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Hurrikane

Unter Dampf

29. August 2005 Als der tropische Wirbelsturm "Katrina" am Donnerstag die Atlantikküste Floridas heimsuchte, hatte er gerade eben den niedrigsten Wert "eins" auf jener fünfteiligen Skala erreicht, mit der die Stärke von Hurrikanen gemessen wird. Am Sonntag fegte er dagegen mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 280 Kilometern pro Stunde über den Golf von Mexiko hinweg. In seinem Auge herrschte dabei ein Luftdruck von nur 906 Hektopascal, mehr als 100 Hektopascal weniger als der Normaldruck auf Meeresniveau. Aus der scheinbar zahmen "Katrina" war ein Hurrikan der Kategorie "fünf" geworden - der stärkste Wirbelsturm, der je die unter dem Meeresspiegel liegende Stadt New Orleans bedrohte.

Wie konnte der Sturm auf seinem - verglichen mit der schon zurückgelegten Strecke durch den subtropischen Atlantik und die Karibik - recht kurzen Weg durch den Golf von Mexiko derart an Kraft gewinnen, daß nahezu die gesamte amerikanische Golfküste zwischen der Mississippi-Mündung und dem Pfannenstiel von Florida evakuiert werden mußte? Die eigentliche Energiequelle für einen Hurrikan ist die im Meerwasser gespeicherte Wärme. Je wärmer das Wasser ist, desto leichter kann es verdunsten. In einem Wirbelsturm steigt, ähnlich wie in einer Gewitterwolke, die bei der Verdunstung entstehende feucht-warme Luft nach oben. Da die Umgebungstemperatur aber mit zunehmender Höhe sinkt, kann ein Teil des in der Luft enthaltenen Wasserdampfes kondensieren. Da nach den Gesetzen der Physik Energie weder erzeugt noch vernichtet werden kann, wird bei der Kondensation Wärme frei - und zwar genau jene Menge, die ursprünglich nötig war, um das Wasser zu verdampfen.

„Latente Wärme“ treibt den Energiekreislauf an

Diese im Wasserdampf steckende "latente Wärme" heizt dann die tropisch feuchte Luft noch weiter auf. Als Folge kann sie in noch höhere Schichten der Atmosphäre steigen. Da dort die Umgebungstemperatur aber noch kälter ist als weiter unten, kann wiederum Wasserdampf kondensieren. Dabei wird abermals latente Wärme frei, welche die Luft weiter aufheizt. Dieser rasche Aufstieg der Luft hat zur Folge, daß der Luftdruck auf Meeresniveau zu sinken beginnt. Je niedriger aber der Luftdruck ist, desto mehr Meerwasser kann wiederum verdampfen. Warmes Wasser - die Temperatur muß dabei in den obersten Dutzend Metern des Meeres mindestens 26 Grad betragen - und niedriger Luftdruck führen also zu starker Verdampfung. Je mehr Wasser aber verdampft, desto mehr latente Wärme wird im Sturm frei, und die im Hurrikan steckende Energie wird größer.

In einem Hurrikan können pro Tag mehrere Millionen Kubikmeter Wasser kondensieren. In Form von latenter Wärme werden dabei täglich mehrere hundert Milliarden Kilowattstunden Energie umgesetzt - etwa soviel, wie alle Kraftwerke Deutschlands in einem Jahr produzieren. Über Land fehlen meist die feucht-warmen Luftmassen, der Sturm verliert schnell an Kraft. Das geschah am Donnerstag auch über der Halbinsel von Florida, die Katrina etwa auf der Höhe von Fort Lauderdale von Osten nach Westen überquerte. Kaum hatte der Sturm aber die um diese Jahreszeit bis zu 28 Grad warmen Gewässer des Golfes an der Westküste Floridas erreicht, konnte er sich an der im Wasser steckenden latenten Wärme kräftigen.

Massive Niederschläge, vorangetriebene Wasserwand

Die von dem Hurrikan für die Golfküste zwischen Louisiana und Florida ausgehende Gefahr steckt aber nicht nur in seinen orkanartigen Winden, die mit Geschwindigkeiten von mehr als 280 Kilometern pro Stunde wehen. Der Sturm treibt auch eine Wasserwand vor sich her, die an Land schlimme Zerstörungen anrichten kann. Bei Katrina ist sie nach vorläufigen Schätzungen mindestens neun Meter hoch - und damit fast so hoch wie der Tsunami, der vor acht Monaten entlang der Küste des nördlichen Indischen Ozeans größte Verwüstungen anrichtete. Die Wasserwand eines Hurrikans bricht aber nicht mit plötzlicher zerstörerischer Gewalt über ein Gebiet herein. Vielmehr steigt das Wasser mit dem herannahendem Zentrum des Wirbels allmählich und bleibt dann oft für Stunden auf hohem Niveau stehen. Dabei wird die Wasseroberfläche gleichzeitig vom Sturm gepeitscht.

Hinzu kommt, daß der in einem Hurrikan kondensierte Wasserdampf in massiven Niederschlägen ausregnet. Katrina enthält so viel Feuchtigkeit, daß im Einzugsgebiet des Sturmes in wenigen Stunden bis zu 40 Zentimeter Regen pro Quadratmeter fallen können. Zusammen mit der Wasserwand kann dieser Regen vor allem in den flachen Gebieten der Golfküste verheerende Folgen haben. Es ist also kein Wunder, daß Millionen Einwohner und Urlauber in den vergangenen 48 Stunden vor "Katrina" ins Inland flohen.



Text: hra. / F.A.Z., 30.08.2005, Nr. 201 / Seite 9
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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