Steinmeier in China

Zum Dank ein Netz voller Fußbälle

Von Wulf Schmiese, Chongqing/Dujiangyan

Steinmeier besucht eine Containersiedlung in Dujiangyan

Steinmeier besucht eine Containersiedlung in Dujiangyan

15. Juni 2008 Auf die Wahrung der Pietät legt Außenminister Frank-Walter Steinmeier großen Wert. Deshalb wird jedem Mitreisenden, auch den Vertretern aus Deutschlands Wirtschaftsadel, am Samstag eine schriftliche Warnung ins Hotelzimmer gelegt: „Für das morgige Programm wird darauf hingewiesen, dass das Tragen einer Krawatte im Lichte der Katastrophe nicht angemessen ist.“

Das gilt für Sonntag, den – wiewohl traurigen – Höhepunkt von Steinmeiers China-Reise. Denn da besucht er die Region rund um die Provinzhauptstadt Chengdu, wo von mutmaßlich 85.000 Toten noch immer 15.000 in Schutt und Schlamm begraben liegen. Vor einem Monat bebte hier die Erde und zertrümmerte das Leben von mehr als sechs Millionen Chinesen, von denen die meisten bis heute obdachlos sind.

Unumgehbare Weltmacht

Ordnung selbst in der Katastrophe: Eintrag ins Gästebuch

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„Auf dem Weg ins Paradies“ heißt das Schiff, auf dem für Steinmeier am Abend vor dem Weiterflug ins Erdbebengebiet eine Party gegeben wird. Hier schon fehlen die Krawatten. Kellner schenken Bier und chinesischen Rotwein nach. Deutschlands Außenminister lehnt lachend an der Reling, das schwarze Hemd weit offen und durchnässt von Sommerschwüle und Nieselregen.

Die Wirtschaftsvertreter, Deutsche wie Chinesen, lassen sich einzeln mit Steinmeier fotografieren, „dem Kanzlerkandidaten“, wie er kaum mehr scherzhaft genannt wird. Mit dem reißenden Jangtse, Chinas längstem Fluss, treibt das Schiff entlang der schier endlosen Skyline von Chongqing. An den Ufern blinkt und flackert die Lichtreklame der Wolkenkratzer. Mehr als 30 Millionen Einwohner hat Chongqing und eine Fläche so groß wie Bayern und Thüringen zusammen. Und es wächst täglich, seine Wirtschaft boomt.

Steinmeier ist davon überzeugt, dass Deutschland des eigenen Wohlstands wegen beteiligt sein muss an Chinas brachialem Wachstum. Bei der Führung in Peking sprach er am Freitag zwar die Lage in Tibet an und forderte eine Einigung mit dem Dalai Lama. Er verhandelte, dass der Menschenrechtsdialog mit Deutschland fortgesetzt wird, und übergab Chinas Ministerpräsident Wen eine Liste mit Namen politischer Gefangener, auf deren Freilassung Berlin dringt. Aber die chinesischen Medien zitierten ihn ausführlich mit seinem Wunsch von der deutsch-chinesischen „Verantwortungspartnerschaft“.

Steinmeier sieht China als unumgehbare Weltmacht, mit deren Hilfe die Erde vor Terror und Atomkrieg sicherer wird. Und ohne die Klimawandel und Umweltzerstörung schwerlich aufzuhalten sind. Deshalb ist Steinmeier auch nach Chongqing gekommen.

Deutsche Mülltrennung als Exportmodell?

Deutschlands große Unternehmen sind längst hier, darunter Siemens, BMW und Degussa. Im vergangenen Jahr wurden allein nach Chongqing deutsche Waren im Wert von einer halben Milliarde Euro eingeführt, 40 Prozent mehr als 2006. Um Chongqing mit der nötigen Energie zu versorgen, wird seit 15 Jahren gegen weltweite Proteste von Umweltschützern der Drei-Schluchten-Staudamm in der Nachbarprovinz gebaut, wozu ganze Städte abgerissen und Millionen Menschen umgesiedelt worden sind.

„Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ heißt die Veranstaltungsserie des Auswärtigen Amtes, mit der es bis 2010 in China für Deutschland werben will. Bundeskanzlerin Merkel eröffnete die Reihe im August in Nanking. Steinmeier setzt sie nun in Chongqing fort, indem er am Sonntag Hauptredner auf einem Urbanisierungsforum ist. Der höchste KP-Sekretär der Stadt sagt dem Vizekanzler mit süffisantem Lächeln eine „vielversprechende Zukunft“ voraus.

Zentrales Thema ist hier allerdings die Kommunalpolitik. Von Abfallbeseitigung über Wasseraufbereitung bis hin zu ökologischem Bauen wird mit Chinas großen Städteplanern und kleinen Provinzfunktionären beraten. „Die Fragen der Globalisierung erfordern neue Politik“, sagt Steinmeier und appelliert an die Nomenklatura, „neue Herausforderungen nicht mit alten Denkmustern anzugehen“. Steinmeier glaubt, dass Chinas Führung sich inzwischen ernsthaft für Nachhaltigkeit interessiert. Außenminister Yang habe ihn ausführlich über die deutsche Mülltrennung befragt.

Reibungslos wie nie

Für die Stadt Dujiangyan sind das die allerfernsten Probleme. Dorthin fährt Steinmeiers Kolonne aus acht Bussen nach der Landung in Chengdu. In dem Gebiet um Dujiangyan zerstörte das Beben 3600 Dörfer und mehr als die Hälfte aller Häuser. Das Auswärtige Amt hat für drei Millionen Euro Tausende Zelte und Notunterkünfte, ein mobiles Krankenhaus sowie Trinkwasseraufbereitungsanlagen bauen lassen. Im Viertelstundentakt besucht Steinmeier die deutschen Helfer, spricht mit Ärzten des Deutschen Roten Kreuzes, mit Einsatzleitern des Technischen Hilfswerks und der Caritas.

Er sei dankbar, „dass die Menschen hier gut versorgt sind“, sagt der Außenminister auch in die chinesischen Fernsehkameras. Knapp tausend Patienten täglich kommen in das mobile Krankenhaus, das aus Zelten des Roten Kreuzes aufgebaut ist. „Mustergültig“ nennt der technische Leiter Claus Muchow die Zusammenarbeit mit den Chinesen. Eigentlich ist er Schornsteinfegermeister im Münsterland, aber seit dem ersten Tag hier im Einsatz. So reibungslos sei es noch in keinem seiner bisherigen Hilfseinsätze gelaufen.

Steinmeier wird zu einer blankgefegten Barackenstadt gefahren, in der 6000 Obdachlose wohnen. In Baracke Nummer eins sitzen zwei Politoffiziere unter einem Parteiplakat. An jedem der Pavillons weht die rote Fahne. Viele Bewohner stehen wie aufgestellt vor ihren Türen, winken Steinmeier zu und fotografieren ihn mit ihren Mobiltelefonen. In der Schule des Notdorfs legt ein Mädchen dem deutschen Gast das rote Tuch der Pioniere um und hebt die rechte Hand zum passenden Gruß. Zum Dank übergibt Steinmeier unter dem braven Beifall der Schüler ein Netz voller Fußbälle.

„Respekt und Sympathie“

Vor allem die Schulen der Stadt gingen zu Bruch, stattliche Villen der Parteibonzen und deren Verwaltungsgebäude hielten hingegen Stand. Schulen seien besonders billig gebaut gewesen, heißt es, der gelieferte Stahl und Zement abgezweigt worden, was Korruption vermuten lasse.

„Wir wollen acht Schulen im Erdbebengebiet wieder aufbauen“, kündigt Steinmeier an. Acht deutsche Schulen sollten die Patenschaft übernehmen – die Acht ist in China eine Glückszahl. Das Auswärtige Amt und vor allem die deutsche Wirtschaft haben dafür drei Millionen Euro als „konkreten Beitrag zur Hilfe“ zugesagt. „Wir sind gekommen“, sagt Steinmeier den Funktionären, „um unser Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen als politisch, wirtschaftlich oder kulturell Verantwortliche und vor allem: als Freunde.“

Das Beben hat China verändert. Steinmeier hält es für möglich, dass Burmas zynischer Umgang mit der Wahrheit dem großen Nachbarn China ein warnendes Beispiel war. Früher hätten auch Pekings Machthaber Katastrophen im Land hemmungslos verschwiegen, vertuscht und kleingelogen, erinnern sich ortsansässige Diplomaten.

Manche fügen an, dass man nach wie vor nicht wirklich über die wahre Situation in Tibet Bescheid wisse – die der Dissidenten wie auch die der Erdbebenopfer dort. Aus dem tibetischen Teil der betroffenen Provinz Sichuan gebe es kaum Bilder und Fakten zur Lage. Dennoch stimmen selbst die China-Skeptiker Steinmeier zu, dass die Führung erstaunlich offen, ehrlich und selbstkritisch mit der Katastrophe umgegangen sei. „Respekt und Sympathie“ habe China dadurch bei den Deutschen gewonnen, sagt Steinmeier – und klingt erleichtert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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