Von Petra Kolonko, Peking

Helfer suchen in den Trümmern nach Überlebenden des Erdbebens - doch die Chance auf Erfolg schwindet
20. Mai 2008 Noch wird von Wundern berichtet. In der Nacht zum Dienstag, mehr als eine Woche nach dem Erdbeben, wurde ein Mann lebend aus den Trümmern des Verwaltungsgebäudes eines Wasserkraftwerks geborgen. 179 Stunden hatte der 31 Jahre alte Ingenieur in den Ruinen des Hauses im Kreis Wenchuan ausgeharrt, bis die Rettungskräfte sich zu ihm durchgearbeitet hatten. Er konnte sprechen und befindet sich im Krankenhaus, in stabilem Zustand.
Das chinesische Fernsehen wiederholt sie gern, die Bilder von den unerwarteten Rettungen, vom Bergen der Menschen aus den Trümmern des Erdbebens, doch viele neue Berichte dieser Art gibt es nicht mehr. Zwar versichern Fachleute noch immer, dass Menschen, sofern sie etwas zu trinken haben, noch länger als acht Tage durchhalten können. Und Staatspräsident Hu Jintao selbst hat die Anweisung ausgegeben, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssen, wenn es noch die kleinste Chance auf Rettung gibt. Acht Tage nach dem Erdbeben schwinden jedoch die Chancen, noch Überlebende zu finden
Verwesung schreitet rasch voran
Stattdessen geht die grausige Arbeit der Totenbergung weiter. Bis zum Dienstagabend lag die offizielle Zahl der Todesopfer bei mehr als 34.000 , da aber noch mindestens 15.000 Personen verschüttet oder vermisst sind, könnte die Zahl der Opfer auf mehr als 50.000 steigen. Nach Angaben im Internet sind auch von den aus den Trümmern geretteten Menschen mittlerweile mehr als 3000 gestorben. Wegen des warmen Wetters in Sichuan schreitet die Verwesung der Verschütteten schnell fort.
Das Innenministerium kündigte an, man wolle ein DNA-Datenbank und Fotoarchive einrichten, damit nicht identifizierte Tote verbrannt und später identifiziert werden können. Überall in den Katastrophengebieten wurden kleine Trauerfeiern abgehalten. Nach chinesischer Sitte wurde Papiergeld für das Leben in der Unterwelt verbrannt. Die chinesische Regierung versprach ein Sterbegeld von 5000 Yuan (etwa 600 Euro) pro Person. Freilich ist nicht ganz klar, wem das zugute kommen soll, sind doch schon viele Tote in Massengräbern begraben oder verbrannt worden.
Nachbeben löst Panik aus
Viele der Überlebenden sind traumatisiert, und ganz besonders jene, die ihre Angehörigen verloren haben, brauchen Trost und Zuspruch. Erste Gruppen von Sozialarbeitern und Psychologen sind im Einsatz, die Opfer werden in Gruppen betreut und sollen vor allem über ihre Erlebnisse sprechen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Volksrepublik ist wegen einer Katastrophe eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. Unterhaltungsprogramme sind abgesagt, Kinos und Bars geschlossen. Die Zeitungen erscheinen mit schwarzen Schlagzeilen, und im staatlichen Fernsehen zeigen alle Kanäle die Erdbebenberichterstattung. Die Flaggen wehen auf Halbmast.
Am Dienstag erschütterte ein Nachbeben der Stärke 5 den Kreis Pingwu, der etwa 120 Kilometer entfernt vom Epizentrum Wenchuan liegt. Die Kleinstadt Pingwu, deren Herz der berühmte 500 Jahre alte buddhistische Tempel Bao’ensi ist, liegt in einem Bergtal, wieder sind Straßen verschüttet und der Zugang zum Ort abgeschnitten. Auch in der Provinzhauptstadt Sichuan gab es eine Panik, als in der Nacht zum Dienstag vor Nachbeben gewarnt wurde. Tausende versuchten, mit ihren Autos die Zehn-Millionen-Stadt zu verlassen, es kam zu einem Verkehrschaos. Viele Menschen übernachteten im Freien.
Staudämme drohen zu bersten
Gefahr droht weiter von den vielen Staudämmen und den von Erdrutschen aufgestauten Flüssen. Allein am Min-Fluss hat es mehr als 1000 Erdrutsche gegeben. Nach Angaben des Wasser-Ressourcenministeriums liegen im Erdbebengebiet der Bergtäler Sichuans 371 Stauseen, die gefährdet sind. Davon sind zwei große Stauseen und 28 mittelgroße mit Wasserkraftwerken ausgestattet. Geologen aus Chengdu berichteten der Zeitung Xinjing“ , die Flutgefahr sei groß. Allein im Kreis Jiangyou sind 187 Stauseen beschädigt; für 135 von ihnen wurden Sicherheitswarnungen ausgegeben.
Die chinesische Regierung beeilt sich zu versichern, dass weder von atomaren Einrichtungen der Armee noch von Chemiefabriken in der Erdbebenregion Gefahr droht. Doch wurde am Dienstag fast beiläufig bemerkt, dass 30 radioaktive Elemente geborgen worden und zwei weitere in den Trümmern lokalisiert seien. Worum es sich handelt, wurde nicht bekannt. In einer Chemiefabrik im Kreis Maoxian sind mehrere Tonnen Chemikalien ausgetreten, in einer anderen Salzsäure.
Nie dagewesene Spendenbereitschaft
Die Behörden stehen vor der gewaltigen Aufgabe, den mehr als fünf Millionen Obdachlosen eine Unterkunft zu schaffen. Weitere sieben Millionen sind aus ihren beschädigten Häusern geflohen oder evakuiert und müssen ebenfalls untergebracht werden. 280.000 Zelte seien schon in das Erdbebengebiet gebracht worden, aber das sei noch lange nicht genug, sagte die stellvertretende Innenministerin, Jiang Li, am Dienstag in Peking. Die Regierung habe 700.000 weitere Zelte bestellt.
Das Erdbeben hat zu einer noch die dagewesenen Spendenbereitschaft in China geführt. Umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro waren bis zum Dienstag gespendet. In China wird nun die Frage gestellt, wie sichergestellt werden kann, dass das Geld auch die Opfer erreicht. In einem Land, in dem Unterschlagung und missbräuchliche Verwendung öffentlicher Mittel an der Tagesordnung sind, wird das schwierig sein.
Die Innenministerin versicherte, es werde strikt nach Gesetz vorgegangen, und man unterwerfe sich der Kontrolle durch die Öffentlichkeit und durch die Medien. Die Spenden sollen hauptsächlich dazu verwendet werden, zerstörte Häuser wieder aufzubauen. Die Kreisstadt Beichuan allerdings, die durch das Erdbeben fast ganz zerstört würde, soll nicht an derselben Stelle wiederaufgebaut werden. Am Unglücksort will man nur eine Gedenkstätte einrichten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa