16. Mai 2008 Während die Zahl der Opfer der Erdbebenkatastrophe im Südwesten Chinas stündlich steigt, bleiben die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft gering. Nach dem Beben am Pfingstmontag verlor der chinesische Aktienindex am Dienstag lediglich 1,8 Prozent. Werte von Beton- oder Arzneimittelherstellern legten zu, wie dies nach jeder Katastrophe geschieht. Die Zentralbank befreite Banken in der Erdbebenregion von der jüngsten Anhebung der Reserveanforderung, um für den Wiederaufbau höhere Kredite austeilen zu können. Zeitgleich verhängte die Regierung befristete Preiskontrollen für Lebensmittel und Transporte in den insgesamt vier betroffenen Provinzen Sichuan, Gansu, Shaanxi und Chongqing, um Wucher zu bremsen.
In der Bevölkerung wächst unterdessen der Ärger über die schlechte Qualität der in China extrem schnell hochgezogenen öffentlichen Bauten. Sie brachen wie Kartenhäuser zusammen und begruben Fabrikarbeiter und Schulkinder, Kranke und Alte unter einem Berg von Trümmern. Zwar sind auch die Fertigungsanlagen einzelner Unternehmen zerstört. Auslandsinvestoren sind allerdings praktisch nicht betroffen. Und auch an Chinas Volkswirtschaft scheint die Katastrophe weitgehend vorbeigezogen zu sein, weil die Provinz Sichuan nicht zu den Hauptfertigungsgebieten Chinas gehört. So schätzt die Bank Lehman Brothers, Sichuan trage lediglich 3,5 Prozent zur Produktionsleistung der Volksrepublik bei. Nur etwa ein Prozent der chinesischen Exporte stammt aus der ländlichen Gebirgsregion. Wir glauben, dass die makroökonomischen Folgen des Erdbebens wesentlich geringer sein werden als diejenigen der Schneestürme zu Jahresbeginn“, sagte Wang Qian, Analyst der amerikanischen Investmentbank JP Morgan.
Schlechte Ernten erhöhen Teuerungsdruck
Allerdings steuert die überwiegend ländliche Region rund 8 Prozent zu Chinas Reisanbau bei. Fast 12 Prozent der Schweine des Landes werden hier gezüchtet. Angesichts der dramatischen Preissteigerungen für Lebensmittel könnte der Ausfall von Ernten und Fleischproduktion den Teuerungsdruck erhöhen. Nach Angaben der Regierung hat das Beben von Montagmittag mit der Stärke 7,9 auf der nach oben offenen Richterskala mehr als 100 000 Quadratkilometer Land zerstört. Beschädigt wurden auch 391 Staudämme, einige davon so schwer, dass zwischenzeitlich Evakuierungen angeordnet wurden oder die Rettungsarbeiten aus Furcht vor einer Flutwelle unterbrochen werden mussten. Auch bekommen nun diejenigen Standorte in Sichuan, die arbeiten könnten, die Katastrophenmaßnahmen zu spüren: Transporte mit Stahl werden umgeleitet, da sie für den Wiederaufbau gebraucht werden. Zudem sind Eisenbahnstrecken, Strom- und Telefonleitungen zerstört. Mindestens drei wichtige Eisenbahnstrecken aber seien inzwischen wieder geräumt, hieß es am Freitag.
In der Erdbebenregion wird etwa ein Fünftel des von China verbrauchten Erdgases gefördert. Erst allmählich aber siedelten sich, gefördert von Pekings Politik zur Entwicklung des Westens, weitere Branchen hier an. Der Ölkonzern Petrochina Co. lässt nun eilig prüfen, ob die für rund 50 Milliarden Yuan (4,6 Milliarden Euro) geplante Chemieanlage vor den Toren Chengdus angesichts der Erdbebenrisiken gebaut werden kann. Jiang Jiemin, der Vorsitzende des Verwaltungsrates, sagte in Peking, er habe eine Sondereinheit von Fachleuten zusammengerufen, um den gewählten Standort in Pengzhou noch einmal auf Herz und Nieren zu prüfen.
Sicherheit von Atomanlagen wird überprüft
Zunächst hatte Petrochina 76 Bohrplattformen direkt nach der Katastrophe schließen lassen. 60 von ihnen hatten bis Freitag die Arbeit wiederaufgenommen. Überprüft wird auch die Sicherheit von Atomanlagen: In der betroffenen Region befinden sich Brennstab-Fabriken und Forschungsreaktoren. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua brachen in Shifang zwei Chemiefabriken zusammen. 600 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein, mehr als 80 Tonnen Ammoniak seien ausgetreten. Es ist nicht bekannt, ob die Todesfälle direkt auf das Beben oder den Austritt der Chemikalie zurückzuführen sind.
Auf der anderen Seite wollen Betonhersteller wie Anhui Conch Cement Co. die Produktion in Sichuan dank der nun wohl sehr hohen Nachfrage schnell ausbauen. Zudem erwarten die Zementhersteller, dass die Regierung angesichts der massiven Zerstörung höhere Standards für Bauten in ganz China einführen wird – was zu einem deutlich stärkeren Betonkonsum und damit steigenden Umsätzen führen dürfte. Conch, Chinas Marktführer für Zement, kündigte an, 15 Milliarden Yuan in neue Fabriken in Sichuan zu investieren.
Der Hersteller von Turbinen und Generatoren, Dongfang Electric Corp., steht beispielhaft für die Entwicklung: Zunächst sagte das Unternehmen, ein Fünftel seiner Produktion sei zusammengebrochen. Der Aktienkurs wurde daraufhin am Dienstag ausgesetzt. Inzwischen aber sind die meisten Standorte wieder aufgeräumt und instand gesetzt. Nachdem die Behörden die Aktien auf Druck von Dongfang am Freitag wieder zum Handel in Hongkong zuließen, gab sie 20 Prozent nach.
Schnelle Reaktion der Deutschen
Deutsche Unternehmen, in China unter den Hauptinvestoren, reagierten schnell: Daimler, Siemens und Volkswagen sagten noch am Tag des Bebens finanzielle und logistische Hilfe zu. Unternehmen wie BASF, Bosch, Tunnelbauer Herrenknecht und auch die Stadt Düsseldorf, die sich gerade auf einer Deutschlandpromenade“ in Chongqing präsentieren, finanzieren ein Solidaritätskonzert für die Opfer an diesem Samstag in der Wirtschaftsmetropole des Westens. BASF plant dort den Bau einer großen Anlage für Kunststoffe. Der Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (APA) will zudem den Wiederaufbau in Sichuan mit dem Bau von Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern unterstützen. Gleiches gelte auch für Burma (Myanmar), heißt es in einer Mitteilung. Summen oder auch der Weg hinein in die verschlossene Militärdiktatur, in der in einem Wirbelsturm bis zu 100 000 Menschen gestorben sein könnten, wurden nicht genannt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Reuters