Von Jordan Mejias, New York
24. September 2005 Um genau zweiundzwanzig Uhr sieben ist Jonathan Franzen dort angelangt, wo die Nachrichtensendungen seit Stunden sind. Es ist eine sehr bedrohte Küste, sagt er. Und dem ironischen Grundton getreu, der fast seinen gesamten Auftritt begleitet, nuschelt er noch etwas von einer Anstrengung um Aktualität ins Mikrophon. Dann setzt er seine Lesung fort.
Die Aktualität, das ist der Hurrikan Rita, die zweite Verwüstung der Golfküste innerhalb weniger Tage, die panische Flucht von Millionen von Menschen. Von dieser Aktualität aber weiß Franzens Geschichte, die sich zwischen Fakt und Fiktion ihre eigene Welt zusammenbastelt, noch nichts. Sie spielt gestern am Unglücksort von heute, im südlichen Texas, wohin der Stadtmensch sich auf der Suche nach Natur, insbesondere Natur der gefiederten Art, in ein Naturschutzgebiet begeben hat. Nicht weit vom Rio Grande entfernt. Die humoristische Schilderung der für ihn ungewohnten Vogelbeobachtung ist eingebettet in nicht immer ganz ernste Meditationen über klimatisch verursachte Kataklysmen, ökologisches Bewußtsein und Al Gores Amerika, das dabei ist, sich in eine Wüste zu verwandeln.
Zurückgekehrt in die urbane Wildnis, umfangen das erzählende Ich nicht nur Beziehungsprobleme, sondern auch sein neu sensibilisiertes Umweltgewissen läßt es nicht ruhen. Aber nicht bloß, weil es in New York vom zehnten Stockwerk aus einigermaßen gelassen auf die steigenden Ozeane blicken kann, macht ihm das Inferno aus den Schlagzeilen wenig Angst. Das wirkliche Desaster für den behaglich lebenden New Yorker besteht im Los der Vögel. Das war mein Vogelproblem, liest Franzen, und ob da noch ein ironischer Rest mitschwingt, muß der Zuhörer für sich selbst entscheiden.
Flut und Flucht
Es läge nun nahe, angesichts einer Katastrophe, die sich zu verdoppeln droht, von einem argen Fauxpas des Dichters zu reden. Wenn zwei, drei Millionen Menschen um ihr Leben rennen, wenn Amerikaner im eigenen Land von Landsleuten als Flüchtlingen sprechen und auf den Highways sich Trecks stauen, wie sie sonst nur von Weltkriegen in Bewegung gesetzt wurden, hätte die Geschichte mit dem Vogelproblem vielleicht eine kleine Pause verdient. Aber Franzen hat doch richtig gehandelt und vorgelesen. Die Nachrichtenbänder, die zur gleichen Zeit über dem Times Square laufen und von der Höhe der Sturmflut, von der erwarteten Regenmenge und den geschätzten sechzehn Stunden berichten, die der Hurrikan toben soll, sind allenfalls für ein paar verwunderte Blicke gut. Erst das Vogelproblem verursacht den Aufruhr tief im Innern. Bei Katrina waren es die Alten, die, in ihren Krankenbetten dem Tod preisgegeben, das kollektive Bewußtsein aufwühlten. Ob Rita sich mit dem Bus begnügt, in dem achtunddreißig aus einem Altenheim evakuierte Menschen verbrannten, werden die nächsten Tage offenbaren.
Das Publikum lauscht an einem Abend, der Unzählige ins Unglück stürzt, einem sich als Stand-up-Comedian wiedererfindenden Schriftsteller. Ist er, ist es darum als roh und gefühllos zu schelten? Nach den Bildern aus dem Superdome, Bildern von bewußtlosen Greisen in Rollstühlen und in der Dreckbrühe treibenden Leichen hat die Nation kaum mehr Gelegenheit, die Wirklichkeit gegen den Traum von ihr einzutauschen. In mancher Hinsicht sitzt der Schock der Naturkatastrophe tiefer als der des mißglückten Krieges, der trotz aller live übertragenen Schrecken immer noch auf Distanz zu halten ist.
New Orleans, Galveston und Houston liegen nun aber nicht im Ungefähr eines weit entfernen Kontinents. Die beiden Hurrikans konfrontieren Amerika direkt und gnadenlos mit sich selbst und seinen Mängeln. Die versucht der Präsident inzwischen, in alterprobter Manier, in Vorzüge umzuwandeln. Nichts aber wirkt derzeit lächerlicher als die Regieanweisungen aus dem alten Drehbuch der Washingtoner Politik.
Krise und Krieg
Katrina, schreibt Paul Krugman in der New York Times, war ein Schlag für das Selbstverständnis der Nation. Krugman fühlt sich schon an die späten siebziger Jahre erinnert, als eine zweistellige Inflationsrate, Schlangen vor Tankstellen und das Geiseldrama in Iran das Land in tiefe Selbstzweifel stürzten. Selbst ein Hurrikan von der Gewalt Katrinas vermag eine solche Krise erst auszulösen, wenn es die Umstände erlauben. Katrina, ein im Chaos versinkender Krieg, der auch ohne das Stichwort Vietnam nur Ausweglosigkeit in Aussicht stellt, und der vierte Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September haben sich nunmehr gegenseitig verstärkt und durch ihre zeitliche Kollision Amerika im Innern und nach außen arg ramponiert. Rita könnte die Katastrophe an der Golfküste und im ganzen Land noch einmal zuspitzen. Oder auch überwinden helfen.
Um daran zu glauben, braucht es nicht die unfehlbare Gewißheit des Präsidenten, der Amerika regelmäßig voraussagt, aus der jeweils anstehenden Prüfung gestärkt hervorzugehen. Und das Jauchzen eines Fernsehmoderators, der Bush im Glück sieht, weil er die Chance bekommen habe, in seiner ersten Amtszeit die außeramerikanische Welt aufzuräumen und in seiner zweiten die Heimat endlich in Ordnung zu bringen, ist auch für inneramerikanische Verhältnisse skandalös. Aber die Selbsterneuerungskraft Amerikas war noch nie zu unterschätzen.
Die Hürden, die das Land diesmal zu überwinden hat, sind jedoch enorm und zudem weitaus älter als die Naturkatastrophen und der Krieg zusammengenommen. Katrina und Rita haben sie nur zurück ins Bewußtsein der Nation und der Welt gefegt. Um steigende Armut, ethnische Diskriminierung und soziale Demontagen wollte sich in den vergangenen Jahren des hyperindividualistischen, von einer republikanischen Regierung rabiat verschärften Turbokapitalismus keiner kümmern. Sollten die Umfragen recht behalten, bewegt sich das Pendel der nationalen Verantwortlichkeit bereits in die entgegengesetzte Richtung.
Rita wird auch darüber Aufschluß geben. Später, wenn über der Golfküste wieder die Sonne scheint, die Opfer geborgen, die Reportagen gesendet und geschrieben sind. Gut fünf Stunden, nachdem Franzen seine Geschichte erzählt hat, prallt Rita aufs Festland, nahe der Grenze zwischen Texas und Louisiana, wie es die Meteorologen errechnet haben. Was das Nachrichtenband vom Times Square prophezeit hat, wird wahr. Windgeschwindigkeiten von zweihundert Kilometern pro Stunde. Zwei Meter Regen. Eine sechs Meter hohe Wasserwand, die der Sturm nach Augenzeugenberichten vor sich her schob. Im texanischen Beaumont gingen die Fenster auch im regionalen Hauptquartier des Katastrophenschutzes zu Bruch. Eine Viertelmillion Menschen sitzt ohne Strom in ihren Häusern, wenn sie denn überhaupt daheim geblieben und nicht auf einem Highway in den Norden gestrandet sind. Wie es in Franzens Naturschutzgebiet aussieht, ist derzeit keine Frage, die den Rettungskolonnen auf den Nägeln brennt.
Die ganze Nacht hindurch berichten die Nachrichtensender live von der Sturmfront. Selbst die sorgfältig inszenierten Bilder von malerisch zerzausten und durchnäßten Reportern haben sich eine rohe Kraft bewahrt. Wie immer fiebern sie alle mit ihren Zuschauern dem landfall, der Landung, der Erdung des Hurrikans entgegen. Als wäre so die Sache gelaufen. Inzwischen weiß doch jeder, daß dann die schlimmsten Stunden, Tage, Wochen und Monate noch bevorstehen. Katrina hat vorgeführt, wie langsam und wie fürchterlich träge sich die Katastrophe enthüllen kann. Und Rita scheint der Vorgängerin auch darin nachzueifern. Wie so oft bei einem Hurrikan sind Sturmböen die größten Angstmacher. Für die größten Verwüstungen und Zerstörungen aber sind Regen und Flutwellen verantwortlich. Nach New Orleans braucht das niemandem mehr erklärt zu werden.
Bilder und Böen
Rita aber hat es nicht eilig, soll nun die Gegend gleich mehrere Tage lang mit Wolkenbrüchen versorgen und, wenn die unheilvollen Prognosen eintreffen, weite Küstenstriche von Texas und Louisiana unter Wasser setzen. Fünf Meter hohe Sturmfluten stehen bevor. Wieder steigt in New Orleans das Wasser, wieder dringen über einen jetzt notdürftig reparierten Deich hinweg Wassermassen in den tiefliegenden Ninth Ward, eines der ärmsten, also auch schwärzesten Stadtviertel. Galveston, um die vorletzte Jahrhundertwende von einem legendenumwobenen Hurrikan buchstäblich hinweggeblasen, soll glimpflich davongekommen sein. Dafür hat sich Rita die petrochemische Industrielandschaft um Beaumont und Port Arthur für ihr Zerstörungswerk ausgesucht. Wer das heute nicht vor dem Fernseher erfährt, wird es morgen an der Tankstelle zu spüren bekommen.
Der Präsident hat zur Abwechslung auf kluge Berater gehört und die Imagepflege vor Ort auf später verschoben. Mit seinem Flugzeuggeschwader und seinen Geländewagenkonvois, heißt es, will er den Rettungsmannschaften nicht in die Quere kommen. Von Colorado aus, wo der Katastrophenschutz über Nordamerika wacht, beobachtet er die Entwicklungen im tiefen Süden des Landes. Die gesamte amerikanische Bürokratie scheint im Einsatz oder ihm zuzuarbeiten. Über den Erfolg der Rettungsaktionen wird jedoch nicht zuletzt das weitere Verhalten von Rita bestimmen. Einige Szenen, die heute morgen über die Bildschirme flimmern, wirken wie Remakes der Fernsehgroßproduktion Katrina. Port Arthur und Lake Charles haben sich in Geisterstädte verwandelt, weiter im Norden erinnern Notlager an Flüchtlingscamps in fernen Ländern, an ferne Kriege aus fernen Zeiten. Manchmal will es tatsächlich so aussehen, als könne nur die Not Amerika mit dem Rest der Welt vereinen.
Trecks und Tankstellen
Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit muß das Land erfahren, wie menschliche Technik und Erfindungskraft an ihre Grenzen stoßen. Das todbringende Schauspiel ist eine Lektion, die sich in aller Öffentlichkeit abspielt und der sich die Öffentlichkeit, selbst wenn sie es wollte, nicht verweigern kann. Glücklich der Dichter, der im klimatisierten Trockenen seine eigenen Bilder malt. Bei Franzen bleibt der Hurrikan privatisiert. Der letzte Satz, den er gestern abend vorlas, und zwar ohne jegliche ironische Einfärbung, heißt: Mein kleiner Planet war ruiniert. Noch ist das nicht aufs große amerikanische Ganze zu übertragen. Noch tobt Rita.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 24. September 2005.
Bildmaterial: REUTERS
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