22. Juni 2007 Zwischen 1821 und 1881 tauschte Charles Darwin, der Begründer der modernen Evolutionstheorie, fast 15.000 Briefe mit 2000 Korrespondenten in aller Welt aus. Der größte Teil davon befindet sich heute im Darwin Archiv der Universitätsbibliothek Cambridge in England, zusammen mit Manuskripten, Notizbüchern und Darwins Bibliothek. Fast ein Dutzend Mitarbeiter bearbeiten den Nachlass, der jetzt um einen spektakulären Neuzugang erweitert wurde.
Herr White, Sie sind Herausgeber beim Darwin Correspondence Project: Das Darwin Archiv beherbergt einen der vollständigsten Nachlässe der Welt. Taucht überhaupt noch Neues auf?
Oh, ja! In der Korrespondenz gibt es Hinweise auf mehrere hundert Briefe, die bisher verschollen sind. Die meisten Briefe an Darwin haben wir - was häufig fehlt, sind die von ihm selbst geschriebenen und verschickten Briefe.
Betrifft das nur Briefe - oder auch Manuskripte und persönliche Gegenstände?
Das kommt auch vor: Ein Nachfahre Darwins hat uns kürzlich viel Material überlassen, darunter eine Kopie der Hausbibel der Familie Darwin.
Bei Darwins wurde die Bibel gelesen?
Das wird sich zeigen müssen. Die Bibel gehörte Emma, Darwins Frau, die er 1839 heiratete. Das Buch ist übersät mit ihren Anmerkungen. Emma war Unitarierin, die Bibellektüre ist ein fester Bestandteil dieser Religionsgemeinschaft. Wir wissen, dass sie Darwin viel vorgelesen hat. Auf das religiöse Familienleben finden wir vielleicht mehr Hinweise in den Anmerkungen.
Das klingt ungewohnt: das religiöse Familienleben der Darwins?
Ja, das ist eine der spannendsten Fragen. Bisher drehte sich alles um die abstrakte Frage, ob Darwin an Gott glaubte oder nicht. Darüber wurde vieles vernachlässigt, etwa, dass Darwin die Kirche stark unterstützte.
Wie das denn?
Finanziell zum Beispiel. Aber auch in der Verwaltung. Der Vikar der Gemeinde, wo Darwin lebte, war häufig nicht da. Darwin unterrichtete ihn in Briefen über das Gemeindeleben - über Korruptionsfälle etwa oder Frauen, die auf der Straße angesprochen werden. Es deutet darauf hin, dass Darwin die Kirche als einen wichtigen Bestandteil des Soziallebens betrachete.
Entschuldigen Sie, aber jetzt doch die Frage: Glaubte Darwin nun an Gott?
Sehen Sie, als Antwort darauf gibt es seit Anfang diesen Jahres die Internetseite Darwin and Religion. Gegen Ende seines Lebens bezog Darwin eine agnostische Position. Wie sehr ihn das Thema aber beschäftigte, zeigt der Briefwechsel mit Asa Gray von 1860 an. Den finden Sie bei uns online.
Wer war Asa Gray?
Asa Gray war ein amerikanischer Botaniker. In vielen Hinsichten vertrat er die Evolutionstheorie. Allerdings glaubte er, dass die Variationen von Tieren und Pflanzen von Gott geschaffen worden waren. Darwin - er konnte sehr lustig sein - schrieb ihm dazu: Wollen Sie mir weismachen, dass die Form meiner Nase einen vernünftigen Grund hat?
Wurde Darwin von Korrespondenten häufig nach seinem Glauben gefragt?
Ja, zum Beispiel von Mary Boole. Er antwortete sehr zurückhaltend. An Boole schrieb er: Welche Ansicht ich dazu vertrete, ist eine Frage, die für niemanden Folgen hat außer für mich selbst.
Wird die Bibel auch ins Internet gestellt werden?
Hoffentlich ja. Emma Darwins Anmerkungen sind schwer zu entziffern. Bis wir das transkribiert haben, wird es eine Weile dauern. Vielleicht können wir dafür auch das Original der Bibel, von der wir die Kopie besitzen, konsultieren. Sie ist in Privatbesitz in den Vereinigten Staaten. Bis dahin muss sich die Forschung leider gedulden.
Die Website steht unter http://www.lib.cam.ac.uk/Departments/Darwin/.
Die Fragen stellte Julia Voss.
Text: F.A.Z., 22.06.2007, Nr. 142 / Seite 33
Bildmaterial: AP