Thailand nach der Flut

Vermißt, verwüstet, verloren

Von Christoph Hein, Thailand

Der Hotel-Ausweis wird bei der Identifikation der verschnürten Leiche helfen

Der Hotel-Ausweis wird bei der Identifikation der verschnürten Leiche helfen

30. Dezember 2004 Helga Glasberg hat eine Brille geschenkt bekommen. Ihre eigene hat ihr die Welle am Sonntag morgen am Strand von Patong entrissen. "Man ist ja verrückt, aber als ich nach zwei Tagen wieder sehen konnte, fühlte ich mich wie neugeboren", sagt die 74 Jahre alte Frau. Am Mittwoch morgen sitzt sie mit einem eingegipsten Bein im Flughafen von Phuket und wartet auf den Heimflug nach Frankfurt. "Ich wollte ja bleiben, meinen Mann suchen. Aber die deutsche Botschaft hat mich mit aller Macht nach Hause geschickt. Sie werden ihn finden, wenn er lebt, haben sie gesagt."

Seit Sonntag morgen um zehn Uhr ist er verschwunden. Damals riß die Welle nach dem Erdbeben auch an Thailands Stränden alles mit sich, was nicht aus Beton gegossen war. Seitdem werden Tausende Menschen vermißt, auch Tausende ausländische Urlauber.

Wer hier sitzt, hat noch Glück gehabt

Jeder, der am Mittwoch in dem Gedränge auf dem Flughafen Phuket sitzt, hockt oder steht, hat - so zynisch das klingen mag - noch Glück gehabt. Denn er konnte zumindest sein nacktes Leben retten. Und wird entweder von den Reiseveranstaltern oder von einem herbeigesehnten, aber erst am Mittwoch gelandeten Sonderflugzeug der Bundeswehr nach Hause geflogen werden. Viele aber bleiben zurück: Unter den 1574 Toten, die das thailändische Innenministerium bis Mittwoch abend zählt, sollen 473 Ausländer sein. Von denen wiederum stammen nach diesen Angaben 49 aus Deutschland. Etwa 600 Deutsche aber gelten allein in Thailand als vermißt.

Die Hoffnung, auch jetzt noch viele von ihnen zu finden, ist nicht aussichtslos, denn viele Familien haben sich einfach verloren. Aber sie schwindet von Stunde zu Stunde. Denn seit Dienstag haben die Rettungsmannschaften auch das Feriengebiet entlang der fast 30 Kilometer langen Strandstraße von Khao Lak erreicht. Und seit Dienstag haben sie dort Sammelpunkte eingerichtet, durchkämmen Soldaten und Helfer die Strände, Ruinen und das Gebüsch - Lebende aber finden sie kaum noch.

Die Leichen sind häufig unkenntlich

Dafür wirft das Meer immer mehr Leichen zurück an den Strand. Die meisten tragen nur Badekleidung, sind zerschunden, zerschmettert und - nach drei Tagen in tropischen Temperaturen - schon fast unkenntlich. Da die Gefahr von Seuchen zunimmt, wird immer wieder darüber gesprochen, die Toten schnell zu verbrennen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Haarproben müssen für spätere Abgleichtests entnommen werden, jeder Körper soll fotografiert werden. Die Praxis sah am Dienstag noch anders aus: Da wurden die Toten auf Lastwagen geworfen, vor einem Tempel gelagert, stundenlang am Strand notdürftig bedeckt liegengelassen.

Botschaftsmitarbeiter, freiwillige deutsche Helfer, meist aus Bangkok, Entsandte der Touristikunternehmen, aber auch Opfer, die ihre Verwandte vermissen, durchsuchten auf eigene Faust die kleinen Kliniken und Sammelstätten entlang der Küste. Die Listen aber, die man ihnen dort zeigte, waren meist nutzlos, da vollkommen unabgestimmt geführt, mit doppelten Namen, ohne auch nur ein Foto.

Und was ist auf den vorgelagerten Inseln geschehen?

Schnell wurde klar: Khao Lak, wo allein im Sofitel Magic Lagoon etwa 200 deutsche Urlauber vermißt werden, ist nicht Phuket. Eine Ordnung des Katastrophenschutzes, eine geregelte Bergung kann und wird es hier nicht geben. Khao Lak ist ein Traumstrand besonders für Familien gewesen - keine Prostituierten, keine Barmeilen. Das aber ist es deshalb, weil es ein Stück abseits der Zivilisation liegt. Es besitzt den Charme des Entwicklungslandes - aber eben auch seine Risiken.

Gleiches gilt erst recht für die thailändischen Inseln: Niemand weiß, wie viele Tote es auf den vorgelagerten Eilanden gegeben hat. Es ist das besondere Vergnügen der Rucksackreisenden, sich ein Boot zu mieten und von Trauminsel zu Trauminsel zu fahren. Aber werden sie zurückkommen? Ein Radiosender in Phuket suchte am Dienstag Freiwillige für den Abtransport von 400 Opfern, die endlich mit einem Boot von Ko Phi Phi Island nach Phuket gebracht worden waren. Dort hat die Welle von den Hüttendörfern und Strandbungalows nicht viel stehenlassen.

Seit drei Tagen nichts gegessen

Doch selbst im Hafenstädtchen Phuket ist die Lage noch schwierig: Die Krankenhäuser sind voll. Auch Kinder, die ihre Eltern vermissen, liegen hier. Im Rathaus von Phuket gibt es zwar eine Notfallzentrale, doch viel mehr als die Aufnahme von Personalien ist hier nicht möglich. Das wichtigste für diejenigen, die suchend umherirren: die lange Reihe von Fotos der Toten, die Listen mit Namen der Geretteten in den Krankenhäusern. "Immer wieder komme ich hierher, immer wieder hoffe ich. Bis jetzt aber war noch nichts", sagt ein Deutscher, der seine Frau sucht.

Hier kamen am Dienstag - dem dritten Tag der Katastrophe - immer noch Menschen an, die seit der Welle nichts gegessen hatten. Wenigstens gibt es hier Bananen, süßen Kuchen, Pizza. Studenten der technischen Hochschule übersetzen die gängigen Sprachen. Keiner der Urlauber läßt etwas auf die Thailänder kommen: Zwar sei die Hilfe schlecht organisiert. Doch täten die Menschen, was immer in ihrer Macht stehe.

Einheimische helfen den Touristen

Noch die Ärmsten teilten am Sonntag, als alle sich aus Angst vor weiteren Wellen auf die Hügel geflüchtet hatten, ihre Mahlzeiten mit den aus ihrer Sicht reichen Urlaubern aus dem Westen. Der Schneider Narinda Singh Khanijou, der bis Sonntag an Phukets Tourismusstraße in einem Tag billige Anzüge für die Gäste aus Europa zusammennähte, ist zuversichtlich: "Die restliche Saison fällt aus. Aber im Herbst ist alles wieder aufgebaut, dann kommen die Gäste zurück." Ob er recht behält, ist offen.

Zwar haben die Katastrophen der vergangenen Jahre, die Geflügelpest und die Bomben in Bali, den Reiseverkehr stark beeinträchtigt oder wie im Falle der Lungenkrankheit Sars ganz zum Erliegen gebracht. Fachleute aber zeigen sich sicher, daß eine einmalige Naturkatastrophe wie ein Tsunami Reisepläne weniger lang beeinträchtigt als etwa Seuchen oder Anschläge. Und doch weiß niemand genau, wie lange die apokalyptischen Bilder aus Phuket haftenbleiben.

Reisen bis auf weiteres abgesagt

Der Reiseveranstalter TUI hat gerade bis Ende Januar alle Reisen nach Phuket abgesagt. Würden Touristen auch in der nächsten Saison beliebte Ziele wie Sri Lanka oder Thailand meiden, wäre das die zweite Katastrophe: In Thailand trägt das Geschäft mit den Gästen sechs Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Schon rechnet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag damit, daß sich Thailands Wachstum aufgrund der Katastrophe im kommenden Jahr um einen halben Prozentpunkt auf fünf Prozent verringern werde. Dabei muß dem thailändischen Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra auch politisch an schneller Hilfe gelegen sein: Er stellt sich Anfang Februar zur Wiederwahl und will sich ein weiteres Mal als Macher darstellen.

Das kann der ganz überwiegenden Zahl der Opfer nur zugute kommen. Denn bislang stehen die Urlauber im Mittelpunkt der Berichterstattung. Dagegen verblassen die Schicksale der Hotelangestellten, der Ladenbesitzer an den Uferpromenaden, der Fischer, die Schicksale der Ärmsten der Armen, die in Hütten am Strand wohnten. Die thailändischen Familien entlang der Küste beklagen noch ungezählte Tote. Die Verletzten können sich bestenfalls nur die örtlichen Krankenhäuser leisten und nicht das Ausländerhospital in Phuket.

Und diejenigen, die sich retten konnten, stehen vor dem Nichts: Mehr als ein Dutzend internationaler Hotels wurde allein in Khao Lak vernichtet - und damit Arbeitsplätze. Die Läden dort wird auf Jahre kein Tourist mehr besuchen, denn es wird keiner mehr hier Urlaub machen. Die Fischer haben ihre Boote und damit ihre Lebensgrundlage verloren. Tausende toter Tiere treiben in den Tümpeln und Flüssen, sie werden das Wasser verseuchen. Die Schreckensbilder werden in ein paar Wochen von neuen Nachrichten verdrängt werden. Die Asiaten aber werden noch lange mit den Nachbeben zu ringen haben.

Bisher stehen die Urlauber im Mittelpunkt der Berichterstattung. Dagegen verblassen die Schicksale der Einheimischen. Die thailändischen Familien entlang der Küste beklagen noch ungezählte Tote.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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