Hurrikan-Schäden

Im Wettlauf mit tödlichen Winden

Von Karen Horn

26. September 2005 Die nächsten heißen "Stan", "Tammy", "Vince" und "Wilma"; 2006 kommen dann "Chris" und "Debby", "Florence" und "Gordon". Im Jahr 2007 wird auch "Karen" dabeisein. Die Rede ist nicht etwa von Redakteuren dieser Zeitung - sondern von den nächsten Hurrikans an der Ostküste der Vereinigten Staaten.

Jetzt, wo alle Welt, unmittelbar betroffen oder nicht, noch unter dem Schock der verheerenden Kraft des Wirbelsturms "Katrina" steht und vor den Auswirkungen der nicht minder mächtigen "Rita" zittert, mag man sich fragen, wie angemessen diese Namensvergabe wohl ist. Die Tradition stammt aus den fünfziger Jahren, damals grüßten Soldaten so ihre fernen Freundinnen. Heute übernimmt das "World Meteorological Organziation's Region 4 Hurricane Committee" für jeweils 6 Jahre die - mittlerweile politisch korrekt um Männernamen erweiterte - Benennung. Der Hurrikan, ein menschliches Wesen?

„Katrina“ besonders tödlich und teuer - dahinter steckt ein Trend

"Katrina" gilt nicht nur als besonders tödlicher Wirbelsturm - die Zahl der Todesopfer liegt nach vorläufigen Schätzungen bei etwa 1000. "Katrina" gilt auch als der teuerste Wirbelsturm, den die Welt je erlebt hat. Der Sachschaden wird derzeit auf 100 bis 200 Milliarden Dollar taxiert. Und dahinter steckt ein Trend. Schon die kumulierten Hurrikan-Schäden der Jahre 1990 bis 1995 ergaben eine Summe, welche die Schadensbilanz der siebziger und achtziger Jahre zusammengerechnet überstieg.

Wie kommt das eigentlich, daß Hurrikans immer größere Schäden verursachen? Werden sie etwa tatsächlich häufiger, wie es einem vorkommen mag? Wird ihre Wucht immer schlimmer? Weit gefehlt, schreibt Daniel Sutter, der an der University of Oklahoma Wirtschaftswissenschaften lehrt und schon lange die ökonomischen Aspekte des Wetters erforscht, in einem gemeinsamen Arbeitspapier mit Nicole Cornell Sadowski. Vielmehr habe der wachsende Schaden damit zu tun, daß entlang der hurrikangefährdeten Küsten immer mehr Menschen lebten - und zwar insgesamt in wachsendem Wohlstand. Dem erschreckenden Schlaglicht, das "Katrina" auf die Zahl der Armen in New Orleans geworfen hat, widerspricht dieser Befund nicht.

Psychologische Erklärungsversuche von Ökonomen

Während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts sind mehr Menschen in die Küstenregionen gezogen als in den Rest des Landes. Sutter und Sadowski zitieren Studien, die zeigen, daß die um die Auswirkungen von Bevölkerungswachstum und Wohlstandszuwachs bereinigten Hurrikanschäden über die Zeit etwa gleich geblieben sind.

Doch warum ziehen immer mehr Menschen in die Küstenregion, wenn diese gefährlich ist? Wissenschaftler haben eine psychologische Erklärung zur Hand: Menschen verhalten sich in ihren Entscheidungen oftmals gerade dann nicht vollkommen rational, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses minimal, dessen Folgen jedoch verheerend sind. Sie blenden das Risiko einfach aus. Ein anderer Erklärungsansatz indes liegt darin, daß die an sich rationalen privaten Entscheidungen durch staatliche Eingriffe verzerrt werden: durch subventionierte Versicherungen, die den einzelnen das Ausmaß des Risikos nicht erfassen lassen, durch Notfallhilfe und steuerfinanzierte Wiederaufbaumaßnahmen.

Der technische Fortschritt als Ursache

Sutter und Sadowski halten diese Erklärungen für plausibel, haben aber noch eine andere, in all ihrer Vordergründigkeit häufig übersehene Erkenntnis parat: Auch der technische Fortschritt ist eine Ursache. Verbesserte Hurrikan-Früherkennung, breite öffentliche Warnungen, organisierte Evakuierungen, eine gute technische Ausstattung der Hilfstruppen - all das senke die Wahrscheinlichkeit, daß die Bürger im Hurrikan das Leben lassen müßten. Zwar ist die Zahl der Todesopfer von "Katrina" auch so grauenerregend hoch. Zwar hat die praktische Anwendung des technischen Fortschritts in New Orleans erheblich zu wünschen übriggelassen, wie das fatale organisatorische Chaos dort bewies. Und doch - ganz ohne Früherkennung, ohne die Warnungen und Evakuierungsappelle, ohne jegliche noch so schlecht koordinierten Hilfsversuche wären wohl noch viel mehr Menschen ums Leben gekommen.

Und so zynisch es klingen mag - Sutter und Sadowski weisen auf den Zusammenhang hin, daß Menschen, je geringer diese existentielle Gefahr ist, um so eher bereit sind, Hab und Gut aufs Spiel zu setzen. Man kann es auch umgekehrt ausdrücken: Wer um Leib und Leben fürchtet, riskiert auch nicht Haus und Hof; denn wer sich seines nackten Überlebens in einer hurrikangefährdeten Gegend nicht sicher ist, zieht dort nicht hin und baut auch kein Haus. Wenn die möglichen materiellen Schäden jedoch durch den technischen Fortschritt gemildert werden, fällt eine Hürde weg, die Risikobereitschaft wächst, der Verdrängungsreflex erstarkt. Sutter und Sadowski testen ihre Hypothese ökonometrisch - und finden sie bestätigt.

Doch ist diese Entwicklung nun schädlich oder nicht? Sutter und Sadowski äußern sich klipp und klar: Wenn die Menschen eigenverantwortlich entscheiden, in die von Hurrikanen gefährdeten Gebiete zu ziehen und allfällige Schäden selbst tragen, dann kann das für die Gesellschaft als Ganzes nicht verkehrt sein, selbst wenn die Schadenssummen stetig steigen. Aber wenn der Staat die Ansiedlung in Küstenregionen fördert, senkt er die Wohlfahrt. Zumal er den Wettlauf mit dem Hurrikan nie gewinnen kann.

Nicole Cornell Sadowski/Daniel Sutter: Hurricane Fatalities and Hurricane Damages. Are Safer Hurricanes More Damaging? http://www.ou.edu/cas/econ/Sutter/hurricanes.pdf



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.09.2005, Nr. 38 / Seite 36
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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