Ölindustrie

Förderpumpen stoppen

Von Georg Küffner

23. September 2005 Wie viele der insgesamt 1600 im Golf von Mexiko existierenden Ölplattformen durch die vom Hurrikan „Katrina“ hervorgerufenen Flutwellen zerstört oder beschädigt wurden, ist noch immer nicht vollständig dokumentiert.

In amerikanischen Zeitungen war kurz nach dem Ende des Sturms von sechs „vertriebenen“ Plattformen zu lesen. Eine davon wurde spektakulär im seichten Wasser vor Mobile in Alabama angeschwemmt. Sie hatte sich mehrere Kilometer vor der Küste von ihrer Verankerung gerissen und hatte „schwimmend“ die Küste erreicht.

Daß trotz der hohen Wellen und der großen Windgeschwindigkeiten nicht noch mehr Ölplattformen weggespült wurden, liegt wesentlich daran, daß das Gros dieser Förderanlagen fest mit dem Meeresboden verbunden ist. Nur bei einem kleinen Teil handelt es sich um schwimmfähige Plattformen. Sie werden bei größeren Wassertiefen eingesetzt. Im Golf von Mexiko liegt die Grenze, von der an es wirtschaftlicher ist, schwimmendes Gerät einzusetzen, bei rund 80 Meter Wassertiefe.

Ölförderanlagen können gestoppt werden

Daß trotz der vergleichsweise wenigen Totalausfälle (neben den losgerissenen Anlagen soll rund ein Dutzend festgegründeter Förderanlagen stärker beschädigt worden sein) die Ölförderung im Golf von Mexiko durch „Katrina“ fast vollständig zum Erliegen gekommen ist, ist kein Widerspruch.

Denn anders als bei einem Hochofen, der etwa vor einem sich ankündigenden Erdbeben nicht kurzfristig abgeschaltet werden kann, können beim Heraufziehen eines schweren Unwetters die Ölförderanlagen gestoppt werden. Das ist in den schon weitgehend ausgebeuteten, küstennahen Fördergebieten des Golfs von Mexiko technisch auch keine größere Schwierigkeit, da hier das Öl und Gas nicht mehr durch Eigendruck aus der Erde quillt, sondern durch das Einpressen von Meerwasser gefördert werden muß. Die dazu erforderlichen Pumpen können kurzfristig angehalten werden.

Genau das hat man auch jetzt wieder getan. Die Förderpumpen wurden gestoppt. Angehalten hat man auch die auf den Plattformen für die Aufbereitung des Öl-, Gas-, Wassergemischs zuständigen Separierungsanlagen. Zudem wurden die Ventile geschlossen, die den Weg für das „vorgereinigte“ Öl und Gas durch das engmaschig auf dem Meeresboden verlegte Leitungsnetz in Richtung Festland freigeben können.

Keine starken Stürme in der Vergangenheit

Sehr viel mehr an Vorsorge kann man nach den Aussagen von Jürgen Kaiser von der Hamburger Impac Offshore Engineering GmbH zum Schutz einer Plattform nicht tun. Daß das Personal in einer Situation, wie sie jetzt vor der Küste Texas herrsche, rechtzeitig in Sicherheit gebracht werde, ist nach den Angaben Kaisers selbstverständlich.

Doch weist er auch darauf hin, daß die Ölförderanlagen im Golf von Mexiko die Hurrikane „Katrina“ und „Rita“ wohl alle weitgehend unbeschadet überstehen würden, wenn man sie so stabil wie die in der Nordsee vor den Küsten Norwegens und Schottlands arbeitenden Anlagen auslegen würde. Daß man das bislang nicht getan habe, liege auch daran, daß man trotz der jüngsten Unwetter in der Vergangenheit in dieser Region nicht mit sehr starken Stürmen und damit sehr hohem Wellengang habe rechnen müssen.



Text: F.A.Z., 24.09.2005, Nr. 223 / Seite 7
Bildmaterial: AP

 
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