29. Dezember 2004 Mit am härtesten getroffen von der Flutwelle ist Indien. Nach Berichten indischer Zeitungen vom Mittwoch haben die Behörden in Teilen des Bundesstaates Tamil Nadu den Versuch aufgegeben, die Opfer zu zählen. Vielmehr seien sie dazu übergegangen, die Toten so schnell wie möglich in Massengräbern zu beerdigen, um der Seuchengefahr vorzubeugen.
In dem am stärksten zerstörten Bezirk sind nach einer Meldung der Nachrichtenagentur PTI bis zum Mittwoch 4.900 Opfer begraben worden. Das Rote Kreuz begann mit einer großangelegten Impfaktion gegen Cholera. Insgesamt sprach die Agentur bis Mittwoch im Gebiet von Tamil Nadu von 7.000 Todesopfern.
Schnelle Hilfe versprochen
Ministerpräsident Manmohan Singh wollte noch am Mittwoch eine Reise in die betroffenen Bundesstaaten und Territorien unternehmen. Bis Silvester will sich der Regierungschef einen Überblick über das Ausmaß der Katastrophe und die Rettungsmaßnahmen verschaffen. Die Präsidentin der regierenden Kongreßpartei, Sonia Gandhi, war schon kurz nach der Katastrophe nach Tamil Nadu gereist. In Gesprächen mit Fischern, die ihre Boote und damit ihre Lebensgrundlage verloren hatten, sicherte sie den Opfern schnelle Hilfe durch die Zentralregierung zu.
Auch der Bundesstaat Kerala an der Westküste wurde von der Flutwelle erfaßt. Hier meldete die Regionalregierung mehr als 150 Tote. Zwei von den Wellen zerstörte Dörfer sollten schnell wiederaufgebaut werden. Chefminister (Ministerpräsident) Oommen Chandy ordnete die Ausgabe einer Lebensmittel-Monatsration an alle betroffenen Familien an.
Ratlosigkeit
Die Behörden versicherten unterdessen, daß das in der Nähe von Madras gelegene Atomkraftwerk "vollkommen sicher" sei. Es bestehe nicht die Gefahr, daß Radioaktivität austrete. Reporter der Zeitung "The Hindu" berichteten, daß die Flutwelle eine Sicherheitsmauer um das Kraftwerk zerstört habe, daß aber nach Augenschein sonst alles normal sei. Gleichwohl wurde einer der beiden Reaktoren des Kraftwerks heruntergefahren. Die Betreiber erklärten das mit dem plötzlich steigenden Wasserspiegel während der Flutwelle. Sensoren im Kühlsystem des Reaktors hätten eine automatische Abschaltung in Gang gesetzt.
Die Sorge der Zentralregierung konzentrierte sich am Mittwoch mehr und mehr auf die Andamanen und Nikobaren. Auf einer Insel sollen zwei Drittel der Bevölkerung ums Leben gekommen sein. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters sind zwanzig Prozent der Einwohner der Nikobaren entweder tot oder verletzt oder werden vermißt. Genaue Informationen gibt es aber immer noch nicht, weil die 535 Inseln (offiziell sind 38 davon bewohnt, aber angeblich leben auch auf vielen kleineren Inseln Menschen) schon in normalen Zeiten ein ziemlich isoliertes Dasein fristen.
Das von der Polizei betriebene Funknetz, normalerweise das Rückgrat der Kommunikation mit und zwischen den Inseln, ist zusammengebrochen. Die Ratlosigkeit brachte die Zeitung "Indian Express" am Mittwoch auf den Punkt: "Suchen Sie sich eine Opferzahl aus", schrieb das Blatt. Die auf den Inseln stationierten Einheiten der Armee, die eigentlich helfen sollten, waren zunächst vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ihre Basis wurde auch überflutet. Etwa 100 Soldaten sollen ums Leben gekommen sein.
Text: pes., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 16
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