Von Jochen Buchsteiner, Seminyak
29. Dezember 2004 Mehr als 120 Jahre gedachten die Indonesier des Krakatau-Ausbruchs als der schlimmsten Naturkatastrophe aller Zeiten. Nun ist sie in den Schatten gestellt.
Am Mittwoch bezifferte der indonesische Vizepräsident Jusuf Kalla die Zahl der indonesischen Todesopfer bei der Seebebenkatastrophe auf 50.000 - das sind 14.000 mehr als im Unglücksjahr 1883. Es handelt sich noch immer um Zahlen auf einer nach oben offenen Skala.
Auf dem Landweg kein Durchkommen
Von der Westküste der Provinz Aceh, die nur 150 Kilometer vom Epizentrum entfernt liegt, existieren bislang nur militärische Luftaufnahmen. Die "Jakarta Post" druckte am Mittwoch ein Bild von der Stadt Meulaboh, man muß wohl sagen von der ehemaligen Stadt. Höchstens ein Viertel Meulabohs, sagte der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono nach einem Überflug, sei noch vorhanden. Der Verwalter von West-Aceh, Syahmuddin, fürchtet, daß jeder vierte Bürger der Stadt mit 40.000 Einwohnern das Unglück nicht überlebt hat.
Einem Polizeibeamten der Stadt gelang es, eine E-Mail zu versenden. Darin beschrieb er, daß die Geschäfte in Meulaboh zum Erliegen gekommen seien, die Nahrung ausgehe und immer mehr Überlebende zum Plündern übergingen. Vizepräsident Kalla, der das Gebiet ebenfalls überflogen hatte, wies die Marine an, den Ort als Schwerpunktgebiet zu behandeln. Auf dem Landweg gibt es kein Durchkommen, sämtliche Straßen und Brücken sind ganz oder teilweise zerstört; auch der Flughafen ist nicht mehr funktionstüchtig.
Ausländische Hilfe
Mehrere Schiffe haben Kurs auf die Küste genommen. Zwei Kriegsschiffe befinden sich bereits in der Region. Aus ihren Funkzentralen stammt auch die Meldung, daß vier Inseln, die einst die Nias-Inseln umrandeten, nicht mehr existieren. Ob sie bewohnt waren, weiß man im Land der 17.000 Inseln nicht.
In der Hauptstadt der Provinz, Banda Aceh, sind unterdessen erste Hilfsteams aus dem Ausland eingetroffen. In Banda Aceh landeten zwei Militärmaschinen aus Australien und drei UN-Flugzeuge. In einem Telefongespräch mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, versicherte Yudhoyono am Mittwoch, daß Indonesien internationale Hilfe annehmen und mit den Organisationen zusammenarbeiten werde.
Keine Reisefreiheit
Erst nach tagelangem Zögern hatte die Regierung in Jakarta am Dienstag abend die Einreisevorschriften für Ausländer gelockert. Von Reisefreiheit kann aber noch immer keine Rede sein. Ein Sprecher des Wohlfahrtsministeriums teilte mit, daß in Jakarta stationierte Helfer und Journalisten in das Kriegsgebiet einreisen dürften.
Rettungsteams und Reporter, die nicht in der indonesischen Hauptstadt akkreditiert seien, müßten hingegen einen Antrag beim Militär stellen, dessen Bearbeitung etwa zwei Wochen dauern werde. In Aceh, wo die Regierung die Befreiungsbewegung Gam unter Kontrolle bringen will, wurde vor knapp 20 Monaten das Kriegsrecht verhängt, das vor einiger Zeit in eine Art Ausnahmezustand verwandelt wurde. Die Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten, ist gesunken, seit die beiden Bürgerkriegsparteien eine vorübergehende Waffenruhe vereinbart haben, um sich den Rettungsmaßnahmen widmen zu können.
Bürokratische Hürden
Nicht nur die bürokratischen Hürden erschweren den Helfern die Arbeit. Es fehlen Bergungsgeräte, Lastwagen und vor allem Treibstoff. Trucks, die in die Gebiete führen, kämen wegen Benzinmangels nicht mehr zurück, heißt es. Auch die Kommunikationsverbindungen sind nur bruchstückhaft rekonstruiert, was die Koordinierung fast unmöglich macht.
Die Situation sei "beängstigend", sagte Präsident Yudhoyono. Die 230 Millionen Indonesier nehmen großen Anteil, überall haben sich spontan Solidaritätskomitees gebildet. Verschiedene Firmen und Verlage richteten Hilfskonten ein, Universitäten in der Provinz versuchen, freiwillige Hilfsteams in Katastrophengebiete zu schicken. Eine Kurierfirma aus Jakarta bot kostenlose Lieferdienste für Hilfsgüter nach Nordsumatra an. Selbst auf weit entfernten und armen Inseln wie Ambon laufen Menschen mit Sammelbüchsen durch die Städte.
Unorthodoxe Reaktionen
Die Regierung unterstützt die Hilfsbereitschaft. Geld, das für die Opfer auf Nordsumatra gespendet wird, ist seit Mittwoch steuerabzugsfähig. Die Welle des Mitgefühls wird von Jakarta auch symbolisch gestärkt. Regierungssprecher Jakrapob Penkiar sagte in Jakarta vor Reportern: "Alle Regierungsgebäude werden bis zum 30. Dezember halbmast flaggen. Die Regierung fordert die Menschen auf, Schwarz zu tragen, und bittet alle Religionsgemeinschaften, Gedenkfeiern im ganzen Land abzuhalten."
Die Wucht des Geschehens zwingt auf allen Ebenen zu unorthodoxen Reaktionen. Drei Tage nach dem Seebeben mußte der Minister für Justiz und Menschenrechte, Hamid Awaluddin, einen Präzedenzfall regeln: Wie verfährt der Staat mit Häftlingen, welche die Flutwelle zur Flucht aus dem Gefängnis nutzten? Mehr als 200 Gefängnisinsassen sollen allein in der Stadt Pidi ausgebrochen sein. "Sie rannten um ihr Leben", sagte Awaluddin. "Das ist erlaubt in einer solchen Situation." Wer sich freiwillig bei der Polizei zurückmelde, versprach er, dürfe mit einer Verringerung der Haftstrafe rechnen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 16
Bildmaterial: REUTERS