Von Marco Dettweiler
12. April 2008 Marius F. telefoniert selten. Dafür spricht seine Frau umso mehr. Fast jeden Tag ruft Frau F. ihre Familie in Polen an, die Gespräche dauern häufig eineinhalb bis zwei Stunden. Im Monat kommen somit zwischen 40 und 50 Stunden zusammen. Dank Arcors Telefon flat mit der Extraoption International flat 1 bleibt die Rechnung bezahlbar. Wir haben uns für diesen Anbieter entschieden, weil es die Auslandsflatrate für 3,95 Euro gibt, sagt Marius F. Dadurch kann meine Frau regelmäßig nach Polen telefonieren. Arcors Werbung für die verschiedenen Flatrates ist auf der Homepage nicht zu übersehen. Mit den cleveren Ergänzungen zum Paket könnten Kunden endlos telefonieren, wird behauptet. Das stimmt aber nicht.
Überraschenderweise ist es das Unternehmen Arcor selbst, das manche Kunden darauf hinweist, dass ihre Flatrate begrenzt, also endlos endlich ist. Marius F. wurde per Schreiben zurechtgewiesen. Dass er in außergewöhnlich hohem Maße telefoniert lege den Schluss nahe, dass er die Leistungen nicht ausschließlich zur Abdeckung seines privaten Telefonbedarfs nutze. Und dann folgt Klartext: Sollten sie Ihre Extraoption nicht umstellen wollen, fordern wir Sie auf, Ihre Gespräche ins Ausland umgehend und erheblich zu reduzieren.
Kein Einzelfall
Dieses Schreiben ist kein Einzelfall. In Internetforen beschweren sich viele Arcor-Kunden darüber, dass das Unternehmen Vieltelefonierer mit der Flatrate ködert und nach Abschluss des Vertrages Kunden vorwirft, dass die außergewöhnlich hohe Nutzung nicht dem gemeinsamen Verständnis bei Vertragsabschluss entspreche. Verärgerte Flatrate-Nutzer haben sich an die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gewandt. Die hat sich dem Fall angenommen, die Kundenbeschwerden gebündelt und Klage gegen Arcor erhoben.
E-Plus geht mit seinen Kunden in der Internet-Flatrate Base offenbar ähnlich um. In Online-Foren berichten Kunden, E-Plus habe ihren Tarif gekündigt, weil sie angeblich tagelang am Stück im Internet gewesen seien und ständig Daten übertragen hätten. Das bestreiten die Kunden. E-Plus verteidigt sich gegenüber FAZ.NET. Wer seine Online-Flatrate privat und im üblichen Rahmen nutze, müsse nicht mit einer Kündigung rechnen. Dabei ließ das Unternehmen offen, was es für einen üblichen Rahmen hält.
Im Falle von Arcor fordert die Verbraucherzentrale NRW das Unternehmen auf, es zu unterlassen, Kunden per Brief aufzufordern, die Gespräche umgehend und erheblich zu reduzieren, obwohl sie eine Flatrate für den privaten Gebrauch gebucht haben. Auch die Forderung, den Tarif umzustellen, geht uns zu weit, sagt die Juristin Helga Zander-Hayat von der Verbraucherzentrale NRW. Die Werbeaussage Endlos telefonieren bedeute ebenso wie der Begriff Flatrate, dass der Tarif eben ein Pauschaltarif sei und es daher keine Begrenzung geben dürfe. Plötzlich wird den betroffenen Kunden suggeriert, dass sie sich nicht vertragstreu verhalten.
Privater Telefonbedarf
Arcor beruft sich auf einen einzigen Absatz der Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Dort steht, dass der Kunde die von Arcor erbrachten Leistungen ausschließlich zur Abdeckung seines privaten Telefonbedarfs nutzt. Das Unternehmen wirft Marius F. und anderen Powerusern demnach vor, den Anschluss gewerblich zu nutzen. In der Vergangenheit haben wir immer wieder Missbrauch festgestellt, sagt Thomas Rompczyk von Arcor. Daher sei es rechtlich zulässig, dass das Unternehmen dagegen vorgehe.
Ab wieviel monatlicher Gesprächsdauer Arcor davon ausgehe, dass jemand die Flatrate gewerblich nutzt, kann Rompczyk aber nicht sagen. Eine Grenze gibt es nicht. Den Sachverhalt, dass Marius F. und seine Frau mit gerade einmal eineinhalb Stunden täglich ihren Anschluss wohl kaum für geschäftliche Zwecke nutzen und dennoch ein solches Schreiben bekommen, kann der Arcor-Sprecher auch nicht erklären. Es gebe aber auch keine Sanktionen während der Nutzung.
Die Unterlassungsklage der Verbraucherzentrale ist auf dem Weg. Bis Arcor darauf reagiert und das Gericht entschieden hat, bekommt Marius F. vermutlich ein nächstes Schreiben, indem er abermals zum Tarifwechsel aufgefordert wird. Wir sind auch im Recht, dem Kunden zu kündigen, sagt der Arcor-Sprecher. Dann müsste sich Marius F. einen neuen Anbieter suchen - und seine Frau könnte endlich endlos telefonieren.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Arcor
