbesserungen verwundbar bleibt.
Bush: Besuch mit Übernachtung
Ob das Chaos des Wiederaufbaus kreativ ist oder schon Ausdruck einer verspielten Chance, ist umstritten. Klar ist, daß die Zahlungen der Versicherungen sowie die Milliarden von Dollar aus dem Wiederaufbaubudget des Bundes noch immer auf sich warten lassen, weil bis heute über die Modalitäten der Auszahlungen gestritten wird. Zwar hat die Stadt schon 40.000 Baugenehmigungen erteilt, doch von einem Bauboom ist nach Auskunft der Handelskammer noch nichts zu spüren.
Bleibt vorerst der Fremdenverkehr als Zugpferd für die Wirtschaft. 85 Prozent der Hotelkapazität stehen inzwischen wieder zur Verfügung. Doch die Zahl der Besucher reicht noch nicht aus; im Herbst werden zu Kongressen 85.000 Besucher erwartet, das soll endlich den erhofften Schub geben. An diesem Montag will Präsident George W. Bush nach New Orleans kommen - und auch in der Stadt übernachten. Weil seine Regierung zu langsam auf die Katastrophe reagierte, nahm das Bild des Präsidenten als entschlossenem Führer schweren Schaden. Wenigstens zum Jahrestag will der Präsident nicht zu spät kommen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.08.2006
Bildmaterial: AP, REUTERS
