30. Dezember 2004 Ihr Einsatz ist alles andere als einfach - deshalb haben sie sich alle freiwillig gemeldet. Mehr als hundert Mitarbeiter des Bundeskriminalamts bilden zusammen eine Identifizierungskommission, die behördenintern IDKO genannt wird. Im Bedarfsfall kann sie um rund dreißig Personen von außen ergänzt werden, um Gerichtsmediziner, Zahnärzte oder Obduktionsassistenten.
Schon am Montag hatte das Bundeskriminalamt in Wiesbaden vier von ihnen nach Thailand geschickt - zur Identifizierung von Opfern der Flutkatastrophe, vor allem der zahlreichen deutschen. Am Mittwoch brach ein weiteres Team von 27 Kollegen nach Südostasien auf. Die Truppe ist erfahren, ihre Arbeitsweise und Organisation haben sich andere Staaten zum Vorbild genommen.
Schon einmal in Thailand
Es begann 1972, als über Teneriffa ein Flugzeug abstürzte und 155 Menschen den Tod fanden. Seitdem ist die IDKO mehr als zwei dutzendmal zu ihren traurigen Einsätzen ausgerückt. Nicht immer ging es ins Ausland. Als zum Beispiel der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" am 3. Juni 1998 in Eschede entgleiste, konnten die Beamten jene 96 (von insgesamt 101) Toten identifizieren, die von ihrer Angehörigen zuvor nicht mehr erkannt worden waren. Auch beim Flugzeugabsturz am Bodensee bei Überlingen im Juli 2002 oder bei den Busunfällen im ungarischen Siofok und dem französischen Lyon im Mai 2003 leisteten die BKA-Fachleute wertvolle Hilfe.
Schon einmal wurde die IDKO nach Thailand gerufen, als es 1991 darum ging, die Absturzopfer der Maschine der Lauda Air zu identifizieren. Beim Bundeskriminalamt ist man durchaus stolz: Seit ihrer Gründung hat die Truppe weit mehr als tausend Opfer untersucht - und die meisten davon identifiziert.
Suche nach besonderen Merkmalen am und im Körper
Die Arbeit der Experten gleicht dem Zusammensetzen eines umfangreichen Puzzles: Nur selten haben die Opfer Papiere dabei, Ausweise, Fotos, Unterlagen. Wer trägt schon seinen Paß bei sich in der Badehose? Darum werden von den Toten zuerst Fingerabdrücke genommen und Schmuck- und Kleidungsstücke genau aufgelistet, falls sie vorhanden sind. Dann suchen die Fachleute nach besonderen Merkmalen - "am und im Körper", wie es bei der Behörde heißt. Narben und Tätowierungen können Hinweise geben. Der Zahnstatus wird festgestellt. Falls erforderlich, wird Gewebe für eine DNA-Analyse entnommen.
Bei dem Unglück von Eschede etwa wurden die meisten Identifizierungen über den Vergleich der Zahnschemata und der Fingerabdrücke vorgenommen. Nur in einem Fall mußte eine DNA-Analyse gemacht werden. Beim Absturz der Concorde im Juli 2000 sollen mehrere Passagiere sogar aufgrund der Nummer ihres Herzschrittmachers identifiziert worden sein. Bei der Brandkatastrophe in Kaprun hingegen waren wohl oft sogar die Zähne der Toten zerstört, so daß viele DNA-Analysen gemacht werden mußten. Dazu reichen dann geringe Mengen an organischem Material - wie man es etwa an Kämmen oder Zahnbürsten finden kann.
Emotionale und versicherungsrechtliche Fragen
Die Befunderhebung erfordert viel Akribie. So können die ausgebildeten Kriminalisten die Person schließlich ausführlich beschreiben. Ist das geschehen, kann man die Informationen vergleichen: Parallel zu den Untersuchungen am Unglücksort werden nämlich beim Bundeskriminalamt Unterlagen über die Opfer gesammelt. Die Behörden in Deutschland arbeiten eng zusammen: Angehörige, die einen Verwandten in Asien suchen und Sorge haben, können sich an das Auswärtige Amt, den DRK-Suchdienst oder ihre örtliche Polizeidienststelle wenden. Im "Meldekopf" der zentralen Informationsstelle in Wiesbaden werden die Befunde dann verglichen. Die schnelle namentliche Zuordnung ist für die Angehörigen nicht nur emotional eine Erleichterung - sondern oft in versicherungsrechtlichen Fragen wichtig.
Text: hoi., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 15
Bildmaterial: AP
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